Hallo zusammen,
zunächst einmal empfinde ich persönlich die Formulierung "Diese Parallelnomenklatur soll aber (seit einigen Jahren) nicht mehr verwendet werden" als sehr stark; das klingt für mich so, als würde der Liebe Gott höchstselbst jedes Mal ein Hundewelpen ertränken, wenn man Caeoma allii-ursini benutzt.
Nun zur Benamsung des Aggregats. Das ursprünglich als Threadtitel gewählte "Caeoma allii-ursini G. Winter 1884" war sicher ungünstig gewählt. Das ist ja ein wohldefinierter Artname, der damit auch ein Synonym zu genau einer der drei Arten darstellt (ob man überhaupt weiß, zu welcher der drei Arten?). Ich habe den Titel deshalb auf Caeoma allii-ursini agg. geändert. Wenn ich es richtig überblicke, dann legt der Code keine Regeln für die Bezeichnung von Aggregaten oder Artenkomplexen fest, sondern befaßt sich nur mit den Regeln für "echte" Arten. Sprich bei den Aggregaten hat man erstmal Narrenfreiheit. Warum bin ich der Meinung, daß die Caeoma-Bezeichnung hier und auch in anderen Fällen die bessere Wahl ist?
Zunächst einmal stellt sich die Frage, welchen der drei Melampsora-Namen man für das Aggregat verwenden sollte (und drei ist ja noch eine übersichtliche Zahl, bei Aecidium euphorbiae reden wir direkt über 30-40 Arten). Die von Christoph ins Spiel gebrachte Häufigkeit ist schwierig. Zum einen weiß man in der Praxis ja gar nicht, welche der Arten am häufigsten ist, weil man sie eben nicht unterscheiden kann, zum anderen kann Häufigkeit sich ja auch räumlich und zeitlich verändern. Und Pilze die 2026 in Bayern anders heißen als Pilze 2018 in Sachsen wären für mich ein schwieriges Konzept. Der älteste Name ist da natürlich brauchbarer (lies: Da fällt mir gerade kein gutes Gegenargument ein ;-)).
Hat man sich für einen der Melampsora-Namen entschieden, sehe ich einen weiteren Nachteil gegenüber dem Caeoma-Namen. In der Praxis zeigt sich ja, daß Menschen schlampig und schluderig sind (wer das nicht glaubt, schaue sich einfach mal diverse Beobachtungen von phytoparasitischen Pilzen bei ObsIdentify und iNaturalist ab). Das heißt, aus Melampsora allii-fragilis agg. würde dann sehr schnell auch mal ein Melampsora allii-fragilis ohne agg., sprich die Fehlerwahrscheinlichkeit nimmt deutlich zu. Außerdem ist es gerade in der Kommunikation mit Leuten, die nicht so tief in der Materia stecken deutlich einfach zu sagen: Das ist ein Aggregat von Arten, die man nicht trennen kann, deshalb kriegt das jetzt einen Caeoma-Namen statt zu kommunizieren, daß es drei Melampsora-Arten gibt, die man nicht trennen kann und das man deshalb ein Aggregat geschaffen hat, das aber den Namen eines der drei Arten geerbt hat.
Schließlich sehe ich den letzten Punkt, den Stefan aufgebracht hat, nämlich daß Caeoma allii-populina eher das Befallsbild beschreibt, als großen Vorteil. Wenn ich Caeoma-allii-populina lese, habe ich direkt ein eindeutiges Bild von Pilz, Wirt, Stadium und sogar vom Fundort vor Augen. Bei Melampsora allii-fragilis ist das nicht der Fall, da muß ich zusätzlich noch mindestens Wirt und Stadium präzisieren.
Last but not least: "Das haben wir schon immer so gemacht". Ich weiß, das ist ein schwieriges Argument, aber in der Praxis ist es ja so, daß die Caeoma/Aecidium-Namen in der Phyto-Community wohletabliert sind. So findet man sie im Klenke & Scholler, in Julia Kruses Buch über Phytoparasiten, in der Roten Liste der phytoparasitischen Kleinpilze und auch bei Pilze-Deutschland. All die Leute, die dort involviert sind, werden sich ja ihre Gedanken gemacht haben, warum sie sich für die Caeoma-Namen entscheiden und dort nicht neue Bezeichnungen für die Artenaggregate einführen.
Björn
Nachtrag: Es gibt ja auch Aggregate wie Aecidium ranunculi-acris, die Roste aus verschiedenen Gattungen beinhalten ( konkret Uromyces und Puccinia). Da fände ich einen Aggregatsnamen, der nur eine der Gattungen widerspiegelt auch schwierig.
