Ein Bestimmling, der nachträglich Kopfzerbrechen bereitet ...

Es gibt 16 Antworten in diesem Thema, welches 957 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag () ist von frank2507.

  • Hallo allerseits,


    vergangenes Wochenende hatte ich im Schweinsgalopp Frischpilze für die Ausstellung in Ober-Olm bei Mainz eingesammelt. Wegen Zeitnot hatte ich nicht - wie sich das gehört - die Funde ordentlich dokumentiert, sondern ich wollte im Rekordtempo möglichst viel Material einsacken, damit den Besuchern eine ordentliche Pilzvielfalt präsentiert werden kann. Angesichts der Trockenheit und Frischpilzmangel in weiten Teilen Deutschlands und des damit verbundenen Zeitaufwandes bzw. der langen notwendigen Wegstrecken bitte ich diese unprofessionelle Vorgehensweise zu entschuldigen.


    Auf einem ehemaligen Bunkergelände in der Nähe von Wetzlar sind mir diese drei Exemplare ins Schleppnetz gegangen, die ich bei extrem flüchtigen Drüberschauen als "Leucocortinarius bulbiger" eingesackt hatte - die Aufnahmen sind leider erst mehr als 48 Stunden nach Fruchtkörperentnahme entstanden und die Fruchtkörper haben dreifache Transportwege und eine Ausstellung hinter sich, die Lamellenfarbe ist deutlich nachgedunkelt und die Ränder angetrocknet.


    Auch kam ich mit meiner reichlichen Beute erst kurz vor Ausstellungsöffnung in Ober-Olm an, weshalb weder Zeit noch Sorgfalt in die Überprüfung von mehreren Dutzend Pilzarten investiert werden konnten - mea culpa ?(


    Jedenfalls hatte ich Leucocortinarius bulbiger noch nicht und deshalb die drei Exemplare wieder mitgenommen um sie zu fotografieren und herbarisieren.


    Harald zuehli hatte ich per Whatsapp ein paar Fotos geschickt und er meinte, das könnte schon hinkommen mit meinem Arbeitstitel. Diese Art wurde übrigens von Harald ganz in der Nähe schonmal kartiert. Jedenfalls wollte ich diesen persönlichen Erstfund dokumentieren und habe die Fotos in ein dänisches Pilzforum eingestellt, in dem auch Koryphäen wie Thomas Laessoee und Jacob Heilmann-Clausen unterwegs sind und sich die Funde anschauen.


    Beide Experten haben sich tatsächlich zu diesem Fund geäußert und Zweifel an meinem Arbeitstitel angemeldet. JHC meinte, der Fund wirke irgendie "lepistoid", er könne aber keine Art benennen, mit der ich meinen Fund abgleichen könnte - Leucocortinarius wurde von beiden Experten angezweifelt. Ob es vielleicht irgendein Cortinarius ist, den ich nicht auf dem Schirm habe? Uwe Cortinarius , gibt es da was optisch passendes?


    Das ist wohl ein Fall für Pablo Alvarado, wenn nicht hier irgendjemand im Forum eine zündende Idee hat, die man noch an Herbarmaterial überprüfen kann. Als Mykorrhiza-Partner - sofern es überhaupt ein Mykorrhiza-Pilz ist - kommt so ziemlich alles in Betracht. Schwerpunktmäßig ist die ehemalige Bunkeranlage mit Nadelwald (insbesondere Lärche) bestockt worden, seit Aufgabe der Bunkeranlage vor etwa 35 Jahren hat sich da aber mittlerweile ein bunter Mix angesiedelt. Wie es sich für eine Bunkeranlage gehört, sind da tausende von Tonnen Beton, Stahl und Asphalt und Basaltsplitt verbaut worden - extrem gestörte Bodenverhältnisse also. Manche Pilzarten fruktifizieren in einer dünnen Moosdecke, eine Handbreit darunter befindet sich eine geschlossene (!) Beton und Asphalt-Decke.


    Anmerkungen und Namensvorschläge sind willkommen!


    Beste Grüße,


    Frank


  • wenn Du in Richtung Cortinarius denkst, wäre zunächst die Feststellung des Sporenpulver enorm wichtig. Kannst Du etwas dazu sagen? Bei der Lamellenfarbe Deines Fundes glaube ich aber eher an einen Weißsporer. Vom gesamten Habitus her denke ich auch an L.bulbiger; die Knolle sieht bei der Art exakt so aus wie bei Deinem Fund. Die Stielspitze Deines Fundes erinnert zudem stark an diverse braune Ritterlinge, aber dann passt die Knolle nicht. Kannst Du etwas zum Geruch/Geschmack sagen?

  • Hallo Uwe!

    Danke für dein Feedback. Wolfgang Wolfgang P. hatte aus Zeitnot auch nur einen kurzen Blick dafür übrig und gegen meinen Arbeitstitel keine durchgreifenden Einwände erhoben.


    Umso mehr verwundert mich, dass mit Thomas Laessoee und JHC zwei Vollprofis mit jahrzehntelanger Expertise unisono Zweifel anmelden. Also doch Pablo Alvarado ...


    Beste Grüße,


    Frank

  • Chorknabe Ja der Geruch war nicht sonderlich auffällig und eine Geschmacksprobe habe ich nicht vorgenommen, für Sporenfarbe bestimmen war schlichtweg keine Zeit. Die Fruchtkörper waren schon über zwei Tage alt und ich wollte keine Zersetzungsprozesse riskieren. Letzte Woche war es noch deutlich wärmer und ein schöner großer fahler Röhrling ist im Rekordtempo zu Pilzbrei vergangen ...


    Gruß,


    Frank

  • Chorknabe Ja der Geruch war nicht sonderlich auffällig und eine Geschmacksprobe habe ich nicht vorgenommen, für Sporenfarbe bestimmen war schlichtweg keine Zeit. Die Fruchtkörper waren schon über zwei Tage alt und ich wollte keine Zersetzungsprozesse riskieren. Letzte Woche war es noch deutlich wärmer und ein schöner großer fahler Röhrling ist im Rekordtempo zu Pilzbrei vergangen ...

    Du hast doch herbarisiert. Zupf ein Stück Lamelle ab und dann ab damit unters scharfe Glas. Ob die Sporen hell oder dunkel sind, lässt sich doch so rausbekommen. Damit ließe sich zumindest der Verdacht einer Cortinarie ausschließen.

  • Servus beinand',

    Braunsporer vorausgesetzt, schaut Cortinarius pseudoarcuatorum (C delaportei) so aus. Ich hab den bei uns im Berglholz und früher mal ins Pilzepilze-Forum gestellt. Ich dachte damals an eine Hebeloma mit gerandeter Knolle.

    An liabn Gruaß

    Werner

  • Hallo!


    Heute war ich in einer ganz anderen Ecke unterwegs und habe erneut vermeintliche L. bulbiger gefunden. Allerdings habe ich mir diesmal das Einzelexemplar im Frischzustand genauer angeschaut und auch Fotos am Fundort gemacht, denn meine Zweifel sind gewachsen.




    Als ich dann auf dem Heimweg verschiedene Fälblinge gesehen habe, hat sich mein Bauchgefühl in eine konkrete Vermutung verdichtet:


    Bin ich vielleicht von einer Hebeloma an der Nase herumgeführt worden? Ich meine, für Leucocortinarius ist die Lamellenfarbe nicht hell genug und nachdem ich den Fruchtkörper etwas geärgert hatte, konnte ich den typischen Hebeloma-Geruch wahrnehmen.


    Daraufhin habe ich mit Geminder/Karasch abgeglichen, konnte aber nix passendes finden. Also habe ich die KI befragt, die hat mir nach einiger Bedenkzeit dann einen konkreten Vorschlag unterbreitet:



    Hier im Forum ist diese Art genau einmal erwähnt worden, und zwar von Mykollege_Günter


    Bei iNaturalist sind eine Handvoll Beobachtungen dokumentiert. Ob man das dort freizügig verteilte Prädikat "Forschungsqualität" stets für bare Münze nehmen kann, darf zumindest bezweifelt werden. Allerdings wurde diese Beobachtung


    https://www.inaturalist.org/observations/253032866



    immerhin von Nicolas Schwab bestimmt, und der ist ja kein gänzlich unbeschriebenes Blatt in der Mykologie. Dieser Fund sieht meinen Exemplaren doch SEHR ähnlich. Zuhause angekommen, habe ich gleich nochmal Fotos mit etwas anderen Tageslichtverhältnissen aufgenommen:



    Hat irgendjemand diese Art Hebeloma bulbiferum synonym Hebeloma colossus schonmal gesehen oder kann sonstige Informationen dazu geben? Die KI nennt diese Art auch Knolliger Fälbling bzw. Riesen-Fälbling. Die DGfM hat ganze zwei Fundnachweise, diese liegen schon über 20 Jahre zurück, und keine Fotos dazu. Ist diese Art so extrem selten, oder wird die schlichtweg immer übersehen oder falsch bestimmt?



    Beste Grüße,


    Frank

  • Hallo Frank,

    anstatt weiter mit der Gattung rumzuraten, solltest Du als erstes

    - einen Sporenabdruck machen

    - den Rest vom Beleg trocknen, um ggf. zu sequenzieren


    Hebeloma sollte man an der Sporenpulverfarbe von Leucocortinarius und Cortinarius unterscheiden können.

    Wenn sich der Fund als was besonderes herausstellt, solltest Du einen Beleg haben.


    Gruß,


    Wolfgang

  • Hallo Wolfgang,


    der Sporenabdruck ist bereits seit gestern in Bearbeitung. Vor zwei Stunden habe ich mal zwischen Alufolie und Fruchtkörper geschielt und konnte noch nichts sehen. Ich befürchte, dass der Fruchtkörper noch nicht weit genug ausgereift ist.


    Um 17 Uhr hat Harald zuehli seine öffentliche Pilzberatung im Wetzlarer Rathaus. Ich habe schon angedroht, dass ich ihn damit belästigen werde ....


    Gruß,


    Frank

  • ... und meine Vermutung Hebeloma hat sich bestätigt, denn die Lamellen sind deutlich nachgedunkelt und der Längsschnitt hat den typischen " Zahn" freigelegt.


    Beste Grüße,


    Frank