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letzter Beitrag von nobi am

Myxomyceten –“ Schönlinge des Waldes Teil 4

  • Nach einer längeren Sommerpause geht es weiter mit den Trichiida (Tricheales), der letzten Ordnung mit hellen Sporen.
    Zur besseren Übersicht hier noch einmal Links zu den bisherigen Teilen meiner Dokumentation:


    Teil 1: Allgemeine Einführung und Ceratiomyxaceae                                                                      
    Teil 2: Echinosteliida                                                                                                                                                                                                      
    Teil 3.1: Liceida ( Fam Enteridiidae ) und allgemeine Erklärungen.                      
    Teil 3.2: Liceida (die übrigen Familien)




    Allgemeine Kennzeichnung:
    Wie das Kladogramm zeigt, sind die Trichiida molekulargenetischen Untersuchungen zufolge das Schwestertaxon der Liceida. Die Monophylie gilt als gesichert.


    In den meist kräftig gefärbten Fruchtkörpern findet man stets ein echtes Capillitium aus massiven, röhrenförmigen, glatten oder skulturierten Fäden; eine Columella und Kalkknötchen fehlen stets. Die Sporen sind hell, oft gelb oder rot, selten grau oder hellbraun.


    Macbride beschrieb 2 Familien mit 14 Gattungen und ca. 100 Arten.


    Fam.: Dianemidae
    . Calomyxa
    . Dianema


    Fam.: Trichiidae
    * Trichia
    . Arcyriatella
    . Prototrichia
    . Cornuvia
    . Oligonema
    . Calonema
    . Arcyodes
    * Arcyria
    . Perichaena
    . Metatrichia
    * Hemitrichia
    . Minakatella


    In Mitteleuropa sind besonders die mit * gekennzeichneten Familien vertreten.


    Baumann et. al. [1] unterteilt in 3 Familien:


    Fam.: Dianemataceae (Calomyxa, Dianema) Capillitium aus massiven Fäden, nie netzbildend


    Fam.: Arcyriaceae (Arcyodes, Arcyria, Aryriatella, Metatrichia, Perichaena, Prototrichia) Capillitium aus röhrenförmigen Fäden, meist zu einem Netz verbunden, im polarisierenden Licht nicht oder nur schwach leuchtend.


    Fam.: Trichiaceae (Calonema, Cornuvia, Hemitrichia, Oligonema, Trichia) Capillitium im polarisierenden Licht leuchtend.



    Die Sache mit dem Verhalten im polarisierenden Licht scheint aktuell kein vernünftiges Kriterium für eine Trennung in zwei Familien zu sein.
    Nun zu den einzelnen Familien.


    Als einzigen Vertreter der Fam. Dianemidae möchte ich Dianema harveyi vorstellen, den ich in Istrien gefunden habe. In Deutschland wurde diese Art erste wenige Male gefunden und gilt als selten:



    Eine ausführliche Beschreibung und weiter Detailbilder findet ihr hier:
    http://www.pilzforum.eu/board/thema-aus-istrien-myxomyceten



    Fam. Trichiidae, Gattung Trichia. (Merkmal: Capillitium aus verzweigten oder unverzweigten frei in der Fruktifikation liegenden Elateren (freie, 10 –“ 100 µm lange meist zugespitzte Fäden mit arttypischen Spiralbändern. Diese machen hygroskopische Bewegungen und dienen der Sporenausstreuung). Wichtige Merkmale der Elateren sind Dichte der Spiralornamente und Zahl der Spiralbänder (2-6) sowie die Länge der Elaterenenden (kurz, ausgezogen, gepufft).


    Im Folgenden stelle ich 5 der bei uns vorkommenden 15 Arten vor:

    Trichia scabra

    (Capillitium 3-4 Spiralleisten mit feinen Stacheln, Sporen mit kleinmaschigem Netz)


     


    Trichia varia





    Das Capillitium leuchtet im polarisierten Licht.



    Trichia decipiens var. olivacea (Capillitium als 70-100 µm lange olivgrüne Elateren mit 3-5 glatten Spiralleisten. Die unreifen Sporocarpe sind weiß)





    In Martin / Alexopoulos [3] findet man bei den Artbeschreibungen auch alle vorhergehenden Namen der Art, die zeigen, wie schwer eine korrekte Zuordnung sein kann.
    Für T. decipiens findet man hier z.B. Lycoperdon pusillum, Arcyria decipiens, Trichia fallax, Trichia virescens, Trichia cerina, T. fulva, T. furcata, T. Nana, T. Stuhlmannii, T. pusilla


    Trichia contorta (Elateren mit kurzen Verzweigungen und u.U. Doppelspitzen, Sporen ø 11-13 µm feinwarzig)



     


    [2] Nanenga-Bremekamp stellt sehr übersichtlich nebeneinander die Merkmale von Trichia favoginea, T. affinis und T. persimilis dar.





    Trichia affinis (Elateren mit 3-5 dicht gewickelten Spiralleisten, Sporen mit unvollständigem Netz, oft aus kleinen Netzmaschen aufgebaut.)



     



    Mit Trichia verwandt ist die Gattung Oligonema, die bei uns mit 2 Arten vertreten ist. Die häufigste Art ist

    Oligonema schweinitzii
    (nach dem deutsch-amerikanischen Biologen Lewis David von Schweinitz)





    Ebenfalls in die Trichia-Verwandtschaft gehört die Gattung Hemitrichia mit ca 10 Arten in unserem Gebiet.
    Die Gattung steht im Übergangsgebiet zu Trichia, Metatrichia und Arcyria.
    Das Capillitium besteht aus röhrenförmigen Fäden, die mehr oder weniger ein Netz mit freien Enden bilden. Die Fäden haben 3-6 meist deutlich ausgebildete Spiralleisten.
    Vorstellen möchte ich 2 Arten.


    Hemitrichia calyculata (Stiel ist deutlich vom Kopf unterscheidbar. Wenn die Peridie im oberen Drittel reißt, quillt das elastische Capillitium heraus.
    Mich erinnert der Fruchtkörper dann an ein Sektglas mit überschäumenden Sekt. Der Kopf kann manchmal auch deutlich wie ein Weinglas aussehen.)




    Diese Art unterscheidet sich von ihrer Schwesterart Hemitrichia clavata äußerlich nur den unterschiedlichen Stielansatz, der bei der H. clavata allmählich in den Kopf übergeht. Außerdem sind dann die Sporen deutlich gesäumt.


    Hemitrichia serpula bildet als Fruchtkörperform Plasmodiocarpien, d.h. das Plasmodium zieht sich nur minimal zu einem Netzwerk zusammen in dem die Sporen reifen.
    Pablo hat hierzu eine sehr gute Dokumentation gemacht http://www.pilzforum.eu/board/…a-serpula-netzschleimpilz



    Jetzt fehlen noch Arcyria und ihre Verwandten.


    Arcyria ist mit 18 bei uns vertretenen Arten recht häufig anzutreffen. Sie hat ein Capillitiumnetz mit Ringen, Halbringen, Stacheln, Warzen und anderen Ornamenten an den Röhren.


    Als erstes Beispiel zeige ich die auffällige Art

    Arcyria denudata
    . Die Peridie schwindet bis auf einen Becher ziemlich schnell und das leuchtend rote Capillitium kann expandieren.




    Arcyria ferruginea (Das Capillitium hängt bei der Reife nur noch mit ein paar Fäden an dem Peridienbecherrest.)




    Arcyria obvelata (Das Capillitium expandiert extrem. In meinen Bildern ist der obere Teil der Sporocarpien nicht ganz ausgereift, daher bleibt dort ein dunkler Knubbel.)





    Arcyria cinerea (Leider ist der Stack etwas misslungen, man erkennt aber die graue Färbung des Capillitiums, das nur minimal expandiert.)





    Bei der verwandten Gattung Metatrichia sind die Elateren einfach oder verzweigte Röhren mit Spiralstruktur in dunkelroten oder rotbraunen Farben, 3 Arten sind bei uns bekannt, die bekannteste Art stelle ich hier vor.


    Metatrichia vesparium (Etlliche Sporocarpien sitzen auf einem gemeinsamen Stiel und bilden ein Pseudoaethalium. Die Peridie verschließt als konkaver Deckel den noch unreifen Inhalt. Das Gebilde erinnert an ein Wespennest, daher auch der lat. Artname.)



    Hier ist das unreife Fruchtkörpergebilde von Schimmelpilzen umgeben.




    Ausgereifte Sporocarpien mit ziegelroten Elateren.



    Die letzte Gattung der Trichiida ist Perichaena. Sie bildet sitzende Sporocarpien oder Plasmodiocarpien. Das Capillitium besteht aus einfachen oder verzweigten Röhren ohne Spiralstruktur, oft mit unregelmäßiger Netz- oder Ringstruktur, Stacheln oder Einschnürungen.


    Leider habe ich selbst noch keine gefunden, aber Hartmut Schubert (Harzpilzchen) hat im Forum einiges dokumentiert:

    Perichaena luteola
    Sporen und Capillitium: http://www.pilzforum.eu/board/…hleimer-scharf-angeschaut


    Bei den nächsten Bildern von Hartmut weiß ich leider nicht, wo ich sie gefunden habe (Hartmut, wenn du es liest, schicke bitte die links):


    Perichaena vermicularis




    Perichaena corticales




    Soweit der Überblick über die Trichiida = Tricheales.
    Viel Spaß mit den Bildern, in Teil 5 geht es weiter mit den Physarida = Physarales in die Gruppe der Dunkelsporer.
    Bis demnächst,
    Bernd



    1. Hermann Neubert, Wolfgang Nowotny, Karlheinz Baumann, Heidi Marx: Die Myxomyceten Deutschlands und des angrenzenden Alpenraumes unter besonderer Berücksichtigung Österreichs. Bd. 1–“3, Karlheinz Baumann Verlag, Gomaringen 1995


    2. N.E. Nannenga-Bremekamp: A Guide to temperate Myxomycetes (Translation oft he Original –žDe Nederlandse Myxomyceten–œ (1974). British Library Biopress Limited, 1991, reprinted 2007


    3. G.W. Martin, C.J. Alexopoulos: The Myxomycetes. University of Iowa Press, Iowa City 1969


    4. Michel Poulain, Marianne Meyer, Jean Bozonnet: Les Myxomycètes. Bd. 1 Bestimmungsschlüssel frz. Und engl, Bd. 2 Bildband. Fédération mycologique et botanique Dauphiné-Savoie, 2011


    40. A.-M. Fiore-Donno, C. Berney, J. Pawlowski, S.L. Baldauf: Higher-Order Phylogeny of Plasmodial Slime Molds (Myxogastria) Based on Elongation Factor 1-A and Small Subunit rRNA Gene Sequences. In: Journal of Eukaryotic Microbiology, 52, S. 201–“210, 2005

  • Hallo lieber Bernd,


    herzlichen Dank für diese informative, anschaulich erklärte und zudem noch ganz fantastisch bebilderte Beitragsreihe!


    Deine Begeisterung für diese besonder Welt ist spürbar und ansteckend. :)

  • Hallo Bernd!
    Gerne verfolge ich Deine Thread-Reihe - unglaublich, was Du uns da alles zeigst und beschreibst. Ich sitze staunend vor dem Bildschirm und freue mich an den wunderschönen Winzlingen, toll in Szene gesetzt! Danke fürs Teilen Deiner Funde und Deines Wissens.

  • Ahoi, Bernd,


    bin wortlos begeistert
    und habe den Link in mein Archiv gepackt.


    Chapeau und großes Dankeschön für diesen Beitrag
    wie auch die Vorgänger!!!
    :alright: :alright: :alright:


    LG
    Peter

  • Eine super Fortsetzung deiner Myxoserie ist dir geglückt, Bernd! :alright:


    Allein die Fotos sind ein ästhetischer Genuss.
    Da ich nun weiß, unter welch enormem Aufwand diese Bilder entstehen, ziehe ich hier einfach mal meinen nicht vorhandenen Hut. ;)
    Ich bin bereits auf den nächsten Beitrag gespannt.


    LG Nobi

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