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letzter Beitrag von larchbolete am

Bei Minusgraden auf Helmlingssuche

  • Hallo zusammen,


    hier hat es seit einigen Tagen schon geschneit und gefroren. Die oberste Schicht des Waldbodens ist gefroren, was natürlich bedeutet, dass die meisten Pilze so aussehen wie diese Dehnbaren Helmlinge (Mycena epipterygia), die dank Frost alles andere als dehnbar waren:


    Klar, Becherchen, Rindenpilze und co kann man in Massen finden, aber ich wollte ja eigentlich Helmlinge haben und zwar nicht gefroren.
    Und die findet man auch recht schnell, so man denn weiß, wo zu suchen ist. Es gibt zahlreiche filigrane Arten, die auf Blättern wachsen und da nur die oberste Schicht wirklich gefroren ist, suche man sich einfach ein Plätzchen wie dieses hier u.a. mit Eichenlaub und wühle darin herum:


    Bereits nach wenigen Sekunden waren die ersten zur Stelle, schöne, intakte, aber winzige kleine Helmlinge an Eichenlaub:


    Man sieht, dass die Exemplare über eine kleine Basalscheibe an der Stielbasis verfügen, was die Bestimmung in Kombination mit dem Substrat Eichenlaub schon klar macht: Es ist Mycena mucor.



    Mikroskopisch von den folgenden Arten durch die Cheilozystiden mit längeren, unregelmäßigen Auswüchsen, die Hutdeckschicht (HDS) mit Zellen mit langen Auswüchsen und die glatte Stielrinde klar abgegrenzt:


    Kaum einen Meter weiter die nächste Art, die makroskopisch nicht über eine Basalscheibe verfügt und deren Lamellen den Hutrand nicht ganz erreichen. Wie Mycena mucor ist auch diese Art überwiegend weiß gefärbt, aber im Durchschnitt länger gestielt.
    Es handelt sich hier um Mycena polyadelpha, ebenfalls an Eichenblättern:




    Wieder am gleichen Substrat, einige Meter weiter, einige Gruppen rosalicher Winzlinge. Genau die wollte ich finden. Mycena smithiana unterscheidet sich von den vorigen Arten makroskopisch durch die rosa Färbung und ist auch hier bereits eindeutig, so das Substrat denn Eichenblätter sind. Mikroskopisch von M. polyadelpha durch die größeren Sporen, die konstant 2-sporigen Basidien (was polyadelpha aber gelegentlich auch mal kann) und die anderen Stielrinden-Endzellen unterscheidbar.




    Zwischen den rosalichen Exemplaren fanden sich zwei intensiv orangebraune Exemplare, die sich nach mikroskopischer Untersuchung jedoch auch als Mycena smithiana entpuppten:


    Freilich waren auch noch andere, weiter verbreitete Arten zur Stelle, wie etwa der Bogenblättige Helmling, der ja inzwischen gemeinsam mit einigen anderen Helmlingen der Sektion Hiemales eine eigene Gattung bekommen hat und deshalb Phloeomana speirea heißt:


    Beim Stöckchendrehen hätte man hunderte Becherchen, Rindenpilze und Schleimpilze mitnehmen können. Aber die Zeit habe ich leider nicht. Hier z.B. Trichia varia neben einem nicht näher untersuchten Rindenpilz:


    Chondrostereum purpureum macht natürlich auch immer was her, sogar gefrostet:


    Und zuletzt noch was Nicht-Pilziges: Haareis, immer wieder schön:


    Die Tour habe ich bereits gestern gemacht, hat etwa eine Stunde gedauert und ich habe etwa eine Strecke von 150 Metern oder weniger zurückgelegt. Also völlig normales Tempo für eine Helmlingssuche. ;)


    Viele Grüße,
    Matthias

    Je intensiver man sich mit Pilzen beschäftigt, desto komplizierter wird es, sie zu bestimmen.

  • Hi Matthias,


    hübsch die kleinen .heart auch deine mikroskopische Aufbereitung ist wieder mal ein richtiges Träumchen. :alright: Ich hab mir btw. gerade das neue Mycena-Werk von Arne Aronson zugelegt; d.h. ich sehe mir zukünftig auch gern mal den einen oder anderen Helmling an. :)


    Ich bin immer noch ganz von den Socken. Nicht gefrostete Blatthelmlinge.


    Danke für die schöne Tour und die tollen Mikrobilder.


    l.g.
    Stefan

    Risspilz: hui; Rissklettern: bisher pfui; ab nun: na ja mal sehen...


    Derzeit so pilzgeschädigt, das geht auf keine Huthaut. :D


    Meine Antworten hier stellen nur Bestimmungsvorschläge dar. Verzehrsfreigaben gibts nur vom PSV vor Ort.

  • Hallo Matthias,


    ich bin total begeistert. :)


    Danke für diesen tollen Beitrag und die klasse Dokumentation. :alright:


    Bei uns sieht es ähnlich aus im Moment, zumindest was Helmlinge betrifft.


    Allerdings habe ich es in den letzten 2 Wochen leider nicht weiter geschafft, als mal kurz 15 Minuten durch den Wald zu spurten als es schon fast dunkel war. Ich hoffe, es bleibt noch ein wenig mild, auch bei dir. Solche Beiträge sind einfach nur Klasse.


    Ein lieben Gruß,


    Markus

  • Hallo Matthias!


    Das, was du abbildest, das ist ja soooooo stark!!
    Du musst dein Repertoire dieser klaren makro- und mikroskopischen Bilder unbedingt mal veröffentlichen, eben mit diesen Infos dazu.
    Kleines Fräglein noch: die M. speirea ist aber nicht auf den Blättern gewachsen oder doch?

    Zitat


    Beim Stöckchendrehen hätte man hunderte Becherchen, Rindenpilze und Schleimpilze mitnehmen können.......


    Endlich jmd., der mich versteht.
    Und da hört man in den letzten Tagen doch tatsächlich ständig, dass sich das mit dem Pilzebeschäftigen für dieses Jahr erledigt hat, weil der Winter Einzug hält.


    VG Ingo W

  • Hallo Matthias!
    Wieder einmal faszinierend, wie Du die wunderhübschen Kleinchen ablichtest und dokumentierst! Danke!
    Besonders gut gefallen mir diesmal die Fotos von den Basalscheibchen.

  • Matthias, Du übertriffst Dich wieder mal selbst mit diesem fantastischen Beitrag!
    5 Sterne sind viel zu wenig!


    Haareis blühte heute auch am Wegesrand, leider war es schon zu dunkel zum Fotografieren.
    Vielleicht klappt das ja morgen?


    LG Nobi

    Hier geht es zu meinen Themen.

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    Chips: 88 nach diversen Verlusten - 10 APR 2019 = 78 + 6 (150er Prämie APR 2019) = 84 -10 APR 2020 = 74 - 5 Macrocystidia-Wette = 69 - 10 APR 2021 = 59

  • Ahoi, Matthias,


    Danke für diese Einblicke!
    Auch das gibt gleich mal einen Chapeau!


    LG
    Peter

  • Hallo Matthias!


    Boah, was für wunderschöne Bilder! Helmlinge finde ich ja sowieso schön, aber die kleinen, die du uns zeigst, sind einmalig schön aufgenommen. So zart, fast wie Glas...


    Danke für diesen Beitrag, der wie Nobi schon sagt, deutlich mehr als 5 Sterne verdient!

  • Hallo zusammen,


    da schreib ich nach einer gefühlten Ewigkeit wieder einen kleinen Bericht ins Forum und schon hab ich zwei Bewertungen dazubekommen, wow. Habe mich sehr gefreut, danke dafür, ebenso wie für die vielen positiven Rückmeldungen.


    Zitat von pilzmel


    Ich persönlich umfahre großräumig alle Gebiete, die für reiche Vorkommen von Helmlingen bekannt sind. Und du wagst dich sogar 150m rein.


    Tja, also ich fahr da extra immer hin, wo's besonders viele gibt. Oft wage ich mich auch weiter als 150 Meter rein, aber das kann bei den Mengen an Helmis, die es hier im Herbst gibt, in völliger Verzweiflung enden. ==Gnolm4


    Zitat von Climbingfreak


    Ich hab mir btw. gerade das neue Mycena-Werk von Arne Aronson zugelegt; d.h. ich sehe mir zukünftig auch gern mal den einen oder anderen Helmling an.


    Aronsens Werk fehlt mir sogar noch. Ich hab die beiden Bände von Robich, insbesondere bei Band 2 ist man ordentlich bedient. Da muss wohl erst die Genetik wieder ein Machtwort sprechen.


    Zitat von Ingo  W


    Du musst dein Repertoire dieser klaren makro- und mikroskopischen Bilder unbedingt mal veröffentlichen, eben mit diesen Infos dazu.


    Ist früher oder später auch angedacht, zunächst einmal hab ich als Ziel, alle Helmlingsarten (inkl. Scheinhelmlingen und optisch ähnliche Gattungen) makro- und mikroskopisch voll zu dokumentieren. Dieses Jahr wurden es 32 Helmlingsdokumentationen (Mycena s.str.) + 2 ausstehend, 3 Arten der Gattung Phloeomana und 7 Arten Hemimycena in 9 Dokus. Aber da ich schon an die 60 Arten Helmlinge s.l. gefunden habe (ohne Hemimycena) ist da noch ordentlich Arbeit angesagt. Vielleicht wird auch mal ne Webseite draus.
    Auch ja, nur falls es interessiert, die Anzahl aller Komplett-Dokumentationen in diesem Jahr aus allen Pilzgruppen zusammen liegt bei über 200, also ich kann euch gut mit Bildern versorgen, so ich dazu komme. ;)


    Zitat von Ingo  W


    Endlich jmd., der mich versteht.
    Und da hört man in den letzten Tagen doch tatsächlich ständig, dass sich das mit dem Pilzebeschäftigen für dieses Jahr erledigt hat, weil der Winter Einzug hält.


    Tja, man muss eben im Winter nur genauer hingucken. Geben tut's immer genug. Oder besser: Mehr als genug.


    @Alle: Weil ihr so begeistert seid von den kleinen, dann habe ich hier noch einen farbenfrohen Winzling, der an Farn wächst und bei weitem nicht so selten ist, wie in mancher Literatur angegeben: Mycena pterigena, Farn-Helmling. (Nobi, Du kennst ja den Standort, wo ich den herhabe ;) )



    Viele Grüße,
    Matthias

    Je intensiver man sich mit Pilzen beschäftigt, desto komplizierter wird es, sie zu bestimmen.

  • Hallo Matthias,


    auch ich wollte dir noch für die fantastische Dokumentation danken. Du zeigst, was Helmlinge, an denen viele Pilzler so achtlos vorbeigehen, für wunderschöne Pilze sind. Zudem konntest du mir auch noch bei einem akuten Bestimmungsproblem weiterhelfen. Perfektes Timing! Lange dauert's nicht mehr, dann arbeite ich mich auch mal in die Gattung ein. Und deine Beiträge sind an dem Entschluss nicht völlig unbeteiligt. :) :alright:


    LG, Jan-Arne

                                                                               
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  • Hallo Matthias,
    wenn ich deine schöne Dokumentation sehen, dann bekomme ich direkt Lust auch ein paar Helmlinge zu suchen und zu Mikroskopieren :)
    Ich bin schon gespannt auf die weiteren Dokumentationen.


    VG : Thorben


  • Nobi, Du kennst ja den Standort, wo ich den herhabe ;)


    Und ob ich den kenne, Matthias!
    Ich gehe seit beinahe 25 Jahren regelmäßig im Herbst dort vorbei, aber diese wunderschöne Mycena musstest Du mir erst zeigen! :D


    Übrigens sind wir im nächsten Jahr zwei Wochen früher dort, vom 14. bis 17. September.
    Nur, damit Du Dich schon mal darauf einstellst! ;)
    Ich möchte ja schließlich noch den 3. Teil unserer kleinen Fichtelgebirgswanderungen schreiben!


    LG Nobi

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  • Oijoijoi, was für ein geiler Beitrag! :eek:


    Gut daß mir der nicht entwischt wird.
    Ich mag Mycena & Co ja sehr gerne, nur ist das Bestimmen mit bloßem Auge ja wenig zielführend.
    Deine Erklärungen neben den Funden sind sehr dankbar aufgenommen und veranlassen auch prompt demnächst mal ein wenig danach zu schauen.
    Vielleicht ergibt sich ja ein eigener schöner Fund dadurch und vielleicht sogar ein Name am Foto.


    Mycena pterigena, die zweite, haut mich um. Ist der Winzling ein Pracht!
    Den muß ich finden. :P



    Danke für diesen Bericht, die bisherigen und die die da noch kommen mögen. :alright:

  • Hallo zusammen,


    freut mich sehr, dass meine Beiträge dazu anspornen genauer auf die kleinen Helmis zu achten. Genau das ist ja der Sinn. :)


    Zitat von nobi

    Übrigens sind wir im nächsten Jahr zwei Wochen früher dort, vom 14. bis 17. September.


    Nur, damit Du Dich schon mal darauf einstellst!  


    Dann hoffen wir mal, dass nächstes Jahr zu der Zeit keine so arge Trockenheit herrscht, dieses Jahr hätten wir da sicher keine so zarten Helmlinge gehebt.


    Zitat von nobi


    Ich möchte ja schließlich noch den 3. Teil unserer kleinen Fichtelgebirgswanderungen schreiben!


    Sicher, aber nicht bloß den 3., schon auch noch Nr. 4,5,6... ∞ :D


    Zitat von Mausmann


    Ich mag Mycena & Co ja sehr gerne, nur ist das Bestimmen mit bloßem Auge ja wenig zielführend.


    Würde ich so nicht sagen. Größere Helmlinge (also so ab der Größe von vulgaris) kriegt man eigentlich meist sogar makroskopisch gut hin, wobei es oft freilich etwas Erfahrung braucht. Unmöglich bleiben die grauen Helmlinge (besonders leptocephala und co), die können einen mitunter auch mikroskopisch arge Probleme machen, jedenfalls wenn man versucht alles was beschrieben wurde zu trennen. Makroskopisch wären auch Verwechslungen mit Mycenella, Fayodia oder Hydropus denkbar, die aber meist sehr viel seltener sind. Graue stark schleimige oder solche mit herablaufenden Lamellen sind dann wieder besser ansprechbar.
    Auch die Gruppe der weißlich-gelblichen Helmlinge (arcangeliana, flavescens, xantholeuca usw.) ist optisch oft nicht hinzubekommen, wenngleich manchmal erahnbar.
    Ganz kleine ohne auffällige Färbung oder Spezialstandort müssen auch unters Mikro, besonders weiße, da man oft auch noch mit Hemimycenas oder Schwindlingen rechnen muss.
    Alles, was irgendwie auffälliger gefärbt ist (rot/rosa/orange/grün(lich), usw.) ist aber i.d.R. makroskopisch klar bestimmbar, auch die allermeisten Arten mit gefärbten Schneiden.


    Zitat von Mausmann


    Mycena pterigena, die zweite, haut mich um. Ist der Winzling ein Pracht!
    Den muß ich finden.


    Da muss Du im Spätherbst ab ca. Mitte September bis Mitte November an alten feuchten Farnstängeln suchen. Bei mir jedenfalls ist die Art zu der Zeit bei passender feuchter Witterung an min. 2/3 der Farnbestände zu finden. Besonders ergiebig sind Farnbüschel an größeren Wegrändern mit Entwässerungsgraben, da sich hier die Feuchte staut. Ich kenne 3 Standorte dieser Art, an denen M. pterigena mitunter zu Hunderten auftritt. Man muss aber schon gezielt suchen und auch mal einige Farnblätter hochheben und ggf. in den Farnbestand reinkriechen, schließlich sind die größten Hüte bis etwa 0,5cm im Durchmesser.


    Und falls Du mal einen Helmling oder Scheinhelmling findest, der makroskopisch nicht bestimmbar ist, Dich aber sehr interessiert, dann kannst Du sowas auch trocknen und mir schicken.


    Viele Grüße,
    Matthias

    Je intensiver man sich mit Pilzen beschäftigt, desto komplizierter wird es, sie zu bestimmen.

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