Hallo Alex,
du sagst es. Da gibt es Leute, die sind zum zweiten Mal bei einer Pilzwanderung dabei und erklären dir stolz, dass sie jetzt Hallimasch, Marone, Rotfuß, Steinpilz, Fichtenreizker und Pfifferling gut kennen. Du freust dich und denkst, dass es an der Zeit sein könnte, ihr Basiswissen zu erweitern und zeigst auf einen Gefleckttblättrigen Flämming und fragst, ob sie den kennen und sie antworten stolz: Klar, das ist Hallimasch. 
Es fehlt am Bewusstsein, wie viele Pilzarten es gibt und dass mehr als ein flüchtiger Blick nötig ist, sie zu unterscheiden.
Hier in Thüringen, wie auch in Sachsen waren Pilze früher tatsächlich so etwas wie Grundnahrungsmittel. Die Menschen waren arm und erweiterten ihren Speiseplan. Sie sammelten Steinpilze, Maronen, Pfifferlinge und Stockschwämmchen. Wobei sie unter der Bezeichnung Stockschwämmchen Hallimasch und Stockschwämmchen verstanden. Gifthäublinge müssen früher selten gewesen sein, jedenfalls gibt es kein Bewusstsein für die Verwechslungsgefahr bei den Leuten.
Die Statistik lehrt, dass Pilzvergiftungen in den östlichen Bundesländern eine größere Rolle spielen und dass sie in Sachsen in etwa so hoch sind wie in allen anderen Bundesländern zusammen.
Leider trifft die Statistik keine Aussagen über die Vergiftungsursachen. In der Regel erfahren wir PSV auch oft nicht, was aus den Fällen geworden ist, in denen wir Ärzte oder Betroffene über den Kontakt mit dem GIZ beraten haben. Ich versuche wenn möglich, es herauszubekommen. Aber ich bin überzeugt, viele Vergiftungen tauchen in der Statistik gar nicht auf.
Vor drei Wochen z.B. hatte mich vormittags eine Frau aus Coburg angerufen. Die Familie hatte selbst gesammelte Champignons auf dem Raclette zubereitet und das war buchstäblich in die Hose gegangen und nicht nur das. Klassische Karbolchampignonvergiftung. Die Frau meinte, das Krankenhaus hätte gesagt, sie sollten sich an einen PSV wenden, sie hätten auch keine Ahnung von Pilzen. Den Wahrheitsgehalt dieser abenteuerlichen Aussage kann ich nicht überprüfen. Es ging wohl allen schon wieder besser, aber sie machte sich Sorgen um den achtjährigen Sohn. Ich empfahl, das Krankenhaus aufzusuchen und sich nicht abwimmeln zu lassen. Ob sie das getan hat, weiß ich nicht. Wenn nicht, tauchen die drei Fälle in keiner Vergiftung auf.
Übrigens scheint es in Bayern nicht sehr viele PSV zu geben, die mit dem Giftnotruf zusammenarbeiten. Wir bekommen hier in Thüringen fast genauso viele Anfragen aus Bayern wie aus der Region.