Hallo zusammen,
ich persönlich glaube nicht an die sogenannten "Morchel-Zeigerpflanzen". Nach 40jähriger Morchelsammelerfahrung habe ich Morcheln an so extrem unterschiedlichen Orten gefunden, die habitatmäßig kaum was miteinander zu tun hatten, dass ich mittlerweile glaube, dass die richtige Bodenbeschaffenheit viel wichtiger ist als "Zeigerpflanzen". Erstmal zur Frage, was denn unter einer Zeigerpflanze überhaupt zu verstehen sein soll, im Gegensatz zu einer bloßen Begleitpflanze. Eine Zeigerpflanze müsste das Vorhandensein von Morchelmyzel definitiv anzeigen, was dann der Fall wäre, wenn die Pflanze etwa auf dem Morchelmyzel parasitiert. Das kann ich mir biologisch beim besten Willen nicht vorstellen. Somit halte ich all das, was so landläufig als "Zeigerpflanze" der Morcheln verkauft wird, lediglich für Begleitpflanzen, die eventuell ähnliche/gleiche Standortansprüche haben wie die Morcheln. Bedeutet: wenn die Pflanzen alle da sind, heißt das noch lange nicht, dass da Morchelmyzel vorhanden ist. Allein schon, dass für Morcheln überhaupt Zeigerpflanzen existieren sollen, entspringt mMn wohl Wunschdenken.
Was definitiv nicht stimmt ist, dass Speisemorcheln Eschen brauchen. Ich habe sie in den 40 Jahren auch unter Haselnuss, Eichen, Hartriegel, Pappeln, Apfelbäumen, Birnbäumen und sogar Kiefern gefunden (wahrscheinlich noch unter anderen Gehölzen, bzw. auch ganz ohne jegliche Gehölze in der Nähe). Anderswo war zu lesen, dass Speisemorcheln da vorkämen, wo Bärlauch wachse. Nun, Morcheln wachsen auch da, wo Scharbockskraut, Giersch, Anemonen, Brennnesseln, Taubnesseln und einfach Gräser wachsen. Also überall da, wo die Bodenverhältnisse passen. Der Boden sollte locker und einigermaßen sandig sein, er sollte mineralisch sein, Kalk ist meiner Erfahrung nach nicht unbedingt nötig, schadet aber nicht. Oft liest man auch, dass Morcheln Stickstoffflieher sind. Auch das habe ich nie bestätigt gesehen. Im Gegenteil, Morcheln wachsen auch an ausgesprochen nitrophilen Stellen, also z. B. unter Brennnesseln oder auch mal frech am Wegesrand mitten im Ort, da wo die Hunde hinmachen.
Fazit: zu viel Theoretisieren bringt für das Morchelnsuchen möglicherweise schon was, aber für das Morchelnfinden nichts. Man kann sich drei Stunden lang die Hacken nach den von den geeignetsten "Zeigerpflanzen" bestandenen Morchelstellen wundlaufen, und direkt am Autobahnparkplatz stehen sie einfach so rum, alles erlebt. In diesem Sinne wünsche ich allen Morchelsuchern viel Glück - denn Morcheln finden hat viel mit Glück zu tun (deswegen ist die Morchelsuche ja auch so witzig!). Edit: Man fährt an eine Bach- oder Flussaue, steigt aus dem Auto, läuft nach hier und da und wartet ab, was passiert. Man scannt mit seinen Augen den Boden quadratmeterweise und zeitintensiv, genau so wie auf den hier geposteten Morchelsuchbildern. Man fällt auch nach einer langen Stunde Scannen nicht vom Glauben ab, sondern macht weiter. Und irgendwann hat man dann eine, und dann stehen noch welche drumherum.
FG
Oehrling