Neue Erkenntnisse werden durchaus kontrovers diskutiert. Mitunter passiert da in wenigen Jahren ein regelrechtes Hin und her. Siehe der Rhabdomyolyse-Verdacht bezüglich des Grauen Erdritterlings nach einer chinesischen Studie. Zwei Jahre später wurde der Pilz nun wieder "entlastet". Dieses Hin und Her schadet nicht zuletzt dem PSV-Wesen - denn die Berater vor Ort müssen dann den Leuten beibringen, dass sie Pilze nicht mehr essen dürfen, die sie seit Jahrzehnten gegessen haben. Der Grünling wird nach wie vor in Brandenburg und Umgebung gesammelt. Und es gibt nach wie vor Nebelkappen-Liebhaber. Und hier reden wir über Arten, die seit Jahren nciht mehr als Speisepilze gelten.
Servus Chorknabe,
der Erdritterling wurde nicht entlastet - die Saponaceolide gelten als zytotoxisch, auch Neuronen abtötend. Sie sind z. B. im Seifenritterling enthalten. Die "Entlastung" ist eine reine Spekulation darüber, ob sie "nicht vielleicht doch verdaut werden", ohne dass es Belege dafür gibt. Das mit der Rhabdomyolyse war eine Fehldeutung, ja, aber der Rest ist völlig offen.
Neue Erkenntnisse schaden m.E. dem PSV-Wesen nicht. Und was meinst du mit "nicht mehr essen dürfen"? Wer die Nebelkappe essen will, darf sie essen. Das Nebularin ist auch zytotoxisch und schadet durch siene antibiotische Wirkung der Darmflora, aber wer sich das reinpfeifen will, darf es tun. Als Pilzberater sollte man sowas halt nicht unterstützen. Vielleicht ist der Begriff PSV da auch irreführend - für mich geht es um Pilzberatungen. Und der Pilzberater sollte beraten. Dazu gehört auch die Warnung vor Grünlingen, da potentiell tödlich, aber auch die Warnung vor Nebelkappen und ja, auch die Warnung vor Erdritterlingen.
Und sollte später mal doch herauskommen, dass Erdritterlinge nicht ungesund sind, sollte der Pilzberater trotzdem vor ihm warnen, da Anfänger sonst giftige, graue Ritterlinge als Erdritterlinge sammeln und essen, wenn sie sich mal ohne Beratung trauen...
Inwiefern schadet es also dem PSV-Wesen, wenn man davor warnt, dass etwas ungesund ist oder dass der Verdacht, dass es ungesund ist, aktuell ist. Und inwiefern würde es schaden, wenn man später aufgrund neuerer Erkenntnisse dann in "doch nicht ungesund" korrigiert?
Beraten kann man - aufklären kann man. Verbieten kann man nicht. Der PSV ist keine Instanz, die entscheidet, was gegessen wird und was nicht. Ein PSV entscheidet aber, bei welchen Pilzen er (oder sie) dafür bürgt, dass man sie bedenkenlos essen kann. Und wenn jemand Pilze, die man aussortieren will, doch essen will, darf derjenige das. Ich würde mir halt per Unterschrift bestätigen lassen, dass ich auf die Gefahren hingewiesen habe und keine Verantwortung übernehme.
Was ich aber nicht verstehen kann - und das schadet dann m.M.n. wirklich: wie kann ich, wenn ich von potentiellen Gefahren weiß, diese gegenüber einem Ratsuchenden verschweigen? Beim Erdritterling ist bekannt, dass er möglicherweise (im Tierversuch definitiv) ungesund bis toxisch ist. Wegen einer rein spekulativen Meinungsäußerung kann man das doch nicht einfach verschweigen?! Zumal, wie gesagt, das eh kein Pilz für Anfänger (= Ratsuchende in der Pilzberatung) ist, da wegen Verwechslungsgefahr eh zu meiden.
Oder noch anders gefragt: Muss man wirklich alles, was einen nicht direkt tötet, essen?
Ich sehe den Aspekt der Beratung über dem der Belehrung. Belehre ich andere über etwas und muss dann zugeben, dass das falsch war, dann schadet das der Autorität, jedenfalls möglicherweise. Berate ich aber anhand des aktuellen Wissens, steigt die Anerkennung m.E. auch damit, dass man hier auf noch neuere Erkenntnisse reagiert.
In der Pilzberatung erstelle ich kein Fachgutachten. Nein, ich berate Anfänger und versuche, Vergiftungen präventiv zu vermeiden. Daher finde ich den Begriff Pilzberater auch besser, was die Pilzberatung betrifft. Man sucht ja auch nach einer Pilzberatungsstelle und nicht nach einem Fachbüro für Pilzkunde, um einen Sachverständigen aufzusuchen. Aber das ist eine reine Begrifflichkeit und ein anderes Thema. Es spielt hier aber wohl durchaus mit rein.
Liebe Grüße,
Christoph (aktiver Pilzberater)