Inocybe mixtilis s. str. – morphologisch auf Artebene bestimmbar?

Es gibt 9 Antworten in diesem Thema, welches 343 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag () ist von Karl W.

  • Hallo zusammen,


    bei der vorgestrigen Exkursion mit den Pilzfreunden Kreuztal habe ich meinen ersten Risspilz aus einem bodensauren Laubwald mit eingestreuten Fichten mitgenommen; der Fruchtkörper wuchs einzeln. Anhand der fehlenden Cortina, dem ganz bereiften Stiel und der ± gerandet-knolligen Stielbasis habe ich bereits im Feld Inocybe mixtilis s.l. vermutet. Hier ein paar Makrofotos:







    Spätestens bei den nodulosen Sporen war ich mir sicher, dass ich mich in der richtigen Artengruppe bewege:



    Gestolpert bin ich direkt über ihre auffällige Größe:


    Sporenmaße: 12,5 ± 0,6 µm × 9,5 ± 0,5 µm, Q̄ = 1,3 ± 0,1

    Reichweite: 11,2–13,3 µm × 8,5–10,7 µm, Q = 1,2–1,5

    n = 24


    Aus dem Hymenium ragen prominent Pleurozystiden heraus:



    Hier noch eine Kollektion:



    Die Cheilozystiden sehen ähnlich aus, haben einen zumindest etwas betonteren Hals:



    Im Hymenium stehen dicht gedrängt relativ dicke Basidien:



    Hier eine Kollektion aus einem Quetschpräparat (sowohl zwei- als auch viersporige Basidien vorhanden):


    Anhand dieser Daten habe ich mich bemüht, den Fund auf Artebene zu bestimmen und dabei dieses Paper zu Rate gezogen. Mit dem dortigen Schlüssel auf Seite 234 landet man mit einem Q-Wert von 1,3 sowie den auffällig erhabenen Höckern bei Punkt 4, womit nur noch Inocybe mixtilis s. str., I. ceskae und I. occulta übrigbleiben. Glaubt man dem Schlüssel, fallen aufgrund des zu niedrigen Q-Werts meines Funds auch direkt I. ceskae und I. occulta raus. Das ist auch mit Rücksicht auf andere Merkmale schlüssig, da die Zystiden fast alle deutlich größer als 50 µm sind, womit I. ceskae unplausibel wird, und die Hutoberseite nicht dunkel war, womit I. occulta aus dem Spiel ist.


    An sich bliebe damit nur noch Inocybe mixtilis s. str. – und viele Merkmale passen wunderbar: auf saurem Boden, Hut mit deutlichen Gelbtönen, leichter Violettstich in den Lamellen, volva-artiger Knollenrand, Q-Wert von 1,3 und deutlich nodulose Sporen. Das, was mich aber abschreckt, dem Kind einen Namen zu geben, sind zwei Dinge:


    1. die gesichert übermäßig langen und breiten Sporen, die den Rahmen für alle Arten dieser Gruppe sprengen (Ich habe noch einmal mit dem Objektmikrometer sichergestellt, dass ich mit dem richtigen Pixel/µm-Wert rechne und die Sporen ein zweites Mal mit fast identischem Ergebnis ausgemessen)
    2. der folgende Satz aus dem Paper (S. 234): "Thus, I. mixtilis, I. ceskae and I. occulta, distinct species according to our phylogenetic analyses (Fig. 1), cannot always be reliably identified through morphological species recognition and we consider them ‘semicryptic’ species."

    Da das der erste Risspilz ist, den ich unter dem scharfen Glas habe, möchte ich nicht der Illusion unterliegen, entscheiden zu können, ob bei meinem Fund eine zuverlässige morphologische Bestimmung möglich ist. Was denkt ihr dazu? Ditte Kannst du mir als Co-Autorin des Papers helfen?


    Ich freue mich auf eure Antworten!


    Herzliche Grüße,

    Vitus

  • Hi,


    Inocybe mixtilis s.st. würde ich hier nicht nur wegen der Sporengröße ausschließen. Die Art hat deutlich bauchige Zystiden, die ich auf den Bildern nicht sehe. Du solltest noch ein paar Zystiden zeigen. Hast du mal weiter geschlüsselt mit der FN oder dem neuen Schlüsselwerk der FoTE-Reihe?


    Es kann auch sein, dass du hier völlig auf dem Holzweg bist und eine verkappte Xanthomelas oder anderen Gelbhüter gefunden hast. Hast du in KOH mikroskopiert?


    l.g.

    Stefan

    Risspilz: hui; Rissklettern: bisher pfui; ab nun: na ja mal sehen...


    Derzeit so pilzgeschädigt, das geht auf keine Huthaut. :D


    Meine Antworten hier stellen nur Bestimmungsvorschläge dar. Verzehrsfreigaben gibts nur vom PSV vor Ort.

  • kurzer Nachtrag: I. mixtilis s.st. ist bei mir hier sehr häufig. Ein gutes Merkmal sind kurze, stark bauchige Zystiden (fast kreisrunder Bauch und darüber ein kurzer Hals, ähnlich wie die Bocksbeutel-Flaschen in der Draufsicht). Aus meiner Sicht hat das nur die Art in der Gruppe. Fehlen die, dann ist das für mich ein deutlicher Hinweis, dass ich eine andere Art aus der Gruppe gefunden habe. Wenn du in den verlinkten Artikel schaust, siehst du die Zystiden, die ich meine in den Mikroskizzen von der echten Mixtilis.


    l.g.

    Stefan

    Risspilz: hui; Rissklettern: bisher pfui; ab nun: na ja mal sehen...


    Derzeit so pilzgeschädigt, das geht auf keine Huthaut. :D


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  • Hallo Stefan,


    danke dir für deine Antwort! Meinst du mit "Du solltest noch ein paar Zystiden zeigen" spezifisch Pleurozystiden? Ich kann gerne noch eine Kollektion erstellen. Die Zystidenform, die du beschreibst, wird auch im Paper aufgegriffen und als "often ventricose and extending upwards into a defined neck" beschrieben (S. 219). Darüber war ich auch gestolpert, aber da ich keine Vergleichswerte habe und einige der gezeichneten Zystiden zu meinen passten, habe ich mir darüber keine großen Gedanken gemacht. Jetzt weiß ich aber, dass es wichtig ist, darauf zu achten!


    Den Schlüssel zu FoTE besitze ich leider nicht. Mit Funga Nordica komme ich zunächst wie folgt zur Sektion Marginatae:


    1. Pleurocystidia almost always present -> 3
    2. Sp ± nodulose to angular or spiny -> 4
    3. Cortina absent; stem pruinose all over or at least descending to the middle part, with or without a marginate bulb -> 5
    4. Sp angular-nodulose -> 6
    5. Stem with a bulb at the base, generally marginate -> sect. Marginatae

    Im darauf folgenden Schüssel zur Sektion bin ich wie folgt vorgegangen:

    1. Cap ± yellow or brown -> 5
    2. Not reddening -> 6
    3. Stem white, ochraceous or sometimes with a brown tinge -> 14
    4. Cap finely fibrillose-rimose, sometimes breaking up in large scales -> 15
    5. Sp on av > 10 μm long -> 16
    6. Sp distinctly and often very prominently nodulose -> 18
    7. Cap predominantly yellow to yellowish brown; sp with very distinct nodules -> 20
    8. Sp with prominent, subacute nodules -> 21

    Hier wird zwischen zwei Arten unterschieden, wobei I. salicis-herbaceae ausscheidet, da in der Nähe keine Weide und auch keine Silberwurz war. Mit dem Schlüssel von Funga Nordica würde man folglich bei Inocybe praetervisa landen. Mit Sporen von 9–12 × 7–10 µm kämen wir hier näher an meine Messung von 12,5 × 9,5 µm, lägen aber immer noch etwas zu hoch.


    Was mich an Inocybe praetervisa (sowie an Inocybe xanthomelas) zweifeln lässt, ist die Beschreibung "hymenial cystidia [...] yellowish in KOH". Denn ja, ich habe in KOH mikroskopiert, und die Zystiden haben sich eben nicht gelblich verfärbt.


    Herzliche Grüße,

    Vitus

  • Hi,


    am besten wäre es, wenn du noch ein paar Pleuros und Cheilos zeigst, um deren Variabilität besser darzustellen.


    Was natürlich immer sein kann, dass neue Arten beschrieben oder alte, synonynisierte Arten reaktiviert werden/wurden. Es kann sein, dass das hier auch so ein Fall ist. Ich hoffe, dass Ditte hier noch was schreibt. Ich bin hier leider raus an dieser Stelle.


    l.g.

    Stefan

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  • Hallo zusammen,


    ich bin jetzt dazu gekommen, noch einmal Kollektionen von Pleuro- und Cheilozystiden zu erstellen. Zunächst die Pleurozystiden:



    Nun die Cheilozystiden:



    Zu Protokoll möchte ich auch geben, dass drei der Cheilozystiden im Präparat braungelblich waren:



    Da es aber auf der einen Seite nur ein Bruchteil der untersuchten Zystiden ist und auf der anderen Seite die für den Schlüssel ausschlaggebenden Pleurozystiden alle unverfärbt waren, halte ich dieses Merkmal nicht für diagnostisch.


    Herzliche Grüße,

    Vitus

  • Hallo Vitus, hallo Stefan,


    Im darauf folgenden Schüssel zur Sektion bin ich wie folgt vorgegangen:

    1. Cap ± yellow or brown -> 5
    2. Not reddening -> 6
    3. Stem white, ochraceous or sometimes with a brown tinge -> 14
    4. Cap finely fibrillose-rimose, sometimes breaking up in large scales -> 15
    5. Sp on av > 10 μm long -> 16
    6. Sp distinctly and often very prominently nodulose -> 18
    7. Cap predominantly yellow to yellowish brown; sp with very distinct nodules -> 20
    8. Sp with prominent, subacute nodules -> 21

    eine Frage zu Punkt 6 im zweiten Schlüssel:


    Woran kann man unterscheiden, ob beim Stiel Antwort a ober b zutrifft:

    a) Stem with a pink or reddisch brown tinge, at least with age -> 7

    b) Stem white, ochraceous or sometimes with a brown tinge -> 14


    Ich halte beide Antworten für möglich.


    Verfolgt man den Verweis auf Ziffer 7,

    Cap without white veil floccules ->8

    so landet man bei

    I. asterospora


    Hut- und Stielfarbe können durchaus so hell ausfallen, wie auf Inocybe. org zu sehen ist. Auch im Pilzkompendium ist einer der Stiele so hell gefärbt.

    Sporenform und -größe sollten auch passen.


    Vielleicht führt ja diese Spur zu Lösung der Frage.


    Herzliche Grüße


    Harald

    p.s. die Fotos aus dem Mikroskop sind sehr gut.

  • Hi,


    I. asterospora schließe ich hier aus, weil der stark rimose Hut fehlt und auch sonst hatte ich I. asterospora nie mit so gelbem Hut.

    Imocybe.org ist eine valude Quelle, was ich leider vom Pilzkompendium nicht behaupten kann bezüglich Inocybe. Es ist nachgewiesenermaßen leider so, dass Erhard ein paar Details hinzugefügt hat, die in den Originalkollektionen so nicht vorhanden waren. Das ist bei Zeichnungen für Erstbeschreibungen Mist, weil man immer ausführen muss warum diese unbrauchbar sind.


    l.g.

    Stefan

    Risspilz: hui; Rissklettern: bisher pfui; ab nun: na ja mal sehen...


    Derzeit so pilzgeschädigt, das geht auf keine Huthaut. :D


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  • Hallo Stefan,


    Kurzbeschreibung laut Inocybe.org: Hutoberfläche anliegend feinfaserig; oft stark rimos;

    Vorschlag:

    Vitus kann den Fund ja sequenzieren lassen. Damit hat er dann entweder einen Beleg für eine neue Art oder für die Variationsbreite einer bekannten Art.

    Herzliche Grüße

    Harald

  • Hallo zusammen,

    Bezüglich der Form der Cheilo- und Pleurozystiden bin ich bei Stefan und schließe schon darüber I. mixtilis s. str. völlig aus. Hinzu kommt der relativ blasse Hut und die Sporengröße. Ebenso wie Stefan halte ich schon makroskopisch I. asterospora für absolut ausgeschlossen.

    Der Schlüssel in der Funga Nordica ist nicht mehr zu gebrauchen, da inzwischen zahlreiche Arten neu beschrieben wurden.

    Den Schlüssel in FoTE habe ich mir jetzt mal angesehen. Er enthält sehr viel mehr Arten ist aber gewöhnungsbedürftig.
    Schlüssel E enthält die Eckigsporer mit vollständig bereiftem Stiel
    Schließt man bei 1 die hellhütigen Arten aus gelangt man zu 5 und über nicht rötend weiter zu 6

    Bei 6 tritt das gleiche Problem mit der Stielfarbe auf, wie in der FN. Hat man nur einen Einzelfruchtkörper und keine jungen Exemplare mss man beide Wege gehen, wie es Harald ja schon in der FN probiert hat. Ob es überhaupt noch Sinn macht Einzelfruchtkörper zur Bestimmung mitzunehmen, muss jeder für sich entscheiden. (Im vorliegenden Fall sicher schon. Erster Risspilz und man lernt jede Menge übe die Gattung)

    6 a) Stem initially with rose, cinnamon-buff to reddich brown tings
    b) Stem initially white to yellowich, sometimes brownish, greyish to blackish discolouring at maturity or when grying geht zu 24

    ich folge mal Alternative b)

    24 With Alnus and Salix in dunes and bogs trifft wohl nicht zu weiter bei 33

    33 Sporen nodules up to 1mµ high wohl eher höher weiter bei 35

    Dann geht es munter weiter bis Schlüsselziffer 50. Leider fehlt mir momentan dazu die Zeit (Alme-Tagung).
    Wenn man bei Schlüsselmerkmalen unsicher ist oder aus mangelnder Erfahrung nicht weiß was gemeint ist macht es absolut Sinn mal mit Dittes Funden auf https://www.inocybe.org/genus-…ersporer-nodulose-spored/ zu vergleichen. Zusätzlich wird es notwendig sein, die Originalbeschreibungen einzusehen. Publikation ist aus indexfungorum zu entnehmen.

    LG Karl