Galerina marginata auf Moos in der Heide?

Es gibt 2 Antworten in diesem Thema, welches 71 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag () ist von Tricholomopsis.

  • Hallo, ich komme aus der Heide und habe diese Gruppe Galerinas im Moos ohne erkennbares Totholz gefunden.


    Die sehr vielen gerieften kleinen Galerina Funde aus der Heide lasse ich immer links liegen. Makroskopisch unbestimmtbar.


    Aber so früh im Jahr mit sehr schwacher Riefung im Moos.Da wurde ich etwas neugierig. Der Habitus sieht wie eine gewöhnliche Galerina marginata aus.

    Geruch muffig, gute erkennbare Ringstruktur und mit ausgesprochen silbrig überfaserten Stiel. Der Stiel wird hohl und ist ausgeprägt dunkelbraun und schon fast schwarz.

    Der Hut zeigt keine erkennbare hygrophanität. Nach etwas Suche komme ich auf G. unicolor und der wurde hier im Forum als Galerina marginata var unicolor beschrieben.


    Abschliessend gibt Christoph, Tricholomopsis, eine ausführliche Erklärung das die betreffenden Arten genetisch identisch sind. Das war 2019.


    Nun meine Frage, sind diese Erkenntnisse immer noch state of the art?


    So sieht mein Fund von Heute aus.


    Fundort



    Habitus









    Vielen Dank und lg Rainer

  • Abschliessend gibt Christoph, Tricholomopsis, eine ausführliche Erklärung das die betreffenden Arten genetisch identisch sind. Das war 2019.

    Servus Rainer,


    nein, diese Aussage habe ich nicht gemacht, eher im Gegenteil. Wenn, dann ist nur ein sehr sehr kleiner Teil der DNA ununterscheidbar. Zunächst wurde von Gulden et al. (2001) per RFLP in der ITS ein Stammbaum erzeugt (siehe meine Erklärung von 2019). Diese Methodik ist nach heutiger Sicht nicht geeignet, einen Stammbaum zu erzeugen. In der Publikation wird auch ein auf Seuqnz der ITS basierender Stammbaum gezeigt, der mit dem der RFLP identisch ist (was mich immer noch wundert, dass das so gut eins zu eins passen soll). Ist die ITS identisch, heißt das nicht, dass die beiden Taxa genetisch identisch sind.


    Ich hatte damals übrigens noch eine Publikation von Gulden et al. (2005) in der Mycologia übersehen, in der auch die LSU betrachtet wurde. Hier wurde aber nicht versucht, Galerina marginata s.l. aufdzudröseln, sondern es ging um die ganze Gattung. Ein direktes Beispiel, warum die Aussage "genetisch identisch" erst gilt, wenn die gesamte DNA analysiert würde (auch die DNA zweier Menschen unterscheidet sich, identisch sind nur eineiige Zwilling): Galerina venenata wird von Gulden et al. (2001) und (2005) mit Galerina marginata s.str. synonymisiert (es wurde der Typus von G. venenata squenziert). Später erschien eine Studie von Landry et al (2021). Diese Studie hat mit RPB2 einen dritten Locus für die Stammbaumgenerierung hinzugefügt. Und siehe da, hier ist Galerina venenata schwach, aber doch abgesetzt (enthält übrigens beta-Amanitin und kein alpha-Amanitin, im Gegensatz zu G. marginata, in Wiesen, am Boden, nicht an Holz). Landry et al. (2021) spricht abgesehen davon auch nur vom "Galerina marginata-Komplex". Das Paper fokussiert sich auf das Auftreten von Amanitin in der Gattung. Siehe hier: https://journals.plos.org/plos…1371/journal.pone.0246575 (open access), nicht auf das Auftrennen oder Zusammenlegen von Arten. Als Ergebnis kam heraus, dass nur in Galerina subgen. Naucariopsis Amanitin vorkommt, die anderen Untergattungen und Sektionen keine Amatoxine enthalten.


    Hier ein Zitat aus der Arbeit (ein Satz von mir in Fettdruck hervorgehoben):

    If defined phylogenetically as the sister clade to G. badipes (Fig 2, S1 Fig), Galerina marginata s.l. receives 92% bootstrap support and encompasses six putative species represented by sequences of 500 bp or longer (Fig 2, S1 Fig). Internal bootstrap support values >70% indicates that G. marginata s.l. has more genetic structure than expected from a single species but the putative species do not show the reciprocal monophyly expected of well-established species (S1A Fig). Collections with identical or nearly identical ITS (S2 Fig) or RPB2 (S3 Fig) sequences were identified under various names, frequently as G. marginata but also as G. autumnalis, G. castaneipes, G. oregonensis, G. pseudomycenopsis, G. unicolor and G. venenata (S1 Table). aus Landry etr al. (2021: 10)


    Ob Galerina autumnalis und Galerina unicolor abtrennbar sind oder nicht, ist somit noch nicht geklärt. Der Galerina marginata-Komplex bedarf immer noch einer ausführlichen Revision, die sich dann zumindest über die Nordhalbkugel spannen sollte (und das ist mühsam). Galerina badipes ist jedenfalls eine eigenständige Art (u.a. zweisporige Basidien, Sporen fast glatt, enthält nach Landry et al. 2021 keine Amatoxine), die innerhalb der Untergattung Naucoriopsis aus dem Galerina marginata-Komplex rausfällt und eine Schwestergruppe bildet, aber eben auch wie Galerina marginata aussieht (mit dunklem Stielfleisch wie bei deiner Kollektion und später dann auch außen mit dunkler Stielbasis). Ein Problem ist auch, dass Galerina marginata s.str. noch typisiert werden muss.


    Ohne genaue Mikroskopie, nur makroskopisch und ökologisch ist hier momentan wohl nichts genau bestimmbar.


    Hier die Quellen:

    Gulden G, Dunham S, Stockman J (2001): DNA studies in the Galerina marginata complex. Mycol. Res. 105: 432–440.

    Gulden G, Stensrud Ø, Shalchian-Tabrizi K, Kauserud H (2005): Galerina Earle: A polyphyletic genus in the consortium of dark-spored agarics. Mycologia 97(4): 823–837.

    Landry B, Whitton J, Bazzicalupo AL, Ceska O, Berbee ML (2021): Phylogenetic analysis of the distribution of deadly amatoxins among the little brown mushrooms of the genus Galerina. PLoS ONE 16(2): e0246575. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0246575; 19 pp.


    Liebe Grüße,

    Christoph


    P.S.: Galerina venenata kommt in Europa und Nordamerika vor. Çelík et al. (2024) können die Art sogar nur per ITS von Galerina marginata abtrennen – da zeigen sich zwei Schwesterarten (so wurden Nachweise aus der Türkei abgesichert). Die Autoren unterscheiden u.a. Galerina marginata, Galerina autumnalis und Galerina venenata. Interessant wäre es, zu prüfen, ob Galerina venenata und Galerin unicolor das Gleiche sind.


    Quelle: Çelík et al. (2024): First record of the deadly poisonous Galerina venenata (Hymenogastraceae, Agaricomycotina) from Türkiye.

    Anatolian Journal of Botany 8(1): 34-38, doi:10.30616/ajb.1396300