Servus Rudi
auch wenn ich mich in die Nesseln setze, ich glaube, alles was belehrend ist oder auch nur so rüberkommt, ist eine Zumutung für Erwachsene (wobei auch Jugendliche und Kinder da meist abwehrend reagieren).
in dem Punkt sehe ich das dann doch etwas anders. Versetz dich mal in die Lage, jemand würde auf eigene Faust anfangen wollen, zum Bergsteigen zu gehen. Und nimm mal an, du wärst entweder Teil der Bergrettung oder ein Bergführer / Ausbilder. Und jetzt würde jemand in ein Bersteigerforum, der sehr wenig bis kein Grundwissen hat, nachfragen, ob ein Knoten (der unscharf und verwckelt fotografiert wurde) so passen würde. Und nimm an, derjenige welche würde dann eine gefährliche Route nehmen wollen, bei der schon Schwerverletzte und Todesfälle vorgekommen wären.
Wie würdest du dich dann verhalten? Würdest du da eine Belehrung, dass das gefährlich ist, auch als Zumutung empfinden? Oder wäre es dann "schlimm", jemandem von dem gesunden und tollen Hobby Bergsteigen abzuhalten, weil derjenige die Antwort als zu belehrend aufgefasst hätte?
Jetzt kann man sagen, dass es doch egal sei, solange derjenige allein aufsteigt und nicht Dritte mitgefährdet - derjenige also ohne Ausbildung und ohne Gespür für die Gefahren andere, die noch weniger wissen, mitnimmt und gefährdet.
Das Bild passt natürlich nicht 1 zu 1, da beim Bergsteigen durch Anfänger, die sich selbst überschätzen (was meist bei Anfängern vorkommt) dann immer Dritte gefährdet werden. Die Bergrettung bringt sich ja selbst in Gefahr.
Ein paar Parallelen gibt es aber. Ich kenne einen Fall aus Augsburg, wo "Papi", der sich mit Pilzen auskannte, seine Kinder zwang, mitzuessen, da das, was auf den Tisch kommt, auch gegessen wird. Die Kinder wollten sich verweigern, da die Champignons komisch rochen (Karbolegerlinge). "Papi" war sogar Arzt, hatte aber leider wenig Pilzwissen und wusste nicht, dass es giftige Champigons gibt. Dass Dritte mit reingezogen werden, ist also immer möglich.
Wie sieht es in der realen Pilzberatung aus? Der Pilzberater muss zu 100% sicher sein, dass die freigegebenen Pilze nicht giftig sind. 99,9% reicht nicht aus. Dafür haben die Pilzberater Mühe und Kosten auf sich genommen. Um 100% sicher zu sein, braucht man mglw. Geruch, Fleischkonsistenz, Lamellenablösbarkeit, eine Lupe, um Velumspuren zu finden usw. All das geht am Foto nicht oder nur teilweise sehr eingeschränkt.
Jetzt weiß man aber als Pilzberater, auf was man alles achten muss. Man weiß aber auch, dass viele Stockschwämmchensammler jahrelang erfolgreich waren, sich nicht zu vergiften, obwohl die Gifthäublinge nicht kennen (und noch nie davon gehört haben). Letzteres sorgt dafür, dass Pilzvergiftungen als Gefahr nicht ernst genommen werden. Es sind dann nur die Grünen Knollis und ganz wenig andere, die gefährlich erscheinen. Sollte man jetzt solche Stockschwämmchensammler nicht warnen, weil das zu belehrend wäre? Was wäre, wenn jemand weiterhin für die ganze Familie Stockschwämmchgen sammelt, aber z.B. den Gifthäubling nicht kennt? Raushalten? Oder nur ganz wertneutral anmerken, dass es Doppelgänger gibt? Und dann auf eine Replik, dass man das "schon im Gefühl habe" und deshalb nicht fehlgreifen könne, schlucken, ohne nachdrücklich zu warnen?
Alles konstruierte Fälle (bis auf den aus Augsburg) - denn solche Stockschwämmchensammler kenne ich nicht aus Foren, sondern nur von physischen Begegnungen im Wald.
Ich traue weiterhin den Disclaimer rein rechtlich nicht. Weiß ich davon, dass jemand Pilze isst, die per Forum "bildbestimmt" sind, ist er zwar primär selbst verantwortlich. Wenn ich aber davon weiß und trotzdem eine Bestimmung abgebe und mich da irren sollte, dann habe ich, davon gehe ich aus, dennoch grob fahrlässig gehandelt. Derjenige, der die Fotos eingestellt hat, vertraut ja dann trotzdem auf der Expertise. Und wenn ich "PSV" im Profil anklicke (wobei ich etwas schade finde, dass man als Nicht-DGfM-Pilzberater hier ja eher nichts markieren kann), dann gebe ich diese Expertise ja sogar direkt an. Das dient dann immer auch dazu, dass die Bestimmung ernster genommen wird. Und da ist mir persönlich trotz allem das Risiko zu hoch.
Ich finde es insgesamt wichtig, davor zu warnen, dass es Giftpilze gibt - auch jenseits der bekanntesten Knollis. Ich finde es auch wichtig, zu erklären, was Pilzbestimmung zu schwierig macht und dass es per Foto nur eingeschränkt geht. Die Sicherheit, mit der hier teils am Foto "bestimmt" wird, konterkariert das allerdings auch. Denn es wird suggeriert, dass man eben auch ohne Beschreibung und nur am Foto bestimmen kann. Man sieht da aber nicht, dass es vielleicht zwanzigmal gutgeht, dann aber auch mal schief läuft - zum Essen viel zu gefährlich.
Ich gönne jedem seine Pilzmahlzeit - ich esse ja selber gerne mal Pilze. Aber ich finde eben, dass man keine Pilze essen sollte, die man nicht selber zu 100% (auf Aggregatebene) kennt. Und dazu gehört auch heute noch Zeit, Mühe, Lernen und Erfahrung. Die Verfügbarkeit von Foren, Bildersammelseiten, Bestimmungsapps und diversen Büchern suggerieren, dass es auch so geht. Die Foren fördern dies m.M.n. teilweise. Daher wünsche ich mir persönlich, dass die Leitungsebenen von Pilzforen hier mit draufsehen - und ich wünsche mir, dass eben keine Politik des "naja, was soll schon passieren - und wenn, dann ist derjenige eben selber schuld... werden wir zu konkret, dann geht derjenige zufb und da ist es ja nochschlimmer" betrieben wird.
Für mich ist das ein gewises Manko, was ich hier an dem Forum sehe, da ich eben nicht glaube, dass ein Disclaimer alleine ausreicht. Und deshalb ziehe ich mich eben sofort zurück, wenn ich merke, dass es um's Essen und nicht um die Bestimmung an sich geht - bzw. warne dann davor, zu essen (Beispiel - der "Kräuterseitling", der keiner ist - allein die Idee, das zu essen, ohne genau zu wissen, was es ist, finde ich gruseilg). Da bleibe ich halt Spaßbremse - auch in Sachen Naturschutz. Ich kriege die Krise, wenn ich sehe, dass jemand von einem unbekannten Pilz ein Backblech voll präsentiert, am besten geputzt und ohne Stielbasis, und dann wissen will, was es ist. Dem Sammler wäre dann egal, ob es was häufiges oder extrem seltenes ist. Eventuell essbar heißt "alles abrupfen" - im Forum bekomme ich schon einen Namen für den Pilz. Und genau gegen diese Mentalität sollten sich m.M.n. auch und gerade Pilzberater einsetzen. Ich bin ja auch bei der Pilzberatung keine Sortierstation.
Unbekannte Pilze - o.k., dann nimmt man eine kleine(!) Kollektion mit, jung und alt, macht eine Beschreibung, macht gute Fotos, versucht auch mal selbst einen Bestimmungsversuch... Und auch bei einer Bestimmung, sollte man doch erst dann anfangen, diese Art zu kulinarischen Zwecken zu sammeln, wenn man sie mehrfach gesehen und sicher bestimmt hat, eben kennengelernt hat. Dem wirken Forn eben wohl leider durchaus entgegen (und fb sowieso).
Ich finde das schade. Andere finden es gut so. Jeder hat da seine eigene Sicht auf die Dinge. Vermutlich mag ich einfach Pilze als Organismengruppe zu sehr - ich finde es eben traurig, wenn wirklich alles gerupft wird. Und Kostversuche bei nicht sauber bestimmten Pilzen finde ich einfach nur sowas von unnötig und auch durchaus wahnsinnig - man kann Pilze in jedem Supermarkt kaufen. Warum muss es ein Risikospielchen sein? Jedenfalls stehe ich persönlich für solche Spielchen eben nicht zur Verfügung. Und ich äußere auch in Zukunft durchaus meine Meinung dazu. Was Naturschutz angeht, bin ich allerdings (leider) bereits abgestumpft worden. Ich schau mir manche dieser Postings nur noch an, schüttle den Kopf und denke mir meinen Teil. Da sind m.M.n. dann schon die Mods gefragt - wer ein Forum leitet ist auch für die Forenpolitik mit verantwortlich ;-).
Liebe Grüße,
Christoph