Hallo Emil,
vielen Dank für deine sehr fachkundige und ausführliche Antwort.
Ich bin mir bei der Unterscheidung der beiden Arten oft unsicher, eben auch, weil es diffus ist, welche Merkmale wirklich relevant zur Unterscheidung sind und ob diese Sommerform des vermeintlichen Austern-Seitlings wirklich mit der Winterform identisch ist. Insgesamt ist noch einiges unklar. Beispielsweise wird für P. pulmonarius nur Laubholz als Substrat angegeben. Lässt sich daraus schließen, dass es sich bei Pleurotus-Arten auf Nadelholz immer um P. ostreatus handelt?
Also bei einem einschlägigen Myzelienhändler wird für einen P. pulmonarius-Wildfund aus der BRD auch Nadelholz als mögliches Substrat angegeben. Dazu muss man natürlich sagen, dass man die Bedingungen in der Zucht nicht mit dem Freiland vergleichen kann. Viele Seitlingsarten kann man sogar auf einem Substrat aus Altpapier züchten, was in freier Wildbahn so garantiert nie vorkommen würde, egal wieviele alte Zeitungen man im Wald liegen lässt.
Den Dritten im Bunde, P. cornucopiae, habe ich noch nie bewusst gesehen. Auch da bin ich irgendwie skeptisch, ob die weiter herablaufenden Lamellen wirklich so charakteristisch sind, um die Art wirklich sicher zu erkennen, denn auch bei den anderen beiden Arten können sie sehr weit herablaufen (und bestimmt auch anastomisieren).
Deine Skepsis ist berechtigt. Ich hab mal in den Fotos gekramt, hier ist eine Zucht von letztem November mit P. ostreatus var. columbinus (Wildfund BRD, keine Industriesorte
), auch da laufen die Lamellen sehr weit herunter. Generell ist mein Eindruck, dass Seitlinge total variabel sind und die Wuchsform stärker als bei vielen anderen Pilzen von den Umwelteinflüssen abhängt (also nicht nur CO2, sondern auch Luftfeuchtigkeit, Temperatur, Sonneneinstrahlung, Wind...).

Ich bin auf weitere Erkenntnisse zu der Thematik gespannt. Helle Seitlinge im Sommer werden auch sehr oft in den Foren/Gruppen angefragt und man kann nie eine klare Antwort geben. Ich habe den Eindruck, dass helle Sommer-Seitlinge in den letzten Jahren deutlich häufiger geworden sind. Das spricht für mich auch dafür, dass es die Zuchtform von P. ostreatus ist, die sich immer weiter ausbreitet.
Das stimmt nachdenklich. Der Limonenseitling wird ja schon länger aufgrund seines potentiell invasiven Charakters kritisch beäugt, aber diese Maßstäbe sollte man wohl auch für hochgezüchtete Industriehybriden von P. ostreatus ansetzen, die in dieser Form in der Natur nicht vorkommen.
LG Suillus