Beiträge von ogni volta

    Servus zusammen,


    an Ostern war ich auf einem Familientreffen auf der (schwäbischen) Alb bei Wittstaig. Zumindest an einem Tag war das Wetter für einen Spaziergang gut genug, sodass wir uns aufmachten eine der vielen Burgen zu erklimmen. Natürlich hielt ich auf dem Weg auch die Augen offen, ich finde es immer spannend andere Habitate zu entdecken. In diesem Fall ein submontaner Wald auf Kalk (Weißjura) mit westseitig Buchen und ostseitig hauptsächlich Fichten und Tannen. Offenbar war das Wetter die Wochen zuvor günstig, denn wir konnten einige schöne Funde machen.


    Ich fange gleich mit unserem Ziel an, damit ihr eine Ahnung bekommt wie es dort aussah:

    Blick von der Burg Hohengundelfingen auf Wittstaig, einem Dorf welches im Wesentlichen aus dem Gasthaus und fünf weiteren Häusern besteht.


    Aber zurück ins Tal: trotz der Höhe von ca 700 müNHN war die Botanik dort oft schon in voller Blüte:

    So die schönen Pestwurzen und im angeschwemmten Kalksinter zwischen Wasserminze zwei Spitzmorcheln (Morchella elata agg.) Dort hätte ich nicht damit gerechnet, aber was verstehe ich schon von Morcheln.


    zwei Erdkröten auf Honeymoon


    Gyromitra ancilis auf Fichtenstümpfen fanden wir mehrfach am Wegrand



    Diesen schönen Bechern im Sauerklee konnte ich zunächst keinen Namen geben, da die typsichen Wirte auf den ersten Blick nicht vorhanden waren.

    Zu Hause konnte ich sie als aufgrund der überwiegend vier Kerne als Anemonenbecherlinge (Dumontinia tuberosa) bestimmen.

    Jetzt beim Einfügen der Fotos habe ich sie auf dem ersten Bild mittig entdeckt.. ^^ (leider mit quengelndem Kind im Nacken nicht allzu scharf geworden)


    Dann folgte für mich das Osterei schlechthin, ein lange ersehnter Erstfund: leuchtende Prachtbecher (Caloscypha fulgens). Mehrmals habe ich sie bei mir zu Hause schon versucht gezielt zu finden, immer erfolglos. Im Grünstreifen neben dem Weg, wo kurz vorher der Balkenmäher gestutzt hatte entdeckte ich sie dann. Hätte der Mäher ihre leuchtenden Bruchstücke nicht überall verteilt hätte ich sie womöglich übersehen.. aber zum Glück waren es so viele, dass ich genügend intakte für eine Fotosession fand.


    Dafür habe ich dann sogar mein Stativ aufgebaut und den Rest der Gruppe voranziehen lassen, zum Glück hatten sie so viel Verständnis für den verrückten Pilzler, der irgendwas von 'den findet man nur einmal im Leben' faselte. Jaja...




    Das Exzipulum verfärbt bei Verletzung blau. Das lässt sich auch unter dem Mikoskop beobachten.


    Von diesem schönen Fund noch völlig high, ich meine erleuchtet, folgte auf einem Fichtenstumpf gleich der nächste Kracher:




    Diese Lorchel hätte ich makroskopisch als Gyromitra gigas angesprochen. Das große Exemplar habe ich mitgenommen, wie befürchtet ist es jedoch noch zu jung. Na mal schaun ob es noch nachreift. Solange bleibt das natürlich Spekulation. Das wäre für mich auch ein Erstfund, Jörg Hannes2 , Du findest die Teile doch regelmäßig- könnte das hinkommen?


    Auf dem Abstieg gabs noch ein paar Flechten:


    Wenn ich nachdenke wie lange ich Graphis scripta agg. zu Hause gesucht habe, bis ich sie endlich einmal fand.. und hier waren gesamte Buchenstämme voll davon, toll!


    Sowie an einer ausgewaschenen Felsgrotte diese adretten Knöpfle (man verzeihe mir den stümperhaften Versuch den Lokalkolorit wiederzugeben)



    links nativ, rechts Lugol

    Sporen 16.6 - 23.8 (24) × 7.9 - 9 (10.2) µm Q = (1.6) 1.8 - 3 (3.1) ; N = 9

    Auch wenn sie im Schwäbischen gefunden wurden hören sie wohl auf den Namen "Jenaer Grubenflechte" (Gyalecta jenensis) und sind nicht selten an feuchten Karbonatgesteinen.

    Bestimmt habe ich mit Wirth/ Flechten BW. Die Beschreibung passt gut, es gäbe wohl noch einige Verwechslungspartner, die aber im Vergleich viel seltener wären.


    An dieser Stelle muss ich mich bei Martin KaMaMa entschuldigen, dass ich einfach so in seiner Nachbarschaft wildern war ohne Bescheid zu geben- aber ein Treffen war leider wegen Krankheit, Autopanne und Familienchaos nicht im Bereich des Realistischen.. mir hat es dort aber sehr gut gefallen, vor allem die vielen Kalkmagerrasen haben mich angelacht und irgenwann möchte ich dort nochmal im Herbst hin! Vielleicht geht dann mal was zusammen?


    Zum Abschluss noch ein paar Farbtupfer: Kü(h)chenschellen (Pulsatilla spec.)


    Danke fürs Mitkommen, Korrekturen und Kommentare wie immer willkommen!

    Ingo

    Hallo Peter, vielen Dank für Deine ausführliche Antwort! Genau das wollte ich wissen :thumbup:


    PS: Das "schicke" Mikrotom ist deutlich über 100 Jahre alt.

    Das sind ja auch manche schicke Mikroskope :)


    Edit: Moment- das bedeutet ja vermutlich aus der Robert Koch Zeit, das hätte ich dem Gerät nicht angesehen!

    Naja vielleicht findet mich ja auch mal eins..

    Viele Grüße Ingo

    Hallo Peter, das ist natürlich sehr schick dein Mikrotom und wenn das dann auch noch so läuft wie am Schnürchen.. :)

    Ich muss nochmal nachhaken- du gibst also einen Tropfen Glycerin auf einen Block (3-5g?) flüssiges PEG 4000 und verrührst das dann? oder tropfst du das Glycerin auf den festen Block vor dem Schneiden sozusagen als "Rasiergel"?

    LG Ingo

    Hallo Peters, danke für die Anregung, an Ostern habe ich eine Flechte gefunden an der ich das gerne mal probieren möchte. Ich habe herausgefunden, dass ein gebräuchliches Abführmittel, das unter dem pharmazeutischen Namen „Makrogol“ vertrieben wird aus PEG 3350 besteht. Man bekommt es für 7-10 Euro rezeptfrei in der Apotheke.


    und setze einen Tropfen Glycerin zu

    wann machst du das? Ich hatte geplant das Pulver über einer Flamme zu schmelzen und dann ein Tröpfchen Glycerin zuzugeben? Oder löst du PEG in Wasser, setzt dann Glycerin zu und lässt das dann wieder eintrocknen? Ich möchte keinen Block gießen, nur ein Thallusstück am OT befestigen, damit es beim Schneiden nicht wegrutscht.

    Das hatte ich bereits mit Parafin (Teelicht) versucht. Der Schnitt ist damals gut gelungen, leider hat man die Paraffin Bläschen im Präparat, wenn man nicht mit zB Xylol wäscht (war mir wegen Toxizität zu aufwändig, hab nur eine Küche, kein Labor)

    Hier erhoffe ich mir einen Vorteil durch PEG was ja mit Wasser auswaschbar sein sollte.

    Ich werde gerne berichten, auch wenn der Versuch scheitert.

    Viele Grüße Ingo

    Ein Mitbringsel aus dem Kindergarten. Unter dem Mikroskop erkennt man die hohe evolutionäre Anpassung auf das Leben im Menschenhaar. Alle Beinchen tragen quasi Karabiner zum Einhaken. Am Kopf erkennt man Tastorgane für das Finden einer geeignete Stelle zur Nahrungsaufnahme. Die Mahlzeit findet sich im Abdomen (Nativpräparat, keine nachträgliche Färbung, 100x, Stack aus 16 Einzelbildern, ansonsten unbearbeitet)



    Der Forensiker erkennt feine Bläschen im Verdauungstrakt und im Tracheensystem- es ist Silikonöl und hat zum Tod dieser Nymphe von "Pediculus humanus capitits" geführt.


    Ich finde das Bild würde durchaus als Aufdruck für ein Metal Band T-Shirt taugen...

    Grüße Ingo

    Was für eine traurige Nachricht musste ich heute morgen lesen.

    Vor gut zwei Wochen hatte Nobi noch eine Band im Musikthread vorgestellt. Die war genau mein Ding. Ich musste mir gleich die aktuelle Scheibe im Plattenladen holen und habe dabei erfahren, dass diese britische Band, The Bevis Frond, Ende April zufällig ein Konzert quasi vor meiner Haustür gibt. Ich dachte mir, das ist doch mal DIE Gelegenheit Nobi endlich persönlich kennen zu lernen und lud ihn zu uns ein. Ich habe lange keinen Menschen getroffen dessen Musikgeschmack ich fast ausnahmslos teile (GBV!) und das obwohl uns altersmäßig mehrere Jahrzehnte trennen. Wir hatten uns in den vergangenen Jahren einige Nächte lang darüber ausgetauscht, das war großartig. Musik verbindet doch auf eine besondere Art.

    Was die Kleinpilze betrifft und insbesondere die Kackepilze war Nobi eine Koryphäe, das ist hinlänglich bekannt- was ihn überdas besonders machte war seine unermüdliche Motivation sein Wissen auch an Neulinge weiterzugeben. Hatte jemand einen coprophilen Pilz hier eingestellt dauerte es meist keinen Tag, ja oft keine Stunde und ein Kommentar von Nobi, nicht selten mit eigenen Dokumentationen und mit Angaben zu aktueller Literatur oft gleich als pdf angefügt erschien. Seine Begeisterung hat denke ich einige hier im Forum, wie auch mich, angesteckt. Er war der Grund für ein Olivenschälchen voller Kaninchenköttel auf unserem Kühlschrank. Ohne ihn hätte ich mich niemals an eine Bestimmung getraut, aber mit dem Wissen, es gibt jemand mit dem ich den Bestimmungsversuch diskutieren kann und der mir hilft auf den richtigen Pfad zu kommen habe ich nicht lange darüber nachgedacht.

    Nobi Du wirst uns fehlen! ich nehme Dich im Kopf mit auf das Konzert und werd an Dich denken während ich meine Haare schüttel. Rock & Roll Nobi, machs gut!

    Ingo

    So und weil ich grad dabei bin muss ich mal einhaken weiter oben bei Matthias und Frank- mein absolutes Lieblingsalbum von Herrn Jung ist ein eher unbekanntes namens Mirror Ball- na klar aus den 90ern. Entstanden aus einer Zusammenarbeit mit Eddie Vedders Band Pearl Jam, die Gesangsparts werden aber fast ausschliesslich von Young übernommen.


    Truth Be Known
    Provided to YouTube by RepriseTruth Be Known · Neil YoungMirror Ball℗ 1995 Reprise RecordsUnknown: Brendan O'BrienElectric Guitar: Brendan O'BrienPiano: Bre...
    www.youtube.com


    und für mich eine Road Trip Hymne: Auf dem Bock Richtung Norden. Endlose Wälder bis zum Horizont. Pilze muss man nicht suchen, man erntet sie dort wo man sein Nachtlager aufstellt, während der Kocher das Wasser aufwärmt. Hachja schön wars.


    I'm the Ocean
    Provided to YouTube by RepriseI'm the Ocean · Neil YoungMirror Ball℗ 1995 Reprise RecordsUnknown: Brendan O'BrienElectric Guitar: Brendan O'BrienPiano: Bren...
    www.youtube.com


    Viele Grüße Ingo

    Servus zusammen,

    ich finde diesen Thread ja eine tolle Sache und wollte mich schon lange mal daran beteiligen. Irgendwie kam dann doch immer was dazwischen. Nachdem mich aber weiter oben Nobi auf Bevis Frond gebracht hat, die absolut meinen Nerv getroffen haben, hab ich beschlossen es jetzt endlich mal zu tun.

    Zu hören gibts von mir heute eine Band namens "Locust Fudge", eine Kombo um Mastermind Christopher Uhe aus dem schönen Ostwestfalen, die Ende der 90er aktiv war. Deren zweites Album "Royal Flush" kann ich Fans von Lofi Rock nur wärmstens empfehlen. Auch wenn auf englisch gesungen wird und zwar fast akzentfrei(?!) ist die krautige Herkunft nach ein paar Takten nicht zu überhören. Die Weilheimer Szene um "The Notwist" war mir zwar geographisch näher, dennoch habe ich Locust Fudge sehr gemocht. Die übrigen zahllosen Projekte von Uhe kann ich übrigens auch vorbehaltslos empfehlen. Genug geschwafelt locust gehts. Hinweis: eure Speaker sind nicht kaputt, das ist Absicht.


    Racing Horse
    Provided to YouTube by Morr MusicRacing Horse · Locust FudgeRoyal Flush℗ MirrorWorldMusicReleased on: 1995-01-01Producer: Dirk DresselhausProducer: Christoph...
    www.youtube.com


    Kill A Friend Today
    Provided to YouTube by Morr MusicKill A Friend Today · Locust FudgeRoyal Flush℗ MirrorWorldMusicReleased on: 1995-01-01Producer: Dirk DresselhausProducer: Ch...
    www.youtube.com

    Und etwas krachiger:


    Fake
    Provided to YouTube by Morr MusicFake · Locust FudgeRoyal Flush℗ MirrorWorldMusicReleased on: 1995-01-01Producer: Dirk DresselhausArranger, Composer, Lyricis...
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    hoffentlich hat die Einbindung der Links geklappt?

    Liebe Grüße Ingo

    Ich halte mein Billighandy mit der Linse einfach direkt aufs Okular

    Servus, dafür gibt es günstige Plastikadapter, die man auf das Okular klemmt und dann das Handy mit Schmappverschluss einspannt ähnlich einem Handyhalter fürs Auto. Einmal korrekt eingespannt muss man nicht immer den richtigen Abstand und den Strahlengang suchen. Einfach mal eine Suchmaschine deiner Wahl bemühen.

    Gruß Ingo

    Hallo Peter!

    Wenn es interessant ist und hier ins Forum passt erweitere ich gerne den Thread mit dem was ich so auf dem Weg lerne

    Das fände ich toll. Evtl kannst du ja zum Thema nochmal einen neuen Thread erstellen, dann findet man das besser.


    VG Ingo

    Hallo Peter, ich kann dir zwar in der konkreten Fragestellung nicht weiterhelfen, finde es aber Klasse, dass du PEG probierst. Das wollte ich auch schon lange habe es aber bisher nicht versucht, da ich vermutete, dass das nur in Kombination mit einem Mikrotom richtig gut wird. Deine Schnitte finde ich aber für einen ersten Versuch wirklich stark. Bisher habe ich es mal mit Parrafin versucht, um einen „Griff“ für sehr kleine Objekte zu haben. Das ging einigermaßen war mir aber bei Raumtemperatur zu weich.

    Danke dass du deine Erfahrungen mit uns teilst!

    VG Ingo


    PS: ein heisses Glas hast du da am Start..

    Hallo Schrum, mit den gegebenen Informationen ist das mE. die wahrscheinlichste Art. Mikroskopisch vermeintlich leicht zu klären scheitert das oft an mangelnder Sporenreife- sie tritt erst während des Zerfalls auf. Das Habitat würde ich übrigens trotz des kalkhaltigen Untergrunds für „oberflächen sauer“ halten.

    VG Ingo

    Servus Peter,

    womit steigt man denn da so ein?

    ich würde sagen mit dem was Dich interessiert!

    Beim Bestimmungsversuch merkst du schnell welche Gattungen schwierig und welche dankbarer sind. Vielleicht versuch ichs mal ex negativo: kleine braune oder weiße Lamellenpilze sind für den Anfang möglicherweise eher frustran. Dankbarer sind Substrat- oder Pflanzengebundene (zB Mykorrhiza) Pilze. Hilfreich ist da sich genau die umliegende Flora anzuschauen und zu notieren, mit etwas Glück lässt sich dann oft in Kombination schon makroskopisch eine Zuordnung treffen.

    LG Ingo

    Hallo Peter, willkommen hier im Forum und schön dass wir mit Dir einen Flechtenbegeisterten mehr haben! Die aktive Flechtengruppe ist mit vielleicht einer handvoll? Mitglieder, die regelmäßig posten, leider relativ klein- ich fänd es toll wenn sich das änderte! Ich finde Flechten sehr faszinierend, hatte bisher aber nicht die Möglichkeit und Muße mich tiefer einzuarbeiten. Solange nehm mir hin und wieder dies und das mit, was mich gerade anlacht und wo ich eine Bestimmungschance sehe. Ich bin vermutlich in einer ähnlichen familiären Situation- wenn ich mal dazu komme ist es meist auch schon spät und oft bin ich leider viel zu müde. Zeit für reine Pilzexkursionen hab ich fast nie, aber zum Glück kann man fast überall spannendes Pilzliches/ Flechtliches entdecken, so stammen viele meiner Funde der letzten Jahre von Spielplätzen. Und für mich ist es ein toller Ausgleich. Den wünsche ich Dir auch, man liest sich,

    Ingo

    Na das ist ja eine schöne Sammlung geworden! Vielen Dank Nobi und Matthias, da haben wir ja mittlerweile eine tolle Artenliste zusammengetragen.


    Dein Schnittbild Nobi, illustriert sehr schön die mögliche Lage der Perithecien der Letosphareia acuta. Wenn sie unter der äußersten Rinde liegen und nur die Ostiolen herausschauen, denkt man erstmal gar nicht daran.

    Danke auch für die Auflistung der PFNO Bände mit Pilzflora nach speziellen Subtstraten -sehr spannend! Sind die Bände denn evtl irgendwo digitalisiert worden/zugänglich gemacht worden? Ansonsten frag ich mal bei der NHG nach, die könnten sie evtl noch im Archiv haben.


    Ja Matthias, nach den wunderbaren Trichopezizen wollte ich eigentlich Ausschau halten, zumindest T. sulphurea und mollissima gelten ja als häufig. Die waren meine Motivation mich überhaupt in die Nesseln zu setzen. Nun ja, die Motivation besteht fort;)


    Viele Grüße

    Ingo

    Danke für eure lieben Kommentare und Reaktionen- es freut mich mit dem Beitrag offenbar etwas Interesse geweckt zu haben.

    C. neglecta (lat."die übersehene, vernachlässigte, nicht beachtete") sollte ihren Namen nicht verdient haben. Brennnesselbestände zu finden ist nicht schwer, da sollte jeder vor der Haustür fündig werden, sogar oder insbesondere in der Großstadt. Es wär doch toll wenn wir diesen Thread noch erweitern könnten mit weiteren Arten?


    Bzgl des Anpinnens bin ich etwas zwiegespalten Irmtraud, denn ich finde die Menge an angepinnten Beiträgen über den eigentlichen Diskussionsthreads mitterweile eigentlich zu lang, da muss jeder immer erstmal runterscrollen, das nervt (zumindest mich). Vielleicht könnte man sie hinter einem Reiter "Sammlung angepinnter Beiträge" oä. verstecken? Aber das müsste vielleicht mal in einem allgemeinen Thread zum Forum mit den Mods diskutiert werden.

    Ansonsten habe ich versucht den Titel so zu gestalten, dass ihn jeder, der nach Urtica in der Historie sucht auch finden sollte und ich denke die Masse der User interessiert das Thema eher nicht, so sehr mich dein Vorschlag ehrt;)

    Aber das mit den Notizen klingt auch gut Hilmi- das wusste ich noch gar nicht- werde ich in Zukunft sicher nutzen.


    gebe ich dem Ganzen eine allerletzte Chance

    Na also, ab ins Gemüse! Ich bin absolut überzeugt dass du nicht leer ausgehen wirst, Hilmi!

    Allerdings solltest du dich sputen, denn die neue Generation treibt schon aus.. ==19


    Sieht grossartig aus -> Endophragmia atra.

    Ja Andy, ich war auch gleich verliebt- auf den ersten Blick durchs Okular! Sie sind allerdings sehr fragil, man muss ausgesprochen zart mit ihnen umgehen.


    Viele Grüße Ingo

    Servus zusammen,


    nach längerer unfreiwilliger Pilz-Pause habe ich mir letzte Woche ein paar alte Brennnesselstängel näher angeschaut. Zwar habe ich keine der beiden erhofften Trichopeziza-Arten finden können, aber davon abgesehen an nur einer Hand voll Stängel eine doch recht vielfältige Pilzgemeinschaft. Viele dieser Arten sind ausgesprochen häufig, werden aber anscheinend eher selten beachtet. Dazu möchte ich hier mal einen Anstoß geben.


    I) Beginnen möchte ich mit einem der häufigsten Pilze an Urtica namens Calloria neglecta bzw. seiner Anamorphe Cylindrocolla urticae. Man kann sie oft schon aus der Ferne identifizieren da sie gerne an noch stehenden Stängeln in luftiger Höhe die Stielrinde rasig überziehen und damit einen orangenen Farbeindruck hervorrufen. Die Teleomorphe ist dabei etwas dunkler orange gefärbt, während die Anamorphe hell leuchtend orange imponiert; die Größe der Fruchtkörper ist dabei ähnlich.


    Calloria neglecta



    Asci u. Sporen (11) 11.8 - 14.2 (14.4) × (3.3) 3.4 - 4.1 (4.3) µm Q = (3.2) 3.23 - 3.87 (3.9) ; N = 12


    Exc.


    Para.



    Cylindrocolla urticae



    Konidiophoren mit abschnürenden Sporen



    II) Vermutlich etwa ebenso häufig ist Leptosphaeria acuta, ein aufgrund seiner charakteristischen Form* ebenfalls bereits im Feld anzusprechender Pilz.

    Zwar gibt es noch weiter(e) Leptosphaeria Arten an Urtica, diese besitzen aber nicht die typische Spitze (acuta). Hier ist zu beachten, dass sie sowohl auf, als auch unter der äußersten Stielrinde vorkommen können und dann nur die Spitze hervorschaut.


    *die Form erinnert mich an „Granatsplitter“- ein Gebäck, das es in einer Bäckerei nahe meiner Schule für wenige Pfennig gab, aber mit Glück unter der Kuvertüre eine Kirschtorte versteckte- es wurde nämlich aus den in der Konditorei anfallenden Kuchen oder Tortenresten angefertigt und mit Schokolade übergossen. Meist gab es daher immer nur 1-2 Granatsplitter und natürlich nur nach Tagen an denen Torten gebacken wurden. Entsprechend musste man schon Glück haben einen zu erstehen. Bei Erfolg war eine weitere Nahrungsaufnahme an diesem Tag dann aber nicht mehr nötig.






    III) Ein Hingucker ist Acrospermum compressum. Diese kleinen Flachkeulchen sind überraschend stabil, ja fast gummiartig und stehen wieder auf wenn man sie umstreicht. Die fadenförmigen Sporen sind mit um 400µm extrem lang.








    IV) Torula herbarum fällt durch seine pulverigen schwarzbraunen Beläge auf verrottenden Pflanzenstängeln auf. Die massive Konidiosporenproduktion hinterlässt auf den Fingern im Nu einen rußigen Abdruck. Die Sporen erinnern mich an die Newton-Kugel-Pendel die man in den 90ern gerne auf Schreibtischen nicht nur von Behördenmitarbeitern fand.



    (11.6) 16 - 21.9 (22) × (4.4) 4.7 - 5.9 (6.4) µm Q = (2.1) 2.8 - 4.1 (4.6) ; N = 16



    V) Einen glatten tiefschwarzen Belag verursacht Apomelasmia urticae an Brennnesselstängeln. Ob die von mir in einem Kratzpräparat gefundenen Asci (?) zur Teleomorphe gehören oder zu einem ganz anderen Pilz konnte ich nicht herausfinden. Diese Art muss ich mir nochmal genauer anschauen um das zu klären.



    (17.7) 18 - 20.1 (20.8) × (3.6) 3.7 - 4.2 (4.3) µm Q = (4.2) 4.4 - 5.2 (5.8) ; N = 15





    VI) Mykosphaerella superflua erscheint als kleine schwarze Perithecien in der Stielrinde vorjähriger Brennnesseln.

    Möglicherweise handelt es sich um die Teleomorphe eines Phytoparasiten namens Ramularia urtica, der im Sommer Brennnesselblätter befällt.

    Die einfach Septierten Sporen maß ich kleiner als in der Literatur angegeben, ich denke jedoch dass das an der Unreife des untersuchten FK liegen könnte.




    (11.7) 12.3 - 13.9 (14.1) × 3.1 - 4 (4.3) µm Q = (3.1) 3.3 - 4 (4.2) ; N = 14




    VII) Pyrenochaeta fallax ist dagegen eine Anamorphe, die als behaarte Pyknidien erscheint. Andere Vertreter der Gattung (insbesondere P. terrestris) sind bedeutende Pflanzenschädlinge im Ackerbau.



    (3.8) 4.2 - 5.7 (5.9) × (1.4) 1.5 - 1.9 (2.1) µm Q = (2.4) 2.5 - 3.6 (3.7) ; N = 12




    VIII) Die folgenden haarlosen, relativ großen Pyknidien waren auf vielen Stängeln zu finden, ich konnte sie jedoch nicht bestimmen.




    (3.7) 3.8 - 4.5 (5) × (1.4) 1.5 - 1.9 (2) µm Q = (2) 2.2 - 2.6 (2.9) ; N = 26




    IX) Der einzige „echte“ Becher, den ich fand war Cyathicula cyathoidea. Er ist recht häufig, nicht nur an Urtica. Allerdings muss man schon genau hinschauen, denn die Fruchtkörper sind zwar ein klein wenig größer als die erstgenannten Arten, aber sie bilden keinen so deutlichen Kontrast zum Hintergrund. Das Foto fertigte ich daher vor meinem schwarzen Laptop als Hintergrund an.





    (8.9) 9 - 10.6 (11.1) × (1.5) 1.6 - 2.1 (2.3) µm Q = (4.1) 4.6 - 6.2 (6.5) ; N = 17




    Die folgenden zwei haben mein Herz als Fan von „Köpfchenpilzen“ höher schlagen lassen:

    X) Dendryphion comosum: ohne Hilfsmittel erkennt man nur einen filzigen olivbraunen Belag. Unter der Lupe lassen sich aber Kolonien von winzigen „Bäumchen“ aka Konidiophore erkennen, an deren Spitze die mehrzelligen blasigen Konidien sitzen. Ihr Vorkommen ist nicht auf Urtica beschränkt.






    XI) Endophragmia atra sieht unter der Lupe zunächst ähnlich aus, allerdings sind die großen Phragmosporen an den Synnemta bereits hier zu erkennen. Im Quetschpräparat ergeben sich manchmal hübsch symmetrische Bäumchen. Meist an Urtica aber auch auf anderen Substraten (u.a. Clematis) zu finden.





    XII) Diese gelblichen, aus den Spalten im Stängel hervorbrechenden Gebilde (ca 1-2mm) hielt ich draußen zunächst für Becherlinge. Sie stellten sich allerdings als steinhart heraus. Nachdem sie mit Wasserkontakt blasig aufquollen vermutete ich Gallertpilze. Sie blieben aber auch gequollen so extrem hart, dass mir leider kein mikroskopisches Präparat gelang. Ich habe mal bei Björn angefragt, der sich ja zuletzt häufiger mit dem Geglibber beschäftigte. Er schloss Gallertpilze aus und vermutete es könnten Sklerotien sein. Ich werde den Stängel mal in den Garten verfrachten und beobachten ob irgendwann noch was draus wächst.



    So das war‘s vorerst, ich hoffe ich konnte das Image der Brennnesseln etwas aufbessern. Natürlich sind sie Stickstoffzeiger und treten gerne in dominanten Monokulturen auf. Aber dafür können sie ja nichts. Den Boden überdüngt haben andere.



    Kommentare, Korrekturen oder Kamellen jederzeit willkommen.

    Viele Grüße Ingo