Hallo Malker,
nur meine persönliche Meinung, die mir hoffentlich keiner krumm nimmt:
Ob es nun durch die Entfremdung von Landwirtschaft und Natur sowie unserer Lebensmittelherstellung (Acker, Stall) kommt oder wodurch auch immer, ich bemerke seit Jahren, dass immer mehr das Individuum in den Vordergrund rücken und das Mitgefühl und die Rechte des Individuums. Tierindividualrechte werden tatsächlich von manchen diskutiert und afaik gibt es sogar einen öffentlich geförderten Verein, der sich damit beschäftigt. Also: Auf der einen Seite haben viele junge Leute noch nie eine Kuh in ihrem Leben gesehen (außer in der Milka-Werbung oder einer Doku), auf der anderen Seite aber ist das Mitgefühl mit dem Individuum groß. So auch bei Timmy. Die Fischindustrie ist übrigens ein großes Thema für sich, denn da kann man auch allerhand diskutieren, wie z.B. Fangquoten der ICCAT, Ausnahmen für die (vorgeblich) Wissenschaft (Walfang in Japan), Aquakultur und nachhaltige Fischerei. Riesenthema, lass ich hier besser raus. Und na klar, am Ende ist es immer der Verbraucher, der erst die Nachfrage schafft, für die dann die Fischindustrie die Fische fängt.
Die Politik? Es gibt alles mögliche, so halt auch die ICCAT und Fangquoten. Aber wo siehst du da das Ziel? Man kann das Problem herunterbrechen auf: Die Menschheit will essen und das wird immer getan werden. Die Lebensmittel müssen möglichst effizient (kostengünstig) und sinnvollerweise auch nachhaltig beschafft (angebaut, gefangen, etc) werden. Salopp gesagt: Wenn die Fischstäbchen 100 € kosten, weil man nur noch die Fische fangen darf, die sich freiwillig opfern, dann isst auch keiner mehr Fischstäbchen. Aber was dann?
Hinzu kommen noch die globalen Probleme. Die Ukraine ist übrigens die Kornkammer Europas, das nur am Rande. In Polen wird auch viel von unserem Bio-Gemüse und -Obst angebaut. Wir haben zwar teilweise gute Böden (Jülicher Börde etc), aber zu wenig Fläche. Plus der Wunsch nach Unabhängigkeit vom Ausland wegen der globalen Auseinandersetzungen.
Die Großindustrie Agrarlobby? Wie schon angedeutet, letztendlich hat es der Kunde in der Hand. Der müsste mehr Geld bezahlen, was der aber natürlich nicht will. Die Discounter bestimmen also die Preise und die Bauern müssen teilweise zum Selbstkostenpreis verkaufen (also ohne Gewinn), sonst können sie die Ernte nur wegschmeißen. Plus etliche Auflagen durch den Gesetzgeber auf allen Ebenen. Kurz: "Wir" üben den Druck auf die Landwirtschaft aus, der dazu führte, dass es keine Kleinbetriebe mehr gibt, jeder Bauer, der noch davon leben möchte, viel mehr Acker bewirtschaften muss. Den Bauern geht es als Großgrundbesitzern nicht unbedingt schlecht, aber ich beneide die nicht um ihre harte Arbeit. Und auch nicht um die Preisdiktate der Discounter. Aber ich bin auch froh, wenn ich für die Butter nur 1 € und nicht 3 € bezahle.
Runtergebrochen würde ich (nur Meinung) sagen, dass das Hauptproblem darin liegt, dass das Geld seit vielen Jahrzehnten sonstwohin wandert und der Bürger nur einen kleinen Teil abbekommt (Schere zwischen Arm und Reich geht auseinander). Jetzt in Krisenzeiten wissen wir auch, wer die Krise bezahlen soll: Natürlich wieder wir. Das Rentensystem ist gar nicht mehr zu retten durch Jahrzehnte lange Untätigkeit. Die einzige Chance wäre, wenn man den Reichen Geld abnimmt (zb mit Steuern) und besser verteilt. Dann hat der Bürger auch wieder mehr Wahlfreiheit beim Einkaufen und kauft dann vielleicht die Bio-Gurke aus heimischem Anbau. Jetzt darfst du drei Mal raten, was nicht passieren wird. Eher wird in Kauf genommen, dass rechte Kräfte die Demokratie auseinander nehmen. Und das wird wohl passieren, wie auch schon in anderen Ländern.
Zur Gentechnik bzw auch zu neuartigen Züchtungsmethoden wie Crispr/cas: Wir werden nicht ohne auskommen und im Grunde wird das Erbgut von (unter anderem) Pflanzen schon seit Jahrtausenden gezielt selektiert (gezüchtet). Crispr/cas beschleunigt das im Grunde nur stark. Da die Menschheit (noch) weiter wächst und immer mehr benötigt, werden wir meiner Meinung nach nicht ohne solche Methoden auskommen. Entsprechend gibt es auch etliche Forschungsprojekte, die sich mit der Ernährung (und mehr) der Weltbevölkerung von morgen beschäftigen. Auch Veränderungen durch den Klimawandel muss man mit einbeziehen, aber auch natürliche Prozesse, wie Verwüstung. Zudem werden Pflanzen nicht nur als Lebensmittel angebaut, sondern auch als Faserquelle (zb für Kleidung) und für Treibstoffe (Raps, Bio-Diesel), wobei auch die übrig gebliebene Biomasse verwertet wird, zb zu Ethanol vergoren wird oder was auch immer.
IMHO gibt es - leider - kein Zurück zu den guten alten Zeiten. Wir müssen sogar mehr in Richtung High-Tech, eben weil wir uns da von der Natur entkoppeln müssen, um z.B. keine Nitrate einzuleiten.
Oft ist es aber so, dass man das eine Übel abschafft und dafür neue schafft. Beispiel Fischfang: Aquakultur schont Wildfänge, bringt aber neue Probleme mit sich. Das kann aber auch gut gelingen, so wie bei der inzwischen kommerziellen Nachzucht des Thunfisches, wo auch etliche Jungtiere in die Freiheit entlassen werden.
Ich hab halt mal in der grünen Biotechnologie gearbeitet und auch in der Meeresbiologie. Daher weiß ich ein bisschen darüber.
LG Oliver