Hi Schupfi,
Gesetze spielen da mit rein, wo sie zu Tierversuchen verpflichten, EU-ChemikalienVO REACH oder bei der Zulassung von Medikamenten. Da darfst du nicht einfach den Tierversuch übergehen und statt dessen an einem anderen Modell forschen. Das braucht auch eine Zulassung.
Mittlerweile zugelassene Ersatzmethoden zu Tierversuchen in der Anwendung wären z.B. bebrütete Eier (damit werden in Jena Qanopartikel getestet), Draize-Test statt Kaninchenaugen um die Reizwirkung von Chemikalien zu testen, menschliche Haut (Pads aus Züchtungen von OP-Abfällen) statt Meerschweinchen und eben der "Human on the Chip". Ob der mittlerweile eine Zulassung hat, weiß ich gar nicht, aber er wird auf alle Fälle schon eingesetzt, um frühere Tierversuchstests zu validieren.
Eins der Probleme ist, dass Wissenschaftler, die ihr Leben lang mit und von Tierversuchen gelebt haben, sich schwer tun, etwas Anderes zu machen. Aber Biologen, Biochemiker etc. sind ja nicht auf den Kopf gefallen. Sie könnten sich umorientieren. Im Moment ist es für sie jedoch attraktiver das nicht zu tun. Auf vertrautem Terrain, hin und wieder eine Veröffentlichung in Nature oder Science und ein sicherer Job. Wenn das Geld für Tierversuche umgelenkt würde in andere Forschungssparten, wäre das ein guter Antrieb für alternative Forschungen.
Es gibt keine gesetzlichen Bevorzugungen klassischen Tierversuche. Sie bekommen einfach das größte Stück vom Kuchen, weil sie eine starke Lobby haben und sich gut verkaufen. Du kennst doch die Ankündigungen: Erfolgversprechendes Medikament zur Heilung von XY entdeckt. Wenn du im Folgejahr nachfragst, hat das dann doch nicht geklappt. Aber natürlich entstehen aus dieser Art Forschung im Einzelfall auch nützliche Erkenntnisgewinne. Nur sind sie eben verschwindend gering für die Geldströme die Jahr für Jahr in das System fließen.
Grundsätzlich ist jede Forschung frei. So steht es in der Verfassung. Natürlich auch die Grundlagenforschung. Sie kann natürlich durch andere Rechte eingeschränkt werden (Tierschutzgesetz, TierversuchsVO z.B.). Am Ende läuft es auf eine Abwägung der Rechtsgüter hinaus. Ersatzmethoden in der Grundlagenforschung gibt es nicht. Grundlagenforschung kann in allen Fachbereichen und überall betrieben werden, wo es darum geht, Erkenntnisse zu gewinnen, am Pilz, an der Kartoffel, an physikalischen oder mathematischen Aufgabenstellungen, empirischen Untersuchungen. Es geht ausschließlich um Erkenntnisgewinnung, wozu ist erst mal egal. Ich mach’s mal an einem Beispiel: Man kann einer Nachtigall Elektroden in den Kopf bohren, um daraus irgendwelche Erkenntnisgewinne zu erzielen oder die dreimillionste Maus im Jahr im Tierversuch mit einer nur um ein my abweichenden Fragestellung untersuchen, oder man kann tausende unerforschte Pilze auf den Kopf stellen mit ganz unterschiedlichen Fragestellungen: Können die Gifte (welche?) aus ihrer Umgebung einsetzen, Öl oder Plastik verstoffwechseln und so was. Ich würde mir eine ganze Menge mehr Nützliches für unsere Zukunft aus dieser Art Forschung versprechen. Aber die Forschung ist frei. Sie hat die Wahl.
Ja, die Forschungen am Pilz laufen auch, ich weiß. Aber von dem Geld was für aus meiner Sicht völlig unnötige Forschung verplempert wird, könnte hier viel mehr getan werden.
Der Forscher, den ich zitiert habe, kam aus der Grundlagenforschung an der Maus und arbeitet jetzt an Ersatzmethoden. Alles aufzuschreiben würde jetzt den Rahmen sprengen. Vielleicht können wir mal drüber plaudern.
Und du hast Recht Schupfi, nichts ist erfolgreicher als der Erfolg. Ich habe mal gerade in die Berliner Versuchstierstatistik geschaut. Da ist die Zahl der getöteten Versuchstiere auf 180.000 zurückgegangen. Vielleicht hat sich ja mittlerweile herumgesprochen, dass die validierten Ersatzmethoden sicherer sind. Und kostengünstiger.
Lieber Stefan, das ist schon klar. Aber die DFG entscheidet allein über 3,7 Mrd. Forschungsmittel pro Jahr. Bei diesem Geld redet der Staat nicht rein. Ein großer Anteil fließt von dort in die Tierversuchsforschung. Und hier wäre ein Ansatz umzusteuern.
Die Länder schaffen mal hier und da ein Graduiertenkolleg und eine Professur für Ersatzmethoden. Aber ansonsten mischen sie sich nicht in die Autonomie der Hochschulen ein und schon gar nicht und die der Forschungsgesellschaften wie z.B. das MDC bei der Helmholtz-Gesellschaft einer der zumindest von ein paar Jahren größten Tierversuchsanstalt.