Hallo zusammen
Peter schaut hier wohl nicht regelmässig vorbei, ich versuche es mal... bitte korrigiere mich, wer auch immer mehr Ahnung von der Thematik hat.
In Abb. 3 der Arbeit kann man mit viel Mühe entziffern, welche Sequenzen für C. dealbata verwendet wurden:
Clitocybe rivulosa voucher AH44075 18S ribosomal RNA gene, partial seq - Nucleotide - NCBI
Clitocybe dealbata voucher AH39082 18S ribosomal RNA gene, partial seq - Nucleotide - NCBI
Clitocybe dealbata voucher AH39096 18S ribosomal RNA gene, partial seq - Nucleotide - NCBI
Von diesen drei Kollektionen gibt es meines Wissens keine Beschreibung, oder ich finde sie gerade nicht.
Also wissen wir nicht, ob das unser "Feldtrichterling" ist, oder vielleicht das gleiche wie Peters "Clitocybe quisquiliarum", oder vielleicht sogar noch etwas anderes.
Die drei Sequenzen stammen aus einer anderen Arbeit, nämlich Alvarado et al. 2018.
Diese Autoren weisen bereits darauf hin, dass der ganze Komplex aus molekularer Sicht umgebaut werden muss.
Die Chinesen haben hier also nur die Arbeit einer anderen Autorengruppe fortgeführt, ohne eigene, neue Erkenntnisse bzgl. C. dealbata.
Vermutlich haben sie sich mit dem Namen "Clitocybe dealbata" auch nur oberflächlich auseinandergesetzt.
Also was ist nun "Collybia dealbata"? Das ist weiterhin unklar! Die Chinesen haben einfach der Art, zu der diese drei genannten Sequenzen gehören, und die in der Genbank zweimal "Clitocybe dealbata" heisst, und einmal "Clitocybe rivulosa", den neuen Namen "Collybia dealbata" gegeben.
Aber ob das wirklich das gleiche ist wie der Pilz, den Sowerby im Jahr 1799 "Agaricus dealbatus" taufte, wissen wir nicht.
Dazu müsste der Typusbeleg von Sowerby sequenziert werden, das ist bisher nicht geschehen oder zumindest nicht öffentlich zugänglich.
Oder falls es keinen (oder keinen verwertbaren) Beleg gibt, müsste jemand einen Neotypus bestimmen. Auch das ist nicht geschehen.
Die Arbeit von Peter (und damit auch C. quisquiliarum) wurde von den Chinesen gekonnt ignoriert. Oder besser gesagt: Nicht wahrgenommen.
Der Name C. quisquiliarum hat sich schon im deutschsprachigen Raum wenig durchgesetzt, weltweit dürfte ihn kaum jemand wahrgenommen haben.
C. quisquiliarum wurde als Name zweifellos gültig publiziert, aber ohne eine öffentlich zugängliche Typussequenz. Vermutlich wurde der Typus nie sequenziert.
In den üblichen Datenbanken (Index Fungorum, Mycobank) findet man zwar Clitocybe quisquiliarum, aber keinerlei Bezug zu Clitocybe dealbata. In der Genbank findet man das Taxon überhaupt nicht.
Zumindest im Index Fungorum hätte man eintragen können, dass Clitocybe quisquiliarum = "Clitocybe dealbata (Sow.: Fr.) P. Kumm ss. J. E. Lange, E. Ludw." ist.
Ohne entsprechenden Eintrag in den üblichen Datenbanken macht man es ausländischen Autorengruppen, die primär molekular arbeiten, sehr schwer überhaupt auf ein Taxon aufmerksam zu werden. Es gibt weltweit hunderte Zeitschriften von denen viele kaum online zugänglich sind. Niemand kann die alle lesen. Wenn dann weder in der Genbank, noch im Index Fungorum, noch in der Mycobank ein Hinweis zu entdecken ist, dass Clitocybe quisquiliarum irgendwie im Zusammenhang mit Clitocybe dealbata steht, dann wird höchstwahrscheinlich auch kein chinesischer Wissenschaftler auf die Idee kommen, sich mit Clitocybe quisquiliarum zu beschäftigen.
Ja natürlich, bei einem wirklich fundierten wissenschaftlichen Vorgehen müsste man das erwarten. Aber dafür fehlt es an Zeit und Geld.
Also, diese Autoren sammeln einfach alles, was in der Genbank an Sequenzen aus vertrauenswürdigen Quellen zu finden ist, und arbeiten damit weiter.
Mit dieser Arbeitsweise gehen die Autoren ihrerseits wieder das Risiko ein, dass ihr Name sehr schnell wieder zum Synonym wird.
Wenn nun jemand die europäischen Typus-Belege sequenzieren würde, oder Neotypen definiert, kann sich alles wieder ändern.
Eigentlich können wir von Glück reden, dass in der Arbeit nur so wenige Arten umkombiniert wurden.
Wenn man das etwas seriöser bearbeitet, könnte man viele Fragezeichen in dieser Gruppe lösen.
Die vorliegende Arbeit hat keine Fragen beantwortet, keine taxonomischen Verwirrungen gelöst, sondern einfach mehr Verwirrung gestiftet.
Gruss Raphael