Hallo JanMen,
ich verfolge deine Beiträge seit einiger Zeit und finde sie sehr niveauvoll. Es freut mich auch zu hören, dass du auch Pilze aus solchen "na-ja"-Gattungen wie Psathyrella genauer anschauen willst.
Leider sind Pilze aus solchen Gattungen keine, die man wie eine Marone oder einen Horngrauen Rübling (um mal willkürlich zwei Pilze zu nennen) einfach mal so aus der Hand bestimmt, schon gar nicht anhand von Internet-Bildern. Selbst die besten Psathyrella-Spezialisten müssen meistens vorgefundene Exemplare mikroskopieren, bevor sie was Belastbares sagen können. Dies liegt in keiner Weise an mangelnden Fachkenntnissen, sondern ist der Unübersichtlichkeit der Gattung geschuldet. Laien haben meist keine Vorstellung davon, dass es fast 100 Psathyrella-Arten gibt, von denen sich viele makroskopisch enorm ähnlich sehen und daher kaum auseinanderzuhalten sind (leider manchmal auch nicht NACH dem Mikroskopieren!).
Wenn du also anfängst, in Gattungen dieses Kalibers herumzuforschen, dann wäre der allererste Schritt herauszufinden, welche Bestimmungsmerkmale in dieser Gattung überhaupt die relevanten sind, d. h. welche Merkmale man vor dem eigentlichen Bestimmungsvorgang (Vergleich mit Literaturreferenzen) erheben muss. Was in Gattung X notwendiges B-merkmal ist, kann in Gattung Y völlig irrelevant sein, da nicht sauber trennend. Ein Beispiel: Bei der Bestimmung von Täublingen ist der Geschmack der rohen Pilze sozusagen das Bestimmungsmerkmal Nr. 1, dagegen ist Amyloidität des Sporenpulvers irrelevant, da alle Täublingssporen amyloid sind. Bei Amanita ist hingegen äußerst wichtig, ob die Sporen amyloid sind oder nicht, dafür ist der Geschmack zur Bestimmung irrelevant, da alle Amaniten mild schmecken (und obendrein noch tödlich giftig sein können!). Noch ein Beispiel: zur Bestimmung von Rüblingen ist ein Schnittbild völlig irrelevant (
), bei Röhrlingen dagegen quasi zwingend.
Schritt Nr. 2 ist die Erlangung des Wissens, wie man die Merkmale überhaupt fachmännisch erhebt. Z. B. ist es bei Täublingen überhaupt nicht egal, WO MAN IN DEN PILZ HINEINBEISST, um eine eventuelle Schärfe festzustellen. Man muss ein bis zwei Lamellen junger Exemplare kosten, sonst erhebt man möglicherweise das Merkmal falsch. Das geht sogar so weit, dass man bei der Präparierung der Huthaut für das Mikroskop diese an ganz bestimmten Stellen des Hutes abziehen muss, da sich sonst Bestimmungsfehler ergeben können. Usw.
Danach brauchst du einen gescheiten Bestimmungsschlüssel für Psathyrella, wie er nicht in "Handbüchern für Pilzsammler", ja nicht einmal in Standardwerken mit 1200 Pilzen enthalten ist, sondern nur in spezieller Literatur, im Extremfall in Gattungsmonographien (das sind dickste, teuerste Pilzbücher, in denen nur eine einzige Gattung beschrieben ist), sonst findest du trotz sorgfältigster Merkmalserhebung deinen Pilz nicht heraus.
Ich schreibe dies nicht, um dich abzuschrecken, sondern um dir eine Vorstellung davon zu verschaffen, was es heißt, eine Psathyrella seriös zu bestimmen. Das kommt nicht immer so rüber, wenn ein Spezialist mal eben so in den Ring wirft: "der von dir gezeigte Pilz sieht mir nach Psathyrella maculata aus". Man denkt dann immer: "das hat der auswendig gelernt", doch weit gefehlt.