Unbekannter weißer corticioider Pilz

Es gibt 11 Antworten in diesem Thema, welches 671 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag () ist von Maronisto.

  • Hallo zusammen,


    am 20.02.2026 haben meine Partnerin und ich einen weißen corticioiden Pilz gefunden, dem wir bisher keinen Namen entlocken konnten. Er wuchs rein resupinat auf einem toten, entrindeten, relativ dicken Ast, der noch mit dem stehenden Baum verbunden war:



    Um welchen Baum es sich handelt, konnten wir nicht sicher feststelllen; hier auch ein Bild mit Rinde:



    Wir haben versucht, einen Sporenabwurf zu machen, leider war dieser aber erfolglos. Der Pilz war ohnehin ziemlich jung, sodass wir nur wenige Sporen im Präparat gefunden haben:



    Sporenmaße: 8,5 ± 0,7 µm × 7,0 ± 0,5 µm, Q̄ = 1,2 ± 0,1

    Reichweite: 7,1–9,8 µm × 6,4–8,1 µm, Q = 1,1–1,3

    n = 12


    Überwiegend haben wir zweisporige, zylindrische bis clavate Basidien gefunden:



    Unglücklicherweise ist uns aber auch eine Basidie über den Weg gelaufen, die scheinbar drei Sterigmen besitzt:



    Zudem haben wir unzählige Strukturen gefunden, die wir für Basidiolen halten; sie besitzen keine Basalschnalle:



    Auffällige Zystiden konnten wir nicht erkennen, allerdings war ein Objekt dabei, das unserer Ansicht nach gleichermaßen Basidie oder Zystide werden könnte:



    Eine amyloide Reaktion konnten wir mikroskopisch nicht feststellen und makroskopisch aufgrund des fehlenden Abwurfs nicht testen. Mit den Schüsseln von Fungi Europaei 12 und The Corticiaceae of North Europe sind wir mit diesen Informationen nicht weitergekommen, deshalb wenden wir uns an euch. Habt ihr eine Idee, um welche Art es sich handeln könnte? Falls nicht, welche weiteren Informationen benötigt ihr?


    Herzliche Grüße,

    Vitus

  • Hallo Vitus,

    vergleiche mal mit

    Radulomyces confluens.

    Dann müsstes du aber auch Schnallen finden.

    Übrigens deine "scheinbar" 3sporige ist aber 4sporig.

    Gruß Armin

  • Moin Vitus,


    auf die Idee bin ich auch gekommen. Dein Fund sieht meinem schon recht ähnlich:


    Beste Grüße

    Harald

  • Hallo zusammen,


    Argross Danke dir für den Hinweis zu Radulomyces confluens! Tatsächlich haben die Hyphen Schnallen:



    Das würde also schon einmal wunderbar passen – genau so wie die fehlenden Zystiden, das monomitische Hyphensystem und der deutlich erkennbare Apiculus der Sporen. Was mich allerdings noch stutzig macht, sind diese Dinge:

    1. Schlüsselt man in Fungi Europaei rückwärts, erhält man „Basidia normally with 4 sterigmata“ (Koppel 169, S. 52). Auf meinen Bildern sieht man aber – bis auf die eine Ausnahme – zwei Sterigmen, selbst bei der Basidie mit Spore an einem Sterigma. Auch, wenn man die Tiefenschärfe verstellt, erkennt man nur zwei Sterigmen. Aber dann habe ich doch eine Basidie mit mehr als zwei Sterigmen gefunden. Im Übrigen, Armin, behauptest du, dass diese Basidie viersporig ist, weil du vier Sterigmen siehst, oder weil es keine dreisporigen Sterigmen gibt?
    2. Das Hymenium soll sich makroskopisch gelb verfärben, wenn man 3% KOH darauf gibt. Meine Verfärbung ist aber eher bräunlich als gelblich:

    1. In der Annahme, dass wir Punkte 1 und 2 lösen: Es gibt neben Radulomyces confluens noch Radulomyces rickii; siehe diese Studie. Diese Art soll globosere Sporen und ein glatteres Hymenium haben, was in unserem Fall besser passen würde. Hier der dazugehörige Forenpost. Die Studie erwähnt aber explizit, dass die „Basidia basally clamped“ sind, dabei sind die Basidiolen, die ich finde, ohne Schnallen:

    zuehli Danke dir für die Verlinkung zu deinem Post! Da verzweifeln wir wohl beide mit Rindenpilzen – aber geteiltes Leid ist schließlich halbes Leid. Wenn du Stereum rugosum ausschließen möchtest, lass mal Leitungswasser über ein Stückchen laufen und warte ein paar Minuten. Bei mir wurde auch ein sehr ausgetrocknetes Exemplar blutrot (siehe diesen Post).


    Tricholomopsis Du hast ja Radulomyces rickii damals mikroskopiert – was ist deine Einschätzung?


    Herzliche Grüße,

    Vitus

  • Servus Vitus,


    die Sporenmaße sprechen sehr für Radulomyces rickii. Hast du auch die eine oder andere scheinbar biapikulate Spore gesehen?


    Liebe Grüße,

    Christoph

  • Hallo Vitus,

    zu deiner Rückfrage "3-4sporig":

    Für mich interpretiere ich das Bild als viersporig (auf meinem Smartphone), aber da kann man auch anderer Meinung sein. Wenn du die Basidie als 3sporig durchfokusierst hast, wird es auch so sein.

    Gruß Armin

  • Hallo zusammen,


    nun bin ich endlich dazu gekommen, mich noch einmal intensiv mit der Thematik auseinanderzusetzen.

    1. Zwei- vs. viersporige Basidien

    Argross Danke dir für den Link mit den Bildern! Dort sieht man ja auch ausschließlich Basidien mit (höchstens) zwei Sterigmen. Ich habe noch ein paar weitere Präparate gemacht und weiterhin überwiegend zweisporige Basidien gesehen. Dennoch habe ich auch einige viersporige erkennen können. Interessanterweise konnte ich aber nie alle vier Sterigmen zusammen in den Fokus bekommen – nicht einmal ansatzweise. Hier ein Bild, das viersporige Basidien zeigt:



    Im Übrigen habe ich bei der Suche nach Basidien auch noch Hyphidien gefunden, die unauffällig und sehr rar waren:



    Ich deute die Tatsache, dass mein Fruchtkörper sowohl zwei- als auch viersporige Basidien besitzt, als Kuriosität, aber dadurch, dass viersporige Basidien vorhanden sind und eine andere zuverlässige Quelle einen Fund mit zweisporigen Basidien auch als Radulomyces rickii bestimmt hat, nicht als Ausschlusskriterium. Was denkt ihr?

    2. JKJ-Reaktion

    In der Literatur stand auch noch, dass das Hymenium mit einer Jod-Kaliumjodid-Lösung rötlich reagieren soll. Das habe ich mit Melzers getestet und kann es bestätigen:


    3. Sporen

    Ich habe noch einmal im Präparat gesucht und 20 weitere Sporen zusammengekratzt:



    Sporenmaße: 8,9 ± 0,7 µm × 7,2 ± 0,6 µm, Q̄ = 1,2 ± 0,1

    Reichweite: 7,9–10,2 µm × 5,5–8,3 µm, Q = 1,1–1,4

    n = 20


    Die Sporenmaße sind hiermit sehr nah an den 12 anderen Sporen, die ich oben vorgestellt habe. Hier ein direkter Vergleich mit den Maßen von Ghobad-Nejhad & Kotiranta, 2007, p. 102:


    Merkmal Literatur Fund
    Sporenlänge 7,3–9,5 8,9
    Sporenbreite 6,2–8,6 7,9
    Q-Wert 0,9–1,24 1,2


    Das würde also schon einmal passen. Vom Q-Wert könnte Radulomyces confluens zwar in Frage kommen (hier nach Literatur Q = 1,09–1,51), aber die Sporenbreite macht hier einen dicken Strich durch die Rechnung: Mit 7,9 µm liege ich deutlich außerhalb der Normalmaße (5,0–6,5 µm) und selbst der Ausreißer von 7 µm kommt an die Durchschnittsbreite nicht ran. Für mich spricht das eindeutig für Radulomyces rickii.


    Was die biapiculaten Sporen betrifft, habe ich viel gesucht und nur eine Spore gefunden, bei der das eventuell passen könnte:



    Unten rechts in meinem Bild ist eindeutig der Apiculus, aber ob das oben ein spitzer Keimporus ist, kann ich nicht sicher beurteilen; nicht wenige der Sporen waren auch schon – ähnlich wie die Basidien – kollabiert. Tricholomopsis Was denkst du? Vor dem Hintergrund, dass dieses Merkmal in einigen Kollektionen der Forschenden nicht vorhanden war, wäre es in jedem Fall kein Ausschlusskriterium, wenn meine Kollektion auch keine biapiculaten Sporen hätte.

    4. Basidien

    Von den Basidien her passt die Beschreibung an sich sehr gut – gerade, dass die Basidien gestielt und die Basidiolen wellig sind. Mit den obigen Merkmalen wäre die Bestimmung von Radulomyces rickii für mich nun eindeutig, wäre da nicht die Sache mit den Basalschnallen. Wie ich oben bereits gezeigt habe, sind die Basidien eindeutig schnallenlos. In Ghobad-Nejhad & Kotiranta, 2007 steht aber „Basidia basally clamped“ (S. 104) und auch in der Mikrozeichnung auf S. 106 werden die Basidien mit Schnallen gezeichnet:



    Eine gute Erklärung dafür habe ich nicht. Das Vorhandensein von Schnallen ist doch solch ein grundlegendes Merkmal, dass es nicht sein kann, dass der eine Fruchtkörper es besitzt, der andere aber nicht – oder irre ich mich da?


    An sich will ich dem Kind den Namen geben, nur die Basalschnallen lassen mich zweifen. Tricholomopsis Erinnerst du dich noch, ob dein Fund Basalschnallen hatte?


    Herzliche Grüße,

    Vitus



    Literatur:

    Ghobad-Nejhad, M., & Kotiranta, H. (2007). Re-evaluation of Radulomyces rickii and notes on Radulomyces and Phlebiella (Basidiomycota). Mycotaxon, 102, 101–111.

  • Hallo an alle,

    Von dem diskutierten Pilz habe ich keine Ahnung.


    Aber die Zweisporigkeit der Basidien und die fehlenden Schnallen sind keine zwei getrennten Merkmale, sondern beides Indizien dafür, dass in dem Mycel der eine der beiden Zellkerne abgestorben ist. Dann braucht der Pilz nach der Septenbildung keine Schnalle mehr, und bei der Meiose entstehen nicht vier, sondern nur zwei haploide Sporen. Dieser Genschaden passiert schon mal - bei allen möglichen Pilzen - und sorgt dann für Verwirrung bei der Artbestimmung mit klassischen Schlüsseln.


    Grüße,


    Wolfgang

  • Servus Vitus,


    mein Fund hatte Schnallen an den Basidienbasen. Wenn du wirklich gar keine Schnallen finden konntest und die Basidien zweisporig sind, dann sollten auch die Sporen im Schnitt das doppelte Volumenals die von viersporigen Basidien aufweisen. Wolfgang hat mit seiner Anmerkung natürlich recht, das Merkmal Schnallenlosigkeit und Zweisporigkeit sind gekoppelt. Ob es hier auch der Fall ist, dass es asexuelle, zweisporige Formen und sexuelle viersporige Formen gibt, müsste natürlich irgendwie geprüft werden. Möglich wäre es jedoch. Die Schnallen sind aber oft schwer zu finden, da sie klein sind und die Basidienbasen wegen des dünnen Stiels schwierig rauszupräparieren sind. Ich kann dir aber gerne anbieten, selber nachzumikroskopieren, wenn du mir etwas vom Material zuschickst.


    Liebe Grüße,

    Christoph