Bei den über 10.000 Pilzarten Mitteleuropas wundere ich mich immer wieder über Personen, die sich mit jeder Gattung beschäftigen und den Anspruch haben in jeder Gattung nahezu alle Arten zu kennen.
Ich bin mir nicht sicher, ob es solche Leute überhaupt gibt. Niemand, auch nicht die allergrößten Experten, beschäftigt sich mit jeder Gattung oder gar mit 10.000 Pilzarten, und niemand hat den Anspruch, in jeder Gattung nahezu alle Arten zu kennen. Im Gegenteil: die besten Pilzauskenner sind meistens Gattungsspezialisten, die jenseits ihren Spezialgattungen nur "normales" Pilzwissen haben, manchmal sogar überhaupt kein Pilzwissen, weil sie immer nur "ihre" Gattung anschauen. Ich selber habe meine vier, fünf Gattungen, in denen ich mich gut auszukennen glaube, in anderen Gattungen koche ich sprichwörtlich nur mit Wasser, und in manchen Gattungen (z. B. Baumpilze, Boviste, ...) kenne ich mich überhaupt nicht aus. Solche Gattungen interessieren mich schließlich auch gar nicht.
Dann noch zur Frage, wie man sich ein gutes Pilzwissen erwirbt: in erster Linie durch eigene Aktivität. Dein Wissen ist das Spiegelbild davon, ob du wirklich geistig aktiv warst und viel Mühe und Aufwand reinzustecken bereit warst. Ob du nerdigerweise jeden Tag im Wald warst, so dass andere Leute schon über dich den Kopf geschüttelt haben. Oder ob du nur so getan hast als ob. Oder ob du immer nur zugehört, rumtheoretisiert und nachgeplappert hast. Wie man dann zu seinem Wissen kommt, ist individuell höchst verschieden. Gegenüberstellungstabellen sind eine gute Sache, noch besser sind sie, wenn sie wirklich nur die unterscheidungsrelevanten Merkmale beinhalten, also z. B. bei Perlpilz vs. Grauer Wulstling vs. Pantherpilz das irgendwo rötende vs. das nur undeutlich bräunende oder weiß bleibende Fleisch. Dagegen gibt es auch Graue Wulstlinge mit gerieftem/geripptem Hutrand oder Pantherpilze mit leicht geriefter Manschette und ohne Bergsteigersöckchen, so dass man anzweifeln kann, ob all das wirklich bestimmungsrelevant ist. Mit der Zeit, wenn dein Wissen gewachsen ist, und du die Relevanz von Unterscheidungsmerkmalen besser einschätzen kannst, musst du deine Gegenüberstellungstabellen erneuern und anpassen. Und natürlich allgemein dein Wissen aktuell halten. Also z. B. deine Nase in immer neue Pilzbücher stecken.
Die echten Pilzexperten machen ihr Leben lang tagein, tagaus nichts anderes, als sich mit Pilzen zu beschäftigen. Wer das nicht macht, weil ihm das zu mühsam ist oder er/sie zu wenig Zeit hat (so sagt man das ja heutzutage), wird halt kein Experte. Oder halt Experte für was anderes. Man kennt das ja auch von Musikvirtuosen - die machen in ihrem Leben nichts anderes als ihr Instrument zu spielen, die leben förmlich für ihr Spezialgebiet. Die sind unglücklich, wenn sie gerade nicht ihr Instrument spielen dürfen. Und ein gewisses Talent sollte halt auch vorhanden sein, da beißt die Maus keinen Faden ab. Vielleicht hat man ja für etwas anderes mehr Talent.
FG
Oehrling