Servus Pablo,
das Sequenzieren geht halt relativ einfach und schnell. Natürlich gibt es auch da Vieles zu beachten und um saubere Stammbäume zu berechnen, braucht man ein großes KnowHow - allein das Alignment hat oft der Teufel gesehen. Dennoch ist es mittlerweile relativ einfach, da nicht mehr so teuer, viele Proben in den Sequenzer zu geben, einen Baum zu rechnen (notfalls lässt man ein paar Proben wieder raus, damit der Baum stabiler ist...) und das zu publizieren. Die klassische Methodik ist da viel langsamer und aufwändiger.
Bei dem Skeletocutis-nivea-Aggregat wurde zumindest versucht, auch klassische Methoden zusammen mit der Genetik anzuwenden. Früher war das noch auswändiger - man hat ja früher erst versucht, Merkmalskorrelationen zu finden, um daraus morphologisch Arten zu definieren und hat das dann genetisch gerpüft, ob das Komzept standhält. Jetzt sequenziert man erst und schaut dann, ob man nachträglich Merkmale findet, die mit den Clades korrelieren. Das geht schneller, dafür kann es aber sein, dass man nicht genau genug hinschaut und dann doch etwas übersieht. Es fehlt ja dieses Entdeckergefühl (ich nenne es mal so), in einer Artengruppe bei Null anzufangen und erstmal diverse Merkmale durchzugehen, dabei erst die Typen durchzuarbeiten usw.
Früher waren aber auch die klassisch Arbeitenden Spezialisten Einzelpersonen oder kleine Arbeitskreise. Heute hat man den Vorteil der "Cloud". Das heißt, es kann, nachdem z.B. bei Skeletocutis nivea agg. Arten genetisch definiert wurden, jeder versuchen, eigene Kollektionen zu analysieren und nach neuen Merkmalen zu suchen. Und meint man, Erfolg zu haben, kann man das in Foren mitteilen und nach weiteren MitstreiterInnen suchen, die das dann wieder überprüfen. Durch die potentiell große Anzahl an Amateuren, die die genetischen Clades nachträglich mit Merkmalen oder ökologischen Präferenzen füttern könnten, wäre eine Möglichkeit vorhanden, eine neue Form der Amateurmykologie zu etablieren - nämlich "genetischen Arten" ein echtes Gesicht zu geben.
Nur mal rein hypothetisch - es gebe eine chemische Reaktion, mit der man zwei Arten doch trennen kann, nur ist sie noch nicht gefunden worden. In dem Fall schafft das vielleicht diese "Cloud". Gerade für sowas ist Offenheit wichtig - man ist als "Spezialist" ja manchmal in der eigenen Spezialisierung gefangen. Beispiel: wer prüft bei Filzröhrlingen nach Amyloidie? Dabei gibt es in Deutschland eine Filzröhrlingsart mit amyloiden Sporen. Sie ist nur nicht beschrieben (ich hatte nur einen Einzelfruchtkörper, habe aber nie mehr einen weiteren gefunden . die Amyloidie hatte ich unter anderem Lothar K. live gezeigt - war spannend). In Nordamerkia gibt es zwei weitere amyloide Arten, die schon lange bekannt sind.
Das nur als Beispiel - wer weiß, vielleicht gibt es eine besondere Reaktion. Oder eine Geruchskomponente. Oder doch irgendwas Anatomisches?
Bei Hyphoderma setigerum s.l. sieht das leichter aus - da gibt es eine Reihe möglicher Merkmale: Sporengöße und -form, Basidenmaße, Form der Septocystiden (z.B. Längen der Zellen), innerer Aufbau des Fruchtkörpers, Makroskopie des Fruchtkörpers (z.B. Papillen isoliert stehend, vereinzelt oder durchgehend grandinioid), Dicke des Fruchtkörpers, Substrat usw.
Und es deutet sich an, dass hier was zu machen ist (siehe Nilsson et al. 2003).
Es ist gut zu wissen, dass hier ein Aggregat vorliegt, da bin ich ganz bei dir, Pablo. Und jetzt könnte "die Cloud" anfangen, aktiv zu werden und Einzelfunde gut zu dokumentieren. Hat man genügend Dokumentationen, kann man die übereinanderlegen, vergleichen, Merkmale korrelieren (auch mit einer Korrespondenzanalyse - das hätte z.B. ich drauf) - und im Falle von Korrelationen dann gezielt Belege sequenzieren lassen... et voilá, vielleicht hat man dann gemeinsam eine Lösung.
Oder das Ganze machen Spezialisten und es dauert länger.
Das betrifft natürlich alle, die neugierig auf Ergebnisse sind. Also Amateurmykologen, die sich gerne in solches Neuland stürzen und gemeinsam solche Aggregate angehen wollen. Andere werden von den neuen Artenaggregaten, die im Moment nicht klassische greifbar sind, vielleicht abgeschreckt. Mir selbst tut es nicht weh, hinter einen Namen ein "agg." zu setzen, habe aber die Neugierde, auch bei Aggregaten weiter zu gehen und einfach mal zu schauen, was einem unterkommt. Deshalb recherchiere ich auch viel Literatur und versuche grob, auf dem aktuellen Stand zu bleiben. Deshalb hatte ich auch das Thema mit "Hpyhoderma setigerum als Aggregat" im BMG-Forum begonnen und da auch die kryptischen Arten hingewiesen bzw. das auch hier mit angestoßen.
Wer sich also in so ein Aggregat reinfuchsen will, dem empfehle ich eher nicht, mit Skeletocutis zu beginnen, sondern z.B. es hier zu tun, bei der "good old" Hyphoderma setigerum.
Liebe Grüße,
Christoph