Hallo Bernd,
wie gesagt spannendes Thema. Ich hoffe, ich werde nicht gesteinigt, wenn ich nochmal auf die Etymologie zurück komme...
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Diese Etymologie hier:
aber Oxford languages meint tatsächlich auch, dass es aus dem Germanischen stammt und sich aus "a" = nicht und "ber" = tragen (vergleiche Bahre = trage, ge-bähren=die Geburt ertragen, oder auch das englische "to bear") zusammensetzt und somit mit "Untragend" im Sinn von "keinen Schnee tragend" übersetzt werden kann.
hat eine ganze Reihe von Mängeln. Als da wären, es gibt keinen plausiblen Grund, warum da jetzt im Ahd. und nachfolgend statt b plötzlich p stehen würde. Schließlich haben die zur gleichen Sippe idg. *bher- 'tragen' gehörenden Wörter wie Bahre, gebären, Geburt immernoch erwartungsgemäß das b. Dazu müsste man eine plausible Erklärung beibringen, warum das so sein soll. Zweitens soll a- ein negierendes Präfix sein. Gibt es, aber nur in Fremdwörtern. Stammt aus dem Altgriechischen, wie in atypisch, Ataxie und davon ausgehend auch für andere Fremdwörter wie asozial. Die deutsche (germanische) Entsprechung lautet un-, wie in unschön, unbar, ungern. Warum hätte man im Althochdeutschen (oder früher) ein Wort unter Verwendung einer griechischen Vorsilbe bilden sollen?
Drittens wäre da die semasiologische Fragestellung, ist es üblich, dass Begriffe für 'schneefrei' sprachlich durch 'nicht tragend' ausgedrückt werden? In irgendwelchen Sprachen. Das mag kein besonders starkes Argument sein, eher ein Plausibilitätscheck, denn Menschen ticken nun mal gleich, egal in welcher Sprache, und haben ähnliche Assoziationen.
Kluge, etymologisches Wörterbuch des Deutschen, sieht die Wortherkunft denn auch als "unklar", erwähnt indessen den obigen Vorschlag zur Etymologie, ohne ihn zu teilen. Das übliche Vorgehen in etym. Wörterbüchern - wenn man keine guten Erklärungen hat, schreibt man wenigstens Eventualitäten auf.
Der hier mehrfach vorgebrachte Vorschlag, dies zu lat. apertur, aperire zu stellen, ist wesentlich plausibler. Lautlich unproblematisch. Der semantische Gang dabei könnte gewesen sein "der Schnee reicht nur bis dorthin herunter, also ist der darunterliegende Pass (noch/schon) schneefrei und passierbar". Von einem offenen Pass vs. einem zugeschneiten Pass spricht man auch heute noch.
Dass man im Alpenraum eine Entlehnung aus dem Lateinischen hat, besteht auch jeden Plausibilitätscheck.
LG, Bernd
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Natürlich erscheint der Zusammenhang mit "aperire" usw. plausibel. Nur ist nicht alles richtig, nur weil es einem Laien plausibel erscheint. Und Laie bin ich in Sachen Linguistik.
Interessant wird es, wenn Informationen dem bekannten Wissen widersprechen.
Und dass "aper" nicht mit der lateinischen Wurzel "aper" zusammenhängen soll, ist erstmal ungewöhnlich und deswegen interessant.
Ich baue mir auch gern Theorien, verlasse mich da aber keinesfalls drauf, sondern versuche, mich an Experten zu halten.
Einen Linguisten kenne ich nicht, also bleibt mir nur, in möglichst gute Wörterbücher zu schauen, und zu hoffen, dass diese noch aktuell sind.
Linguistik ist vermutlich auch nicht leichter als Mykologie.
Ich teile wie gesagt deine Vermutung wegen der Herkunft von aper, würde mich aber nicht trauen, für die eine oder andere Herleitung einzutreten. Deine Argumente zB. sind so nicht wirklich stichhaltig.
Nur weil modernes Deutsch keine Vorsilbe "a-" aus einer früheren Stufe ererbt hat, heißt das nicht, dass es dieses nicht zu irgendeiner Zeit nicht gegeben hat - im Gegenteil, das Indogermanische als mittelbare Vorstufe des Deutschen kannte es vermutlich schon (siehe zB. altgriechisch oder auch Sanskrit).
Und als solches kann es als Wortbestandteil durchaus überlebt haben.
"aber/eber" zB. gibt es im heutigen Deutsch als eigenständige Vorsilbe nicht mehr, es taucht aber durchaus noch in Komposita wie "Aberglaube" oder "Eberesche" auf.
Genauso könnte "a-" im Althochdeutschen noch in einigen Komposita auftauchen, auch wenn es als selbstständiges Präfix damals schon verloren war.
Und auch das Argument "p" hat sich zu "f" gewandelt, ist so ja leider nicht brauchbar.
Einmal geht es bei Lautwandeln ja nicht um Buchstaben, sondern eben Lauten.
Was du wohl meinst, ist dass sich Frikative gern in die entsprechenden Plosive wandeln, und umgekehrt, also ein stimmloser Plosiv gern in einen stimmlosen Frikativ wandelt bzw. umgekehrt. Im Deutschen sind aber zB. "b"s nicht generell stimmhaft.
Und dann gilt so eine Regel ja erstmal nur in dem Zeitraum, in dem der Wandel tatsächlich erfolgt.
Spätere Lautänderungen können so einen Lautwandel ja beliebig verfälschen und so unkenntlich machen. Es ist ja durchaus möglich, dass sich ein ursprüngich stimmloser Plosiv erst zu einem stimmlosen Frikativ, in einer weiteren Stufe dann aber weiter zu einem stimmhaften Frikativ wandelt.
Lateinisch "frater" entspricht wohl unstreitig dem Deutschen "Bruder".
Nimmt man deine einfache Buchstabenregel, müsste es entweder im Lateinischen "vrater" oder im Deutschen "Bruder" heißen.
Weitere Beispiele, wo diese Regel aus dem einen oder anderen Grund nicht greift, ist bspw. griechisch "apo", was einem deutschen "af" entsprechen sollte, tatsächlich aber wohl "ab" entspricht. oder "pyrgos", was im Deutschen zu "furg" geworden sein sollte, tatsächlich aber wohl "Burg" wurde.
Wie gesagt teile ich deine Einschätzung, dass "aper" wohl eher vom lateinischen "aper" als vom Althochdeutschen stammt.
Aber das erscheint mir alles andere als so gesichert, und die andere Möglichkeit ist wohl zumindest gut möglich.
Viele Grüße
Michael