Lieber Andreas,
der essbare „Doppelgänger“ ist Amanita citrina. Der Gelbe Knolli wird tatsächlich in Osteuropa und Russland sehr gern zu Speisezwecken gesammelt, wohingegen A. phalloides als eher wärmeliebende Art in weiten Teilen Russlands nicht vorkommt. Das ist durchaus eine plausible Erklärung dafür, dass hierzulande häufig osteuropäische Einwanderer von Knollenblätterpilz-Vergiftungen betroffen sind.
Sind das Erfahrungen aus erster Hand?
Gerüchtemäßig kenne ich das auch, dass der Gelbe Knollenblätterpilz in Osteuropa/Russland gegessen werden soll.
Meine sehr beschränkten persönlichen Erfahrungen bestätigen das bisher nicht (bin aber daran interessiert, wenn jemand das weiß, vielleicht du): Ich war mit einer russischen Bekannten häufiger Pilze sammeln, die zwar die Gerüchte um die silierten scharfen Milchlinge bestätigt hat, nicht aber das vom Gelben Knollenblätterpilz. Den fand auch sie vom Geruch her unappetitlich und hatte wohl auch niemanden im Verwandten- und Bekanntenkreis, der/die den aß. Aber das ist natürlich nur eine Stichprobe von einer Person (aus dem Raum Moskau).
Ich habe Pilzbestimmungsbücher aus Lettland und Polen (leider keines aus Russland - obwohl ich dachte, ich hätte eines, muss vielleicht noch mal suchen). Im Buch aus Polen sind sowohl der Grüne als auch der Gelbe Knolli als Giftpilze bewertet (der Grüne mit Totenschädel, der Gelbe mit Krankenhaus). Im lettischen der Grüne Knolli als tödlich giftig, der (als Verwechslungspartner benannte) Gelbe Knolli als "kein Speisepilz".
Aber selbst wenn dort der Gelbe Knolli tatsächlich gegessen würde, wäre immer noch die Frage, ob die Personen, die sich vergiftet haben, denn tatsächlich diese Pilze hatten sammeln wollen und die wirklich aus der Heimat kennen. Denn so ähnlich, dass man die verwechseln muss, wenn man nicht beide kennt, sind sie sich ja nun auch wieder nicht.
Aus meiner Erfahrung mit Vergiftungsfällen bei in Deutschland aufgewachsenen Personen würde ich sagen: Eher nicht. Die Fälle, in denen Leute giftige Pilze gegessen haben, obwohl sie dachten, sie essen einen Speisepilz, den sie gut kennen, beschränken sich auf Karbolegerlinge, wo die Unterhaltung dann immer nach dem Schema abläuft: "Ich dachte, es ist ein Champignon - habe auch ganz genau drauf geachtet, dass die Lamellen rosa sind und nicht weiß. Und jetzt habe ich Brechdurchfall." - "Das dürfte ein giftiger Champignon gewesen sein." - "Ach, es gibt giftige Champignons? Wusste ich nicht".
Alle anderen Vergiftungs-(Verdachts-)Fälle, die mir untergekommen sind, waren eher auf Ignoranz zurückzuführen (Fliegenpilz gegessen, weil er keine weißen Punkte hatte - nein, er wollte keinen roten Täubling oder ähnliches; Spitzgebuckelter Raukopf als Pfifferling (den er sonst nie sammelt, offensichtlich nicht gut kennt, und nur mitgenommen hat, weil er gerade drüber gestolpert ist); Nebelkappe als Ziegenlippe (mein absolutes Highlight); Mischpfanne von allem, was im Wald rumstand; in Öl eingelegter roher Kahler Krempling, ohne eine Idee, was das für ein Pilz sein könnte; und noch einiges mehr).
Ich halte es deshalb eher für plausibel, dass auch Menschen aus anderen Gegenden der Welt sehr vielfältige Gründe dafür haben, hier Giftpilze zu sammeln und zu essen, und es höchstens gelegentlich mal ein: "Ich dachte, das sei einer, den ich aus der Heimat kenne" ist.
Beste Grüße
Sabine