unbekannter corticioider Pilz

Es gibt 7 Antworten in diesem Thema, welches 200 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag () ist von boccaccio.

  • Hallo zusammen,


    am 13.11.2025 habe ich einen corticioiden Pilz auf Laubholz gefunden, den ich nicht einmal der Gattung nach zuordnen kann. Makroskopisch sieht er so aus:



    Aufgrund der leichten rötlichen Verfärbungen auf der Unterseite dachte ich erst, das Exemplar könnte gloeoplere Hyphen enthalten. Zwar konnte ich Hyphen mit tropfenförmigen Inhalt finden, allerdings waren diese in zu geringer Anzahl, nicht um Vaukolen angeordnet und auch nicht mit Sulfovanillin verfärbend:



    Die generativen Hyphen sind septiert, aber ohne Schnallen:



    Zudem gibt es noch einen weiteren, dickwandigeren Hyphentyp, den ich für Skeletthyphen halte. Diese kommen sowohl in transparenter Form als auch mit braunem Inhalt vor:




    Aus diesem Grund gehe ich von einem dimitischen Hyphensystem aus. Die Basidien sind viersporig und keulenförmig:



    Basalschnallen tragen sie nicht:



    Das Hymenium sieht unauffällig aus und enthält scheinbar keine sterilen Elemente:



    Hier noch ein Bild vom Subhymenium:



    Die Sporen sind ellipsoid und leicht gebogen, dünnwandig, glatt und mit gut erkennbarem Apiculus:



    Sporenmaße: 9,5 ± 0,8 µm × 4,1 ± 0,5 µm, Q̄ = 2,4 ± 0,3

    Reichweite: 8,4–11,7 µm × 3,4–5,3 µm, Q = 1,8–3,1

    n = 25


    Eine amyloide Reaktion unter dem Mikroskop konnte ich nicht erkennen, allerdings habe ich auch nicht mehrere Sporen übereinander gelagert beobachten können.


    Was den Aufbau der Schichten betrifft, kann ich diese Bilder anbieten:



    Zu guter Letzt habe ich in meinen Queschpräparaten zusätzlich diese Strukturen gefunden, die ich nicht weiter zuordnen kann:



    Auch nach stundenlangem Schlüsseln komme ich nicht einmal auf eine Gattung. Kann hier jemand Abhilfe schaffen, oder zumindest die dunkel gefärbten Skeletthyphen sowie die Tröpfchen in den generativen Hyphen erklären?


    Ich freue mich auf eure Antworten!


    Herzliche Grüße,

    Vitus

  • Hallo Vitus,


    ich hätte den Pilz rein makroskopisch bei Stereum rugosum verortet (hat der Pilz im frischen Zustand beim Kratzen gerötet?). Da müßten dann mikroskopisch noch Acanthozystiden zufinden sein.


    Björn

  • Hallo Björn,


    danke dir für deine Antwort! An Stereum rugosum hatte ich auch schon gedacht: das Verwachsen mit dem Substrat, die Farbe des Hymeniums und die leicht rötliche Verfärbung passen – auch die Sporenform und -größe. Unglücklicherweise habe ich im frischen Zustand nicht daran gekratzt, im getrockneten Zustand tut sich beim Kratzen nichts.


    Mikroskopisch gesehen passt zu Stereum rugosum zu meiner Verzweiflung leider einiges nicht. Neben den von dir erwähnten Acanthozystiden, die ich in keinem meiner Präparate finden konnte, sehe ich noch die folgenden Probleme (Infos aus Eriksson et al., 1984, p. 1429 entnommen):

    1. Auch Acutozystiden fehlen.
    2. Pseudozystiden mit öligem Inhalt, die mit Sulfuvanillin reagieren, fehlen.
    3. Das Hyphensystem von Stereum-Arten ist monomitisch, ich glaube aber Skeletthyphen gefunden zu haben (irre ich mich vielleicht?).

    Zudem sind die Sporen von Stereum-Arten amyloid, allerdings kann ich das, wie oben beschrieben, nicht sicher ausschließen. Da das der erste corticioide Pilz ist, den ich mikroskopiere, kann ich mit all meinen Zweifeln jeodch völlig daneben liegen!


    Herzliche Grüße,

    Vitus


    Literatur:

    Eriksson, J., Hjortstam, K., & Ryvarden, L. (1984). The Corticiaceae of North Europe 7: Schizopora – Suillosporium. Fungiflora.

  • Servus Vitus,


    Skeletthyphen haben keine Septen und sehr stark verdickte Wände. Die Hyohen, die du zeigst, haben Septen, sind also mehrzellig und die Wände sind nicht extrem verdickt. Insofern: monomitisch.


    Liebe Grüße,Christoph

  • Hallo Vitus,


    die dickwandigen Objekte, die du als Skeletthyphen interpretiert hast, würde ich für die Pseudozystiden halten. Die sollten aber nicht mit SV reagieren, zumindest kann ich dazu in ter Literatur nichts finden. Die Acanthozystiden sind leicht zu übersehen, da kannst du noch mal versuchen stärker zu quetschen, bis das Präparat wirklich einem Schlachtfeld gleicht und überall flach und zerstreut die diversen Pilzbestandteile verteilt sind.


    Björn

  • Hallo, ihr beiden!


    Danke für eure fixen Antworten. Tricholomopsis: Nur für mein Verständnis: Ich bezeichne ja zwei Arten von Objekten als „Hyphen“. Die, die ich als „dickwandigeren Hyphentyp“ bezeichne, hatten keine mir ersichtlichen Septen, auch auf den Bildern kann man keine erkennen. Beziehst du dich mit deiner Antwort auch auf diese Objekte? Ich hatte bisher noch nie eine Skeletthyphe unter dem Mikroskop und habe mich an Zeichnungen aus der Literatur sowie an diesem Forumpost orientiert.


    boccaccio Ich versuche mal, meinen Gedankengang transparent zu machen. Vielleicht wird dadurch mein möglicher Fehler erkennbar. Larsson & Ryvarden, 2021, p. 18 schreiben:

    Zitat
    Gloeoplerous hyphae (fig. 4c) occur only in species belonging to Russulales. The contents of gloeoplerous hyphae is usually oily or grainy and sometimes weakly yellowish (compare gloeocystidia). The bleeding reaction in some Stereum species and in Gloiothele lactescens depends on the gloeoplerous hyphae.

    Jetzt ist das Problem, wie man das „some“ liest. Ich sehe hier zwei Interpretationen:

    1. Einige Stereum-Arten zeigen eine Blutungsreaktion, und alle Stereum-Arten, die eine solche Reaktion zeigen, hängen von gloeopleren Hyphen ab.
    2. Einige Stereum-Arten zeigen eine Blutungsreaktion, und einige Stereum-Arten, die eine solche Reaktion zeigen, hängen von gloeopleren Hyphen ab (aber einige andere nicht).

    Ich muss zugeben, dass ich beim Lesen direkt (1) verstanden habe und erst jetzt bei erneutem Lesen auch die zweite Interpretation sehe. Wir gehen nun aber zunächst davon aus, dass (1) zutrifft, damit ich meinen Gedankengang weiterführen kann. Beenken, 2004, p. 323 schreibt:

    Zitat
    Lichtmikroskopisch sieht man in den gloeopleren Elementen kleine lichtbrechende Tröpfchen (ca. 1–2 μm im Durchmesser), die um große kugelige Vakuolen angeordnet sind […]. Mit Sulfobenzaldehyden, z.B. Sulfovanillin, fließen diese Tröpfchen zusammen und verfärben sich dunkelbraun bis blauschwarz […]. […] Diese bei den Russulaceae gemachten Beobachtungen finden sich auch an den gloeopleren Elementen anderer Mitglieder der Russulales.

    Zum Verständnis habe ich mir den folgenden Zeichnungs-Mikrovergleich von gloeopleren Hyphen gemacht:



    Da Stereum Teil der Stereaceae ist und diese den Russulales zuzuordnen ist, war mein Gedankengang nun folgender:

    1. Wenn es sich beim betrachteten Exemplar um eine rötende Stereum-Art handelt, muss sie gloeoplere Hyphen enthalten.
    2. Gloeoplere Hyphen haben öligen Inhalt und verfärben sich mit Sulfovanillin.
    3. Einige betrachteten Hyphen haben tröpfchenförmigen Inhalt, aber keine verfärbt sich mit Sulfovanillin.
    4. Also enthält das betrachtete Exemplar keine gloeopleren Hyphen.
    5. Also handelt es sich nicht um eine rötende Stereum-Art.

    Wenn ich die Stelle mit der Blutungsreaktion falsch verstehe, bricht das Kartenhaus allerdings schon zusammen. Vielleicht habe ich aber auch einen anderen Fehler im Gedankengang?


    Wenn es sich bei den dickwandigeren Objekten um Pseudozystiden handelt, müssten diese ja „with oily content“ (Eriksson et al., 1984, p. 1429) sein, sie haben aber teils einen bräunlichen Inhalt, teils keinen (sichtbaren), deshalb bin ich mir hier noch etwas unsicher. Womöglich kann man gloeoplere Hyphen aber auch als Pseudozystiden deuten? Pseudozystiden sind ja keine echten Zystiden, sondern eigentlich Hyphen. Auch hier äußere ich aber nur vage Vermutungen.


    Was die Acanthozystiden betrifft, mache ich gleich noch einmal ein Schlachtfeld-Präparat und suche weiter. In der Literatur stand „Acanthocystidia easily observed“, vielleicht ist diese Einschätzung ja etwas zu optimistisch. Außerdem suche ich gleich mal nach einem Stereum-Exsikkat und mikroskopiere das zum Vergleich. Vielleicht wird mir dadurch ja einiges klarer.


    Mein Kopf ist gerade kurz vor’m Qualmen, ich lerne gerade aber sehr viel. Vielen Dank, dass ihr euch die Zeit nehmt!


    Herzliche Grüße,

    Vitus


    Literatur:

    Beenken, L. (2004). Die Gattung Russula: Untersuchungen zu ihrer Systematik anhand von Ektomykorrhizen. Ludwig-Maximilians-Universität München.

    Eriksson, J., Hjortstam, K., & Ryvarden, L. (1984). The corticiaceae of north europe 7: Schizopora – Suillosporium. Fungiflora.

    Larsson, K.-H., & Ryvarden, L. (2021). Corticioid fungi of europe. volume 1: Acanthobasidium - Gyrodontium. Fungiflora.

  • Hallo Vitus,


    zunächst mal zu den Gloeohyphen (gleiches gilt aber auch für Gloeozystiden): Die können eine positive SV-Reaktion haben, müssen es aber nicht. Wenn du z.B. bei Bernicchia in den Peniophora-Schlüssel schaust, wird dort in Schritt 14 gefragt, ob die Gloeozystiden SV+ oder SV- sind. (Nebenbemerkung: Laut Bernd Oertel sind alle Russulales mit SV+ Gloeozystiden scharf, weil der entsprechende Inhaltsstoff positiv reagiert).


    Zu den "Gloeohyphen" von Stereum konnte ich in der Literatur keine konkrete Aussage zum SV-Verhalten finden, ich gehe dann aber eher davon aus, daß es dort keine Reaktion gibt. Ich habe hier Gloeohyphen mal in Anführungszeichen gesetzt, weil Bernicchia z.B. schreibt "the conducting hyphae, functionally or not, seem to be homologous to the gloeoperous hyphae present in the rest of the russuloid lineage" und in den CoNE nur von "oleiferous pseudocystidia" die Rede ist. Wenn ich mir meine eigenen Mikrobilder von Stereum anschaue, sehe ich da auch nichts, was den typisch öligen Inhalt von echten Gloeohyphen/zystiden hat. Was ich dort aber sehe, sind genau die dickwandigen Pseudozystiden, die aus langen, scheinbar unseptierten Hyphen entspringen (ob das Skeletthyphen sind oder nicht, scheint Interpretationssache zu sein: CoNE schreibt, daß Stereum monomitisch ist, bei Bernicchia ist Stereum dimitisch). Teilweise sind die Pseudozystiden in meinen Präparaten mit braunem Inhalt gefüllt, in den anderen Fällen aber nicht. Ich kann mir vorstellen, daß da auch das Alter des Fruchtkörpers eine Rolle spielt.


    Stereum rugosum mit Füllung


    Stereum sanguinolentum ohne Füllung (bzw. ganz recht mit einer gefüllten Zystide)


    Björn