Galerina marginata auf Moos in der Heide?

Es gibt 8 Antworten in diesem Thema, welches 515 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag () ist von Tricholomopsis.

  • Hallo, ich komme aus der Heide und habe diese Gruppe Galerinas im Moos ohne erkennbares Totholz gefunden.


    Die sehr vielen gerieften kleinen Galerina Funde aus der Heide lasse ich immer links liegen. Makroskopisch unbestimmtbar.


    Aber so früh im Jahr mit sehr schwacher Riefung im Moos.Da wurde ich etwas neugierig. Der Habitus sieht wie eine gewöhnliche Galerina marginata aus.

    Geruch muffig, gute erkennbare Ringstruktur und mit ausgesprochen silbrig überfaserten Stiel. Der Stiel wird hohl und ist ausgeprägt dunkelbraun und schon fast schwarz.

    Der Hut zeigt keine erkennbare hygrophanität. Nach etwas Suche komme ich auf G. unicolor und der wurde hier im Forum als Galerina marginata var unicolor beschrieben.


    Edit:

    Abschliessend gibt Christoph, Tricholomopsis, eine ausführliche Erklärung das die betreffenden Arten von Gulden nach einem unzureichenden Verfahren analysiert wurden und eine Artentrennung weiter diskutiert werden muss/sollte.


    Nun meine Frage, sind diese Erkenntnisse immer noch state of the art?


    So sieht mein Fund von Heute aus.


    Fundort



    Habitus









    Vielen Dank und lg Rainer

  • Abschliessend gibt Christoph, Tricholomopsis, eine ausführliche Erklärung das die betreffenden Arten genetisch identisch sind. Das war 2019.

    Servus Rainer,


    nein, diese Aussage habe ich nicht gemacht, eher im Gegenteil. Wenn, dann ist nur ein sehr sehr kleiner Teil der DNA ununterscheidbar. Zunächst wurde von Gulden et al. (2001) per RFLP in der ITS ein Stammbaum erzeugt (siehe meine Erklärung von 2019). Diese Methodik ist nach heutiger Sicht nicht geeignet, einen Stammbaum zu erzeugen. In der Publikation wird auch ein auf Seuqnz der ITS basierender Stammbaum gezeigt, der mit dem der RFLP identisch ist (was mich immer noch wundert, dass das so gut eins zu eins passen soll). Ist die ITS identisch, heißt das nicht, dass die beiden Taxa genetisch identisch sind.


    Ich hatte damals übrigens noch eine Publikation von Gulden et al. (2005) in der Mycologia übersehen, in der auch die LSU betrachtet wurde. Hier wurde aber nicht versucht, Galerina marginata s.l. aufdzudröseln, sondern es ging um die ganze Gattung. Ein direktes Beispiel, warum die Aussage "genetisch identisch" erst gilt, wenn die gesamte DNA analysiert würde (auch die DNA zweier Menschen unterscheidet sich, identisch sind nur eineiige Zwilling): Galerina venenata wird von Gulden et al. (2001) und (2005) mit Galerina marginata s.str. synonymisiert (es wurde der Typus von G. venenata squenziert). Später erschien eine Studie von Landry et al (2021). Diese Studie hat mit RPB2 einen dritten Locus für die Stammbaumgenerierung hinzugefügt. Und siehe da, hier ist Galerina venenata schwach, aber doch abgesetzt (enthält übrigens beta-Amanitin und kein alpha-Amanitin, im Gegensatz zu G. marginata, in Wiesen, am Boden, nicht an Holz). Landry et al. (2021) spricht abgesehen davon auch nur vom "Galerina marginata-Komplex". Das Paper fokussiert sich auf das Auftreten von Amanitin in der Gattung. Siehe hier: https://journals.plos.org/plos…1371/journal.pone.0246575 (open access), nicht auf das Auftrennen oder Zusammenlegen von Arten. Als Ergebnis kam heraus, dass nur in Galerina subgen. Naucariopsis Amanitin vorkommt, die anderen Untergattungen und Sektionen keine Amatoxine enthalten.


    Hier ein Zitat aus der Arbeit (ein Satz von mir in Fettdruck hervorgehoben):

    If defined phylogenetically as the sister clade to G. badipes (Fig 2, S1 Fig), Galerina marginata s.l. receives 92% bootstrap support and encompasses six putative species represented by sequences of 500 bp or longer (Fig 2, S1 Fig). Internal bootstrap support values >70% indicates that G. marginata s.l. has more genetic structure than expected from a single species but the putative species do not show the reciprocal monophyly expected of well-established species (S1A Fig). Collections with identical or nearly identical ITS (S2 Fig) or RPB2 (S3 Fig) sequences were identified under various names, frequently as G. marginata but also as G. autumnalis, G. castaneipes, G. oregonensis, G. pseudomycenopsis, G. unicolor and G. venenata (S1 Table). aus Landry etr al. (2021: 10)


    Ob Galerina autumnalis und Galerina unicolor abtrennbar sind oder nicht, ist somit noch nicht geklärt. Der Galerina marginata-Komplex bedarf immer noch einer ausführlichen Revision, die sich dann zumindest über die Nordhalbkugel spannen sollte (und das ist mühsam). Galerina badipes ist jedenfalls eine eigenständige Art (u.a. zweisporige Basidien, Sporen fast glatt, enthält nach Landry et al. 2021 keine Amatoxine), die innerhalb der Untergattung Naucoriopsis aus dem Galerina marginata-Komplex rausfällt und eine Schwestergruppe bildet, aber eben auch wie Galerina marginata aussieht (mit dunklem Stielfleisch wie bei deiner Kollektion und später dann auch außen mit dunkler Stielbasis). Ein Problem ist auch, dass Galerina marginata s.str. noch typisiert werden muss.


    Ohne genaue Mikroskopie, nur makroskopisch und ökologisch ist hier momentan wohl nichts genau bestimmbar.


    Hier die Quellen:

    Gulden G, Dunham S, Stockman J (2001): DNA studies in the Galerina marginata complex. Mycol. Res. 105: 432–440.

    Gulden G, Stensrud Ø, Shalchian-Tabrizi K, Kauserud H (2005): Galerina Earle: A polyphyletic genus in the consortium of dark-spored agarics. Mycologia 97(4): 823–837.

    Landry B, Whitton J, Bazzicalupo AL, Ceska O, Berbee ML (2021): Phylogenetic analysis of the distribution of deadly amatoxins among the little brown mushrooms of the genus Galerina. PLoS ONE 16(2): e0246575. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0246575; 19 pp.


    Liebe Grüße,

    Christoph


    P.S.: Galerina venenata kommt in Europa und Nordamerika vor. Çelík et al. (2024) können die Art sogar nur per ITS von Galerina marginata abtrennen – da zeigen sich zwei Schwesterarten (so wurden Nachweise aus der Türkei abgesichert). Die Autoren unterscheiden u.a. Galerina marginata, Galerina autumnalis und Galerina venenata. Interessant wäre es, zu prüfen, ob Galerina venenata und Galerin unicolor das Gleiche sind.


    Quelle: Çelík et al. (2024): First record of the deadly poisonous Galerina venenata (Hymenogastraceae, Agaricomycotina) from Türkiye.

    Anatolian Journal of Botany 8(1): 34-38, doi:10.30616/ajb.1396300

  • Lieber Christoph,


    tausend Dank für diese spannenden Ausführungen und den Link zum Paper, das ich mir mit etwas Zeit mal zu Gemüte führen werde.


    Der Hinweis darauf, dass Galerina badipes wie Galerina marginata aussieht und kein Amatoxin enthält, löst möglicherweise ein langjähriges Rätsel von mir.


    Ich hatte in 2018 im Nachbarforum einen Beitrag gepostet, weil ich total verwirrt war, weil bei einigen Pilzen, die für mich eindeutig Gifthäublinge waren, der Salzsäure-Zeitungs-Test negativ ausfiel. Davor war der immer positiv gewesen, und dass Zeitung und Säure grundsätzlich noch funktionieren hatte ich auch verifiziert.


    Dass es zwar Häublings-Arten ohne Amanitin gibt, wusste ich schon, aber dass es welche gibt, die man mit dem Gifthäubling verwechseln kann, und auf die das zutrifft, wusste ich nicht, und es hat auch niemand eine Antwort mit dieser Information beigesteuert.


    Leider hatte ich damals nur ein total räudiges Foto, weil ich nicht mit Problemen bei der Bestimmung gerechnet hatte, sondern die Pilze für den Test schon auseinandergepflückt hatte, die Ringe sind schon teilweise abgegrabbelt, weil ich in solchen Fällen normalerweise mit dem Fingernagel abtrenne, usw.


    Aber vielleicht kann man anhand des Fotos trotzdem erkennen, ob Galerina badipes für diese Exemplare plausibel ist, sie wuchsen auf einem Fichtenstumpf:



    Beste Grüße

    Sabine

    100 Startguthaben minus APR-Gebühr 2024 = 90 + 3 (drittschnellstes Jokerverballern 2024) = 93 + 10 (dritter Platz APR 2024) = 103 minus 15 für APR 2025 = 88 + 2 (Nannettes Zwischenrätsel als 11. gelöst) = 90 + 6 (6. Platz Platzierungswette APR 2025) = 96

  • Aber vielleicht kann man anhand des Fotos trotzdem erkennen, ob Galerina badipes für diese Exemplare plausibel ist, sie wuchsen auf einem Fichtenstumpf:

    Hallo Sabine,


    ich denke, da kann man nichts Wesentliches beitragen.

    Ich bilde mir ein badipes mal gefunden zu haben, in Moos- und Flechtendurchsetzten (Peltigera) Magerrasen:


    An gleichem Standort auch eine "marginata", die mikroskopisch plausibel sein könnte, aber durch das Wachstum im Moos Fragezeichen aufgeworfen hatte. Den hatte ich dann Galerina uncialis getauft:


    Beste Grüße

    Harald

  • Hallo zusammen


    Es gibt eine recht neue Arbeit, in der mit Galerina esteveraventosii eine Schwesterart zu G. marginata beschrieben wird:

    https://www.researchgate.net/publication/359005757_Il_Genere_Galerina_nelle_Isole_Baleari_I_Galerina_esteveraventosii_una_nuova_specie_della_Stirpe_Marginata

    Diese ist offenbar weit verbreitet, es gibt Nachweise von Nord- bis Südeuropa.

    Gut möglich, dass eine der klassischen Arten aus dem marginata-Komplex damit identisch sind. Es fehlt noch an Typus-Sequenzen.


    Gruss Raphael

  • Hallo Christoph,


    vielen Dank für deinen Hinweis, meine Kommetar hat natürlich deine Sichtweise falsch wiedergegeben, sorry. Dies wurde natürlich korrigiert!


    Ob Galerina autumnalis und Galerina unicolor abtrennbar sind oder nicht, ist somit noch nicht geklärt. Der Galerina marginata-Komplex bedarf immer noch einer ausführlichen Revision, die sich dann zumindest über die Nordhalbkugel spannen sollte (und das ist mühsam). Galerina badipes ist jedenfalls eine eigenständige Art (u.a. zweisporige Basidien, Sporen fast glatt, enthält nach Landry et al. 2021 keine Amatoxine), die innerhalb der Untergattung Naucoriopsis aus dem Galerina marginata-Komplex rausfällt und eine Schwestergruppe bildet, aber eben auch wie Galerina marginata aussieht (mit dunklem Stielfleisch wie bei deiner Kollektion und später dann auch außen mit dunkler Stielbasis). Ein Problem ist auch, dass Galerina marginata s.str. noch typisiert werden muss.

    Solltest du ein Exikkat für eine eigene mikroskopische und genetische Untersuchung brauchen, könnte ich sie für dich trocken.

    Dies müsste dann noch heute geschehen -> (PM).


    Ohne genaue Mikroskopie, nur makroskopisch und ökologisch ist hier momentan wohl nichts genau bestimmbar.

    Da hat sich Raphael ja auch schon geäußert :). Vielen Dank für deine ausführliche Bewertung der aktuellen Sachlage und die Angaben der Quellen!


    lg Rainer

  • Es gibt eine recht neue Arbeit, in der mit Galerina esteveraventosii eine Schwesterart zu G. marginata beschrieben wird:

    https://www.researchgate.net/p…ie_della_Stirpe_Marginata

    Diese ist offenbar weit verbreitet, es gibt Nachweise von Nord- bis Südeuropa.

    Gut möglich, dass eine der klassischen Arten aus dem marginata-Komplex damit identisch sind. Es fehlt noch an Typus-Sequenzen.

    Servus Raphael,


    super, danke dir! Die Publikation kannte ich noch gar nicht. Es wird echt Zeit, sich mal wieder mehr mit den Gifthäublingen zu beschäftigen.


    Solltest du ein Exikkat für eine eigene mikroskopische und genetische Untersuchung brauchen, könnte ich sie für dich trocken.

    Dies müsste dann noch heute geschehen -> (PM).

    Servus Rainer,


    sorry, ich war die letzten Tage nicht aktiv im Forum. Falls du doch einen Beleg gemacht hast, kann ich ihn natürlich gerne anschauen/mikroskopieren (aber ohne Gewähr, dass was dabei rauskommt).


    Servus Sabine,


    sorry, per Foto allein kann ich da nichts sagen (und auch mit Beleg ist es nicht gesagt, dass was dabei raus kommt).


    Liebe Grüße,

    Christoph