Materialforschung: Klonen ohne SAB, geht das auch?

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  • Ihr Lieben,

    zur Materialerfoschung von Myzel möchte ich Wildpilze klonen. Also nicht zu Speisezwecken, sondern Zunderschwamm, oder Schillerporling ect.. Ich frag mich ob ich dringend dafür eine Still- Air- Box brauche. Oder ob es auch einfacher geht. Ich möchte eigentlich nicht so viel Geld ausgeben. ==18


    Es soll als Projekt gut machbar sein über ein paar Monate hinweg- also von den Umständen her nicht zu aufwendig werden. Mir ist klar, das da Kontaminationsfrust ansteht und den möchte ich gerne niedrig halten.


    Ich hätte gern ein Low- Low-Budget Zuhause Settup, das trotzdem gut funktional ist.


    Konkret das aktuelle Ziel: Myzelplatten und Myzelziegel aus verschiedenen Pilzarten, um sie perspektivisch zu vergleichen.


    Nebenfrage: kann ich davon ausgehen, wenn das Hyphensystem des Fruchtkörper trimitrisch ist, dass das Myzel ansich robuster ist? Wahrscheinlich nicht, oder? Mein Eindruck ist, dass diese Annahme analog nicht übertragbar ist.

    Ich nehme an, es kommt eher auf die Aggressivität des Myzels an, wie stabil, oder kompakt es am Ende ist. Z.B. Austern wachsen sehr schnell und es wird eher lockeres Myzel mit vielen Lufteinschlüssen. Also eher Dämmmaterial, oder Verpackungsmaterial. Hat da schon jemand Erfahrungen dazu?


    Liebe Grüße

    ria

  • Hallo Ria,


    ich hab' schon länger nicht mehr steril gearbeitet, aber als Jugendlicher hab ich schon Austernpilze gezüchtet, da gab es noch keine Still-Air-Boxen bei Amazon für 25 € (da gab es auch noch kein Amazon und keinen Euro ;) ). Ging auch.


    Aber mal ehrlich: wieviel willst Du denn noch sparen? Wenn Du aus ein paar Holzleisten aus dem Baumarkt ein Gestell baust und mit Malerfolie bespannst und ein paar Handschuhe mit Panzertape reinklebst, ist das doch teurer?


    Wichtig ist, dass Du die Agarplatten in den Petrischalen gut im Dampfkochtopf sterilisierst und die Petrischalen möglichst nur 1 Sekunde öffnest, um das Pilzstück 'reinzulegen.


    Gruß,


    Wolfgang

  • Zitat

    Ging auch

    Wenn Du noch beantworten magst: Wie hast du das gemacht und wo? Wie gründlich hast du was gereinigt? Womit?



    Und taugen die denn was diese fertigen SAB bei Amazon? Ist es möglich mit denen vernünftig und über einen längeren Zeitraum zu arbeiten? Ich habe jetzt vermutet, dass ich die so oft neu kaufen muss, dass das am Ende keine gute Lösung ist.

  • Wie gründlich hast du was gereinigt? Womit?

    Damals war im Haus meiner Eltern eine Einliegerwohnung, die nicht vermietet war, mit einer winzigen Küche.

    Dort hab' ich alle abwischbaren Oberflächen mit Wasserstoffperoxid abgewischt. Skalpelle und Nadeln wurden kurz durch einen Spiritusbrenner gezogen.

    Den Agar habe ich selbst gekocht und in Petrischalen gegossen und im Dampfkochtopf von Mama sterilisiert.


    War, wie gesagt, eine andere Zeit und andere Gepflogenheiten.


    Was heute noch stimmt:

    - die größte Keimschleuder im Raum bist sowieso Du selbst

    - sterile Petrischalen nie ganz öffnen, nur den Deckel kurz an einer Seite anheben


    Gruß,


    Wolfgang

  • So wie Wolfgang habe ich auch meine Pilzzuchtversuche durchgeführt.


    Mit primitiven Mitteln (Wasser, Spüli und Brennspiritus) gereinigte Tischplatte in der Küche. Abgeflammt wurde mit dem Gasfeuerzeug. Frisch geerntete Stockschwämmchen aus dem Walde seziert und ein wenig Fleisch in die Agar-Petrischale.

    Das Myzel entwickelte sich prima. Und mit dem Umweg über Körner wurden Stämme beimpft. Die trugen Fruchtkörper wie blöd - nach 6 Jahren.

    Klar gab es kontaminierten Ausschuss, der entsorgt wurde. Aber das ist normal.


    Du machst dir viel zu viele Gedanken. Versuche es einfach!


    Gruß

    Peter

  • Hallo Ria,


    ist das noch aktuell oder hast du eine zufriedenstellende Lösung für dich gefunden, die gut funktioniert?


    Ich persönlich würde keine Still-Air- oder Glove-Box mehr nehmen oder haben wollen. Und ist imho auch nicht nötig. Im Labor gießen unsere Studenten und Wissenschaftler ihre Platten nicht immer unter der Cleanbench, sondern manchmal auch einfach neben einer Bunsenbrennerflamme. Und einen Bunsenbrenner braucht man sowieso. Daher würde ich einfach einen Bunsenbrenner für Ventilkartuschen(!) empfehlen. Kostet ca 15 € online. Keine Stechkartuschen verwenden, die sind meist nicht ganz dicht und daher beim nächsten beabsichtigten Gebrauch oft leer.

    Ein Autoklav oder zumindest Dampfdrucktopf / Schnellkochtopf wirst du aber brauchen, um Medien zu sterilisieren. Es soll Leute geben, die Glaspetrischalen nutzen. Ich persönlich nehme nur noch Kunststoff-Petrischalen und gieße die dann nach der Sterilisation neben dem Brenner. Das Gießen erfordert etwas Übung und man sollte idealerweise ein Gefäß nehmen, woraus man gut gießen kann (Erlenmeyerkolben oder Schott-Flasche mit Schüttring). Man sollte peinlichst darauf achten, dass keine Tropfen herunter laufen und dann wieder beim nächsten Gießvorgang zur Öffnung hin laufen (wegen Kontamination). Also gießt man die Platten am besten in einem durch ohne das Gefäß abzustellen. Wenn man es abgestellt hat ggf unten den Tropfen abwischen und noch mal den Hals des Erlenmeyerkolbens abflammen. Nachteil von Dampfdrucktöpfen: Die sind meist zu niedrig um einen 500ml-Erlenmeyerkolben da rein stellen zu können.

    Nährböden kann man ggf. leicht(!) ansäuern, damit Bakterien (Kontis) nicht so gut wachsen.

    Leider muss ich etwas Kritik üben. Abwischen mit Wasserstoffperoxid? Kann man machen, man sollte aber die Konzentration erwähnen! Nicht, dass noch jemand auf die Idee kommt, mit 30% H2O2 zu wischen. 3% reichen auch locker. Vorsicht bei schnell korrosierenden Dingen wie Alu oder niedrig legiertem Stahl etc. Wegen solcher unbedachter Tipps mit fehlenden Konzentrationsangaben hab ich mal eine viel zu starke Schwefelsäure (für Sulfovanillin) verwendet und das ist nicht lustig. Immerhin: Man bekommt afaik sowieso nur noch geringere Konzentrationen, glaube bis 14,9% H2O2 ungefähr. Und bei H2SO4 auch nur noch geringe Konzentrationen.

    IMHO ist wichtiger als Sterilisation mit Chemikalien, dass die Arbeitsfläche grundsätzlich sauber ist, kein Luftzug herrscht (Fenster schließen), keine Konvektion durch Heizkörper (vorher abstellen), kein Abfluss benutzt wird (ggf werden Schimmelpilzsporen aufgewirbelt), man idealerweise eine FFP2-Maske trägt (Hefen etc aus dem Mundraum) und hektische Bewegungen und Türen öffnen/schließen während des Arbeitens vermeidet. Und natürlich, dass die Instrumente sterilisiert sind. Ob Trockensterilisation im Backofen (für Skalpelle, Impfösen etc) oder Dampfsterilisation (im Autoklav oder Schnellkochtopf). Erwähnung am Rande: Bei Nährböden könnte man sich ggf. auch mit Tyndallisation (fraktionierte Sterilisation) behelfen, wenn man keinen Autoklaven/Dampfdrucktopf hat. Siehe Wikipedia.

    Was Roggensubstrat angeht, um Körnerbrut herzustellen: Ich verwende dazu Sturzgläser mit Deckel, so 250-300 ml. Die passen gut in meinen Autoklaven. In die Deckel kann man zwei Löcher machen (mit so einem Piekser für Kondensmilchdosen oder Bohrer). In ein Loch kann man einen Eindrehzigarettenfilter (Kiosk) stecken als Luftfilter. Das andere Loch kann man mit Klebeband abkleben. Wenn man das Glas dann beimpfen möchte, kann man Sporen- oder Myzelspritzen verwenden und einfach durch das Tesaband stechen und danach wieder neues aufkleben oder kurz das Tesaband lösen und nach dem Beimpfen wieder draufkleben. So sind Kontaminationen an der Stelle gut zu minimieren, gerade im Vergleich zum kompletten Öffnen des Glases, wenn man z. B. Stücke einer Petrischale zum Beimpfen verwendet.

    Im Moment gibt es bei mir aber keinerlei Kulturbemühungen mehr. Vielleicht in ein paar Jahren wieder.

    Grüße


    Oliver