Ein Jahr in den oberösterreichischen Kalkalpen

Es gibt 37 Antworten in diesem Thema, welches 3.591 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag () ist von boccaccio.

  • Grüß euch,


    ich möchte euch an dieser Stelle mal einladen mich durch ein Jahr zu begleigten.


    Im laufe der nächsten Monate werde ich euch hier immer mal wieder zeigen, was man alles schönes erleben kann, wenn man sein Leben in und mit der Natur verbringt. Natürlich werden auch immer mal wieder Schwammerl das Thema sein, aber auch andere Bereiche wie Habitaterhaltung und -rekultivierung, Botanik oder xylobionte Käfer sollen nicht zu kurz kommen.



    Zum Einstieg also erst mal eine kurze Erklärung was ich so mache und was euch so erwartet:

    Ich habe das große Glück am Rande des "Nationalpark OÖ Kalkalpen" zu leben, in einem kleinen Kaff, welches bisher sowohl von großen industriellen wie auch touristischen Projekten verschont geblieben ist. Selbst im Ortsgebiet kann man hier noch hochwertige Orchideenwiesen oder sogar Vorkommen von Porpolomopsis calyptriformis oder Entoloma bloxamii bewundern.

    Nur wenige Kilometer weiter erreicht man die Naturwälder des Nationalpark Kalkalpen, welche schon seit 25 Jahre großflächig außer Nutzung gestellt sind und auch zahlreiche Primärwaldreste beherbergen.


    Beruflich bin ich primär landwirtschaftlich tätig, jedoch mit Fokus auf die Erhaltung und Reaktivierung hochwertiger Grünlandhabitate durch extenisve Mahd und Beweidung.

    Nebenbei beschäftige ich mich vor allem mit der Kartierung und naturschutzfachlichen Bewertung ausgewählter Habitate als Basis für die Erstellung geeigneter Managementpläne.



    Nachdem hier zweilfelsfrei auch viele Leute mitlesen, denen ebenso viel an der Erhaltung hochwertiger Naturflächen liegt wie mir, möchte ich hiermit alle mitlesenden dazu aufrufen aktiv zu werden und der Biodiversitätskrise entgegenzuwirken.

    Aus meiner Erfahrung kann ich euch sagen, dass es einfach nichts schöneres gibt als selbst anzupacken und Jahr für Jahr zu beobachten welch positiven Effekt die eigene Arbeit auf die Natur haben kann.


    Liebe Grüße

  • die ersten Orchideen sind am Start und auch die Käfer fangen langsam an aufzuwachen


    Anacamptis morio

    Dactylorhiza fuchsii

    Ophrys insectifera

    Gentiana clusii

    Orchis pallens

    Orchis mascula

    Gymnadenia conopsea

    Cephalanthera damasonium

    Cephalanthera longifolia

    Daphne cneorum

    Neomida haemorrhoidalis ex Fomes fomentarius

    Ampedus melanurus & Thymalus limbauts

    Lg

  • Lieber Florian,


    ich freue mich schon auf deine Berichte!
    Hier in Wien ist es gar nicht so einfach in so tolle Gebiete zu kommen, vor allem wenn man versucht so wie ich alle Fahrten weitgehend mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder Fahrrad zurückzulegen.


    Schöne Grüße, Christian

  • Hallo Florian,


    das klingt nach einem spannenden Projekt und ich bin gespannt, was du uns da im Laufe es Jahres alles zeigen wirst. Diese tollen Wiesen machen auf jeden Fall schon mal goße Lust, dort nach Phytoparasiten zu suchen ;)


    Björn

  • Hallo Florian,


    das klingt nach einem spannenden Projekt und ich bin gespannt, was du uns da im Laufe es Jahres alles zeigen wirst. Diese tollen Wiesen machen auf jeden Fall schon mal goße Lust, dort nach Phytoparasiten zu suchen ;)


    Björn

    Da hast du zweifellos recht... interessante Phytos gibt's hier sicher auch viele, bisher hatte ich aber leider noch keine Zeit mich damit auch endlich mal näher auseinanderzusetzen. Es gibt einfach viel zu viele interessante Organismen zu erforschen.


    Schön :)


    Den Enzyan kenne ich aus dem Himalaya, da ist er aber eher hellblau. Hab noch welchen getrocknet zu Hause.

    Enziane gibt's viele verschiedene... G. clusii ist meines Wissens nach eine Art die nur in Europa vorkommt


    Lg

  • Heute möchte ich euch noch eines meiner liebsten Gebiete vorstellen, das "Naturschutzgebiet Planwiesen"


    Die "Planwiesen" waren über Jahrhunderte eines der wichtigsten Gebiete zur Produktion von Futterheu und Einstreu für die kleine Ortschaft Leonstein. Auf insgesamt etwa 100ha hatte hier fast jeder Hof einige kleine Flächen zur Produktion des benötigten Viehfutters.

    Gelegen ist diese ehemalige Wiesenlandschaft an der Südhängen einer der ersten Erhebungen der Alpen, in einer Höhe von 450-1100m auf seichtgründigen Kalkböden. Das Gelände ist großteils nur mäßig steil mit einem Gefälle von etwa 60-80%, in eingen Teilbereichen geht's aber auch rauf bis 130%.


    Durch die jahrhundertelange Bewirtschaftung konnten sich hier extrem artenreiche Pfeifengraswiesen etablieren, die neben zahlreichen Orchideen auch eines der letzten großen Vorkommen der Sumpfgladiole in Oberösterreich beherbergen.

    Zusätzlich zu den Wiesen sind esvor allem die jahrhundertealten Baumveteranen (vA Fagus, Quercus, Pinus und Sorbus aria) die dieses Gebiet so besonders machen.


    Vor etwa 60-70 Jahren wurde die aufwändige Bewirtschaftung der Wiesen aufgegeben. Obwohl das Gebiet bereits seit den 60er-Jahren unter Schutz steht, wurde eine Bewirtschaftung zur Erhaltung dieser wunderbaren Habitate unterlassen und durch die natürlichen Sukzessionsprozesse ist die gesamte Fläche inzwischen großteils verbuscht oder verwaldet.

    Durch den extremen Standort ist das Kronendach bis zum heutigen Tag ausreichend lückig geblieben, dass sich eine flächige Grasnarbe halten konnte, die Bestände sind jedoch Molinia-dominiert und botanisch extrem verarmt.

    Auch um die Baumveteranen steht es großteils relativ schlecht, weil sie durch ihren gedrungenen Wuchs inzwischen großteils überwachsen wurden und dadurch teilweise auch schon abgestorben sind.


    1954

    2016


    Ende der 90er-Jahre wurden endlich erste Maßnahmen gesetzt um zumindest kleine Teilbereiche zu rekultivieren und die letzten Restvorkommen von Gladiolus palustris zu retten.

    Bis mitte der 00er-Jahre wurden etwa 3ha von den angeflogenen Bäumen und Sträuchern befreit und seitherwieder bewirtschaftet. Von einigen wenigen verbliebenen Gladiolen-Individuen konnte sich in diesen Bereichen inzwischen wieder ein starkes Vorkommen mit etwa 1500 Individuen etablieren.



    Seit drei Jahren sind wir nun dabei, das Gebiet wieder grosflächig zu reaktivieren und in einen bewirtschaftbaren Zustand rückzuführen.

    Inzwischen wurden wieder rund 20ha vom Aufwuchs der letzten Jahrzehnte befreit und durch extensive Beweidung mit Soay-Schafen kommt langsam auch die ehemalige Artenvielfalt zurück.



    vom Kiefernwald...

    ...zur Extensivweide

    vor drei Jahren noch eine Waldfläche mit lückigem Molinia-Bestand, inzwischen eine Wiese mit ersten Exemplaren von Kugelorchis, blassem Knabenkraut und Fliegen-Ragwurz

    Landschaftspfleger bei der Arbeit


    Liebe Grüße

  • Hallo Florian,

    das sind ja schon 2 ganz tolle Berichte. Spannend! Ich freue mich schon auf weitere! Schön, dass bei Euch so viel getan wird!

    LG Hilmi

    Liebe Grüße aus dem Vogtland

    die Schwarzhex

    :gwinken: Sandra

    (PC 100 - 10 (fürs APR 2020) = 90 - 15 (APR 21) = 75-10 (APR22) = 65 + 7 (APR 22 Auflösung) - 5 (Rätsel-Gedicht)= 67 - 10 (APR 23) = 57 + 5 Gnanzierung = 62 - 10 (Ast-Wette gegen Björn) = 52 )

  • Hallo Florian,


    ein spannendes, wertvolles Projekt! Ich bin mir sicher, dass es ein ganz toller Erfolg werden wird.

    Einerseits möchte man gern die Entwicklung von Gebieten der Natur überlassen, andererseits können Kulturlandschaften, wenn sie erhalten werden sollen, nicht sich selbst überlassen bleiben. Beispiele sind Heidegebiete oder eben Grünländereien. Ohne regelmäßige Pflegemaßnahmen verschwinden oder verarmen diese über kurz oder lang.

    Ich habe selbst einmal eine größere Kahlschlagfläche (Kiefernwald auf Sandboden) über mehrere Jahre vom aufkommenden Busch (Birke, Faulbaum) freigehalten mit dem Erfolg, dass sich nach kurzer Zeit Nachtschwalben sogen. Ziegenmelker einstellten und auch brüteten. Für mich war es ein Genuss, abends in der Dämmerung das anhaltende Schnarren und Flügelklatschen zu hören und gelegentlich auch einen oder gleich mehrere der Vögel zu sichten. Nachdem die Flächen wieder aufgeforstet wurden, verschwanden die Nachschwalben wieder.

    Ich wünsche dir viel Erfolg und Begeisterung bei deiner Tätigkeit!


    Liebe Grüße aus dem Elbe-Weser-Dreieck

    Reinhard

  • Grüß euch,


    heute hab ich mal ein buntes Mischmasch der letzten Tage für euch.


    Zuerst möchte ich nochmal kurz auf aktuelle Renaturierungsmaßnahmen eingehen.


    Die Rodungsfläche von diesem Winter, die ich euch bereits im vorigen Beitrag präsentiert habe, ist inzwischen kaum noch wiederzuerkennen. Jetzt wo das Pfeifengras richtig angeschoben hat würde man nicht mehr auf die Idee kommen, dass hier noch vor wenigen Monaten ein Wald gewesen ist. In 2 Monaten kommen dann auch zum ersten Mal Schafe drauf.


    In einem anderen, deutlich lichter bewaldeten Gebiet bin ich auch gerade am Schwenden. Nachdem die Holzmenge hier kein Ausmaß erreicht, das in der Bewirtschaftung hinderlich wäre, darf das Totholz liegen bleiben und nur die Äste der Kiefern und Fichten werden auf Haufen geschmissen, damit die Viecher sich gut in der Fläche bewegen können.

    Größere Bäume die entfernt werden sollen werden nur teilweise gefällt, ein guter Teil wird auch nur geringelt um dann als stehendes Totholz noch als Habitat für anspruchsvolle xylobionte Organismen zu dienen.

    Manche, vor allem eher große Bäume werden auch gezielt verletzt, um die Bildung von Mulmhöhlen zu fördern, weil eine Vielzahl gefährdeter xylobionter Käferarten genau auf solche Strukturen angewiesen sind.


    Und dann gab es in den letzten Tage natürlich auch wieder viele hübsche Pflanzen zu bewunder... Den Steinadler der gestern über eine Stunde über mir seine Runden gedreht hat und teils bis auf 20m herankam hab ich leider nicht auf ein Foto bekommen


    Melittis melissophyllum

    Platanthera bifola

    Traunsteinera globosa

    Linum viscosum

    Aquilegia atrata

    Coronilla coronata


    Liebe Grüße

  • Danke für den wiederum interessanten Beitrag, Florian!

    Größere Bäume die entfernt werden sollen werden nur teilweise gefällt, ein guter Teil wird auch nur geringelt um dann als stehendes Totholz noch als Habitat für anspruchsvolle xylobionte Organismen zu dienen.

    Manche, vor allem eher große Bäume werden auch gezielt verletzt, um die Bildung von Mulmhöhlen zu fördern, weil eine Vielzahl gefährdeter xylobionter Käferarten genau auf solche Strukturen angewiesen sind.

    Das hört sich für mich nach einem durchdachten und nachhaltigen Konzept an!


    LG, Nobi

    Hier geht es zu meinen Themen.

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    Chips: 72

  • Hallo,

    danke für das Update.

    Schön zu sehen, was sich schon für eine reiche Pflanzenwelt zeigt!

    Klasse!

    LG Hilmi

    Liebe Grüße aus dem Vogtland

    die Schwarzhex

    :gwinken: Sandra

    (PC 100 - 10 (fürs APR 2020) = 90 - 15 (APR 21) = 75-10 (APR22) = 65 + 7 (APR 22 Auflösung) - 5 (Rätsel-Gedicht)= 67 - 10 (APR 23) = 57 + 5 Gnanzierung = 62 - 10 (Ast-Wette gegen Björn) = 52 )

  • Ich muss jetzt hier etwas schreiben, auch damit mir alle weiteren Beiträge angezeigt werden.


    Genau meine Welt, meine Interessen und meine Arbeit was Du hier zeigst und schreibst. Ich freue mich auf die nächsten Beiträge.


    Liebe Grüße


    Maria

  • Einerseits möchte man gern die Entwicklung von Gebieten der Natur überlassen, [...]

    Und dies wäre zumindest im Großen u. Ganzen auch das bessere Konzept, wie ich finde: Rewilding

    »Was wäre die Welt, wäre sie bar

    aller Nässe und Wildheit? Lasst sie doch da,

    Oh, lasst sie doch da, Nässe und Wildheit;

    Lang lebe die Wildnis, die Unkrautigkeit.«

    Gerard Manley Hopkins, Inversnaid (1881)

  • Und dies wäre zumindest im Großen u. Ganzen auch das bessere Konzept, wie ich finde: Rewilding

    Grüß dich,


    auch wenn ich grundsätzlich auch ein Fan von großangelegten Rewilding-Projekten bin muss man die Thematik mMn doch etwas differenzierter betrachten.

    Sinnvolle Rewilding-Projekte, die auch wirklich einen ökologischen Nutzen bringen, können in einem kleinen Schutzgebiet wie hier (gut 100ha) schlicht und einfach nicht umgesetzt werden. Da braucht es schon deutlich größere Gebiete von zumindest mehreren hundert km² in denen sich wirklich auch ein natürliches Ökosystem etablieren kann. Leider fehlen in Mitteleuropa die großen Herbi- wie auch Karnivoren die notwendig wären um ein intaktes Ökosystem zu formen und zu erhalten.


    Betrachtet man den konkreten Fall hätte ein nicht-management recht einfach absehbare Folgen, die dem Biodiversitätsschutz nichts gutes tun würden.


    - bei weiterem nicht-management würde die Verwaldung weiter zunehmen und sich innerhalb der nächsten 20-30 Jahre das Kronendach flächig schließen

    - durch eine vollständige Verwaldung des Gebiets würden sowohl die Vorkommen der Offenland-Arten als auch die Vorkommen der alten Baumveteranen in recht kurzer zeit erlöschen

    - durch ein Erlöschen der Schützenswerten Habitate und Arten würde die Sinnhaftigkeit der Schutzgebietsausweisung und der Entschädigungszahlungen an den Grundbesitzer von politischer Seite sicher auch schnell in Frage gestellt

    - durch Verlust des Schutzstatus würde das Gebiet innerhalb weniger Jahrzehnte forstwirtschaftlich erschlossen und wäre dann in Zukunft ein weiterer, ökologisch wertloser Wirtschaftswald


    Liebe Grüße

  • Grüß dich auch.


    Grundsätzlich bin ich nahe bei Dir, Florian. Rückverwilderung natürlicher Ökosysteme braucht unzweifelhaft entsprechende Rahmenparameter und bedeutet nach meinem Verständnis auch nicht irgendein Ökosystem in einen ursprünglichen Zustand zurückzuversetzen (welcher sollte es denn auch sein?), sondern ich verstehe darunter vielmehr Voraussetzungen zu schaffen, dass dort in diesem System die ökologischen Prozesse wieder in Gang kommen und dann möglichst ohne unsere Eingriffe natürlich weiter laufen. Wir sollten unserem Drang, die Natur kontrollieren zu wollen, mehr widerstehen und ihr die Möglichkeit einräumen bzw. die Chance geben, sich ihren eigenen Weg zu suchen.


    Und dies lässt sich m.E. auch in einem kleineren Gebiet umsetzen, wie ich von Fachleuten u. Praktikern solcher Projekte erfahren habe, auch wenn man oftmals nur von Großprojekten wie beim Oder Delta erfährt. Die Wiedereinbürgerung verschwundener einheimischer Pflanzen und Tiere, das Schließen von Entwässerungsgräben, das Abbauen von Zäunen usw. und ansonsten den Dingen ihren Lauf lassen, sind alles solche Ansätze, die man genau genommen dann auch nicht mehr als Wildnis sondern besser bzw. richtigerweise als selbstgesteuerte natürliche Umgebung beschreiben könnte. Nicht der Mensch beherrscht oder managt dieses Ökosystem, es wird von eigenen Prozessen gelenkt bzw. entwickelt sich nach den dortigen natürlichen Bedingungen. Die Natur und ihre Prozesse entscheiden - nicht wir, der Mensch.


    Und vor allem gibt es auch keine Ideologie bzw. Anschauung darüber, wie ein "richtiges" Ökosystem oder "richtiges" Artengefüge auszusehen hat. Es gibt dabei auch kein Ziel, ob aus einem Ökosystem dann mal eine Heide, ein Moor, Grasland oder sonst irgendwas hervorgehen soll.


    Zum Glück findet dieser Gedanke bzw. Ansatz immer mehr Zuspruch beim Naturschutz und wird auch in Grundzügen bei einigen Vorhaben mit einbezogen. Und manches geschieht ja in der Natur zum Glück auch unser Dazutun oder verläuft anders als geplant, und wenn auch oftmals nur in kleinen Schritten. In meinem Hauswald z.B. gibt es seit rund zehn Jahren den Luchs - er war auf einmal einfach da. Auf seiner "Speisekarte" stehen bekanntermaßen Rehe gefolgt von Füchsen und Hasen. Neben Bär und Wolf war der Luchs mal bis zu seiner Ausrottung der große Jäger in unseren Wäldern. Seine Rückkehr in sein natürliches Umfeld wird dieses System mit der Zeit auch verändern, wenn wir es geschehen lassen.


    Liebe Grüße nach Oberösterreich und weiterhin viel Freude u. Erfolg bei Deinem dortigen Einsatz. Ich lese Deine Berichte hier auch mit dem allergrößten Interesse.

    »Was wäre die Welt, wäre sie bar

    aller Nässe und Wildheit? Lasst sie doch da,

    Oh, lasst sie doch da, Nässe und Wildheit;

    Lang lebe die Wildnis, die Unkrautigkeit.«

    Gerard Manley Hopkins, Inversnaid (1881)

  • Moin,


    Thorwulf

    was will man denn hier rückverwildern? Das von Florian vorgestellte Gebiet ist Kulturlandschaft. Dazu braucht man Landschaft UND Kultur (oder deren Simulation). Selbst während der kleinen Eiszeit war das nicht über der Baumgrenze (zuletzt so um 12.000 BC?). Abgesehen von Lichtungen durch Kalamitäten, die dann für einige Zeit von Grünfressern offengehalten werden.


    LG, Bernd

  • Moin Bernd,


    lass nur mal Luchse bei Florian seiner Kulturlandschaft Einzug halten und Du wirst sehen, was sich mit einem Mal über eine gewisse Zeit in diesem Ökosystem verändern wird, wenn Mensch nicht mehr so sehr bzw. stark eingreift. Mittlerweile gibt es da einige interessante Studien aus solchen Rewilding-Projekten bzw. oftmals sind es auch bloß nur Ereignisse, die irgendwie einfach so passieren wie z.B. mit dem Luchs bei mir im Hauswald.


    Und soweit ich weiß, stehen Gämse auch auf der Speisekarte der Luchse.


    LG, Marcel

    »Was wäre die Welt, wäre sie bar

    aller Nässe und Wildheit? Lasst sie doch da,

    Oh, lasst sie doch da, Nässe und Wildheit;

    Lang lebe die Wildnis, die Unkrautigkeit.«

    Gerard Manley Hopkins, Inversnaid (1881)

  • Grüß euch,


    jetzt müssen wir mal ganz zum Anfang zurückgehen und ich werde nochmal auf die örtlichen Gegebenheiten etwas näher eingehen.

    Wie bereits eingangs erwähnt wohne ich am Rand des Nationalpark OÖ Kalkalpen, einem der größten Wildnisgebiete Österreichs. Hier wird auf über 200km² seit inzwischen 25 Jahren der Natur freien lauf gelassen. In der Umgebung dieses Nationalpark sind auch einige Schutzgebiete ausgewiesen, die genau den Zweck haben sollen, auch die ökologisch wertvollen Kulturlandschaften zu erhalten und eben diese Arbeit habe ich in den ersten Beiträgen vorgestellt.

    Zur "echten Wildnis" und zu Gebieten welche gerade wieder zu einer solchen umgewandelt werden, werden wir im Verlauf der nächsten Monate auch noch kommen.


    Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass beides seinen Wert hat und erhalten werden sollte, sowohl Wildnisgebiete in denen die Entwicklung der Natur überlassen wird, als auch Kulturlandschaft die vom Menschen beeinflusst werden, solange auch hier sorgsam mit der Natur umgegangen wird und versucht wird die Bewirtschaftung so zu gestalten, dass sie auch hochwertigen Lebensraum für natürliche Organismen bereitstellen.


    Freund Lynx besucht uns übrigens auch im vorgestellten Gebiet immer mal wieder als Jagdgast ;)


    Liebe Grüße

  • Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass beides seinen Wert hat und erhalten werden sollte, sowohl Wildnisgebiete in denen die Entwicklung der Natur überlassen wird, als auch Kulturlandschaft die vom Menschen beeinflusst werden, solange auch hier sorgsam mit der Natur umgegangen wird und versucht wird die Bewirtschaftung so zu gestalten, dass sie auch hochwertigen Lebensraum für natürliche Organismen bereitstellen.


    Freund Lynx besucht uns übrigens auch im vorgestellten Gebiet immer mal wieder als Jagdgast

    ..... und genau dies entspricht auch ziemlich gut meinem Ansatz u. bei Gelegenheit würde ich mir dies auch gerne mal vor Ort bei Dir anschauen - ernsthaft. :daumen:

    »Was wäre die Welt, wäre sie bar

    aller Nässe und Wildheit? Lasst sie doch da,

    Oh, lasst sie doch da, Nässe und Wildheit;

    Lang lebe die Wildnis, die Unkrautigkeit.«

    Gerard Manley Hopkins, Inversnaid (1881)

  • Vielleicht sollten wir die Kirche im Dorf lassen, wie man hier so schön sagt.


    Mir erscheinen die Habitate um die es hier geht sehr ähnlich den Habitaten in meiner Region. Diese Habitate waren sicher, zumindest hier ist dies so, einmal ursprünglich bewaldet. Dann begann der Mensch vor hunderten von Jahren diese Flächen zu nutzen und es entstanden offene Grasflächen und erst dann und erst dadurch konnten sich dann dort bestimmte Pflanzen und auch Pilze ansiedeln. Diese Pflanzen gehen einher mit zum Beispiel Insekten die auf diese Pflanzen angewiesen sind, und, und, und. Dann kamen, sagen wir einmal in den letzten 80 Jahren, neue Faktoren: konventionelle Landwirtschaft mit all den bekannten Faktoren (die Forstwirtschaft gehört da dazu), nicht Bewirtschaftung vieler Flächen da nicht mehr rentabel und/oder mit den Maschinen bearbeitbar, usw. Die ehemals flächendeckend vorhandenen sehr artenreichen Habitate die nicht mehr genutzt und damit gemäht wurden verbuschten sehr schnell und fingen an wieder Wald zu werden. Im gleichen Zuge verschwand die Artenvielfalt der Pflanzen und damit auch der Tiere. Heute sind viele dieser Pflanzen, Pilze, Insekten sehr selten geworden, teilweise bereits verschwunden, da die Habitate wie oben beschrieben verschwunden sind. Überlässt man nun die Natur in solchen Habitaten sich selbst, verschwinden die meisten dieser Pflanzen ganz und damit auch die Insekten die auf sie angewiesen sind. Das Artensterben nimmt weiter zu und zwar ganz gewaltig.


    Naturschutz, Artenschutz ist so vielschichtig und man muss immer ganz genau und mit Sachverstand hinsehen wo was wie sinnvoll ist. Ein sogenanntes Rewilding ist in diesen Habitaten sich kontraproduktiv.


    Liebe Grüße


    Maria


    P.s.: Sorry, ich hatte nicht gesehen, dass, während ich schrieb, zwei Antworten gepostet wurden. Naja, macht nichts.

  • Überlässt man nun die Natur in solchen Habitaten sich selbst, verschwinden die meisten dieser Pflanzen ganz und damit auch die Insekten die auf sie angewiesen sind. Das Artensterben nimmt weiter zu und zwar ganz gewaltig.

    Nun, wenn man dabei von einem landläufigen Ökosystem nach der reinen Lehre ausgeht (Öko-Heile-Welt-Paradies), so mag dies ohnejegliche Zweifel zutreffen, ansonsten entspricht dies schon länger nicht mehr irgendwelchen ökologisch-wissenschaftl. Erkenntnissen.


    Hat man in einem Ökosystem einen sog. Spitzenprädator wie z.B. den Luchs im natürlichen Kreislauf sozusagen integriert u. greift dabei menschlicherseits nicht mehr allzusehr ein, dann würde ich mal äußerst tiefenentspannt abwarten u. mit Interesse beobachten, was sich da die nächsten Jahre so alles tut. Wie gesagt: ich würde dabei abwarten...... Und in jedem, wirklich jedem natürlichen Ökosystem gibt es einen natürlichen Spitzenprädator - leider ist es mittlerweile nur zu 99,9 % der Mensch.


    Aber wie ich Florian seinen Berichten hier entnehme, versucht er ja bei seinen Umsetzungen zumindest in Ansätzen einige Entwicklungen der Natur zu überlassen u. daraus könnte sich durch was Interessantes entwickeln. Man möge es sog. Rewilding nennen od. auch nicht - ist zumindest mir völlig wurscht, wenn das Ergebnis dementsprechend ausfällt. ^^


    LG

    »Was wäre die Welt, wäre sie bar

    aller Nässe und Wildheit? Lasst sie doch da,

    Oh, lasst sie doch da, Nässe und Wildheit;

    Lang lebe die Wildnis, die Unkrautigkeit.«

    Gerard Manley Hopkins, Inversnaid (1881)

  • Ich bin doch immer wieder erstaunt und fasziniert welch einen gewaltigen Expertenschatz über alle Themenbereiche hinweg wir hier im Forum haben. Sicher kannst Du Thorwulf, den Florian bei seinen Ansätzen auch richtig gut, fachkundig und vor allem wissenschaftlich auf dem neuesten Stand, beraten.


    Maria

  • Nöö, ich bin kein Wissenschaftler u. schon gar nicht eine Koryphäe in diesem besonderen Fachgebiet und mitnichten wär ich da auch so etwas wie ein Berater für Florian, aber ich verfolge halt schon ein wenig die Dinge dort, auch weil ich halt selbst ein Praktiker in diesem Gebiet bin, auch wenn in einem völlig anderen Umfeld/Terrain (Ökosystem).


    Wissenschaftlich betrachtet ist halt alles erstmal offen/unklar - egal, was wir uns so wünschen bzw. erhoffen. ;)

    »Was wäre die Welt, wäre sie bar

    aller Nässe und Wildheit? Lasst sie doch da,

    Oh, lasst sie doch da, Nässe und Wildheit;

    Lang lebe die Wildnis, die Unkrautigkeit.«

    Gerard Manley Hopkins, Inversnaid (1881)

  • Grüß euch,


    die letzten Tage war's etwas stressig, daher die etwas späte Antwort.


    Thorwulf: wenn's dich mal in die Gegend verschlägt bist du natürlich herzlich eingeladen dir vor Ort ein Bild zu machen, was wir hier so alles machen


    Als Abschluss zur vorangegangenen Diskussion möchte ich noch ein paar weitere erklärende Worte schreiben.


    Wir haben regional das Glück, dass wir eine sehr hohe Dichte an Ökologen, Biologen mit diversen Spezialgebieten und "Naturschutz-Praktikern" haben, die gemeinschaftlich versuchen ein ökologisch möglichst intaktes Gebiet zu erhalten.

    Mein Spezialgebiet ist die Erhaltung und Reaktivierung ökologisch hochwertiger Kulturlandschaft, daher wird diese Arbeit einen überproportional großen Anteil in meinen Berichten haben. Dies ist jedoch eingebettet in ein viel größer angelegtes, komplexeres "Konzept", in dem eine Vielzahl an Akteuren in diversen Habitaten und mit unterschiedlichsten Methoden daran arbeiten die regionale Biodiversität zu schützen.

    Gemeinschaftlich und in engem Austausch arbeiten wir hier zusammen, um möglichst großflächig eine ökologisch intakte Natur- und Kulturlandschaft zu erhalten.


    ... und bevor von meiner Seite in den nächsten Tagen wieder ein etwas gehaltvollerer Beitrag kommt möchte ich noch ein paar nette,unkommentierte Eindrücke der letzten Tage mit euch teilen.


    Lacerta agilis

    Zamenis longissimus

    Anacamptis pyramidalis

    Iris sibirica

    Gladiolus palustris


    Liebe Grüße