Corticioider Pilz mit merkwürdiger Sporenbildung?

Es gibt 8 Antworten in diesem Thema, welches 913 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag () ist von Tricholomopsis.

  • Hallo zusammen,


    am 04.05. dieses Jahres fand ich auf Eichenrinde und der darunterliegenden Holzschicht einen weißlichen corticioiden Pilz:



    Die Sporen sind ellipsoid mit deutlichem Apiculus und scheinen viele kleine Öltröpfchen zu besitzen:



    Sporenmaße: 9,4 ± 0,6 µm × 4,6 ± 0,3 µm, Q̄ = 2,1 ± 0,1

    Reichweite: 8,6–10,6 µm × 4,2–4,9 µm, Q = 1,9–2,3

    n = 12


    Die Basidien sind viersporig und besitzen (zumindest jung) eine Basalschnalle:



    Das Hyphensystem ist monomitisch, die Hyphen tragen Schnallen:



    Im Hymenium befinden sich zudem Hyphidien:



    Zusätzlich findet man auch Zystiden. Diese scheinen aber dem Subhymenium zu entspringen und ragen nur selten über das Hymenium hinaus:



    Sie messen 70–100 µm, haben teils etwas dickere Zellwände und sind teils halsig:



    Das, was mich aber nun seit Tagen umtreibt, ist das folgende Phänomen: Die Sporen scheinen sich nicht nur auf den Sterigmen der Basidien zu befinden! Aus merkwürdigen, hyphidienähnlichen Gebilden scheinen auch Sporen zu entstehen, die so aussehen wie die normalen Sporen:



    Weiß jemand, um welches Phänomen es sich handelt, wo das in der Literatur beschrieben wird, und ggf. sogar, um welche Art es sich handelt?


    Herzliche Grüße,

    Vitus

  • Lieber Frank,


    danke dir für deine fixe Antwort und die wichtigen Infos! Bei Hyphoderma s. l. war ich auch bereits gelandet. Ich habe nun noch mehrere Präparate (insgesamt sieben) des Funds mikroskopiert und dabei die folgenden Dinge festgestellt:
    1. Der Fruchtkörper scheint insgesamt sehr dicht zu sein. Auch bei einem dünnen Querschnitt erscheinen Hymenium und Subhymenium gedrängt zu sein (Bild nach leichtem Quetschen, da vorher nichts sichtbar war):

    1. Neben den bereits oben gezeigten normalen Zystiden, die an beiden Enden dünner werden, habe ich noch kopfige Zystiden gefunden:

    1. Ich habe zudem auch noch Zystiden anzubieten, bei denen eine merkwürdige Masse ausläuft:


    Ich vermute, dass es sich hier um Gloeozystiden handeln könnte. Sie sind zwar SV-, allerdings fassen Larsson & Ryvarden, 1975, p. 27 diese Zystiden auch als Gloeozystiden auf und nennen dann SV+-Gloeozystiden „true gloeocystidia“.


    Folgt man dem Hyphoderma-Schlüssel der Autoren auf S. 449, gelangt man hier zu Hyphoderma praetermissum, heute Peniophorella praetermissa. Die Sporenmaße sowie die vielen Öltröpfchen passen perfekt – auch die Basidiengrößen. Das Einzige, was fehlt, sind die Stephanozystiden, allerdings schreiben die Autoren auf Seite 505:

    Zitat

    Stephanocysts […] very variable in number and must sometimes be looked for carefully before they are found, in many slides they are not found at all while in others they are numerous and easily found.

    Zudem zeigen sie auch eine Zeichnung von einem Fund ohne Stephanozystiden, aber mit amorpher Masse an den Zystiden, was mit meinem Fund vereinbar wäre. Denkst du, das könnte passen, Frank?


    Was die einsporigen Basidien betrifft: Ich habe hier noch ein gestacktes Bild, aus dem ersichtlich wird, dass das Gebilde, aus dem die einzelne Spore entspringt, tatsächlich genau so wie eine Basidie gebildet wird:



    Sehen so einsporige Basidien aus?


    Herzliche Grüße,

    Vitus


    Literatur:

    Larsson, K.-H., & Ryvarden, L. (1975). The Corticiaceae of North Europe 3: Coronicium – Hyphoderma. Fungiflora.

  • Hallo Frank,


    danke dir für deine Einschätzung! Sobald ich die Funde der letzten Exkursion durchgearbeitet habe, suche ich nach den Stephanozystiden. Sollte ich sie finden, poste ich sie hier natürlich auch. Ich bin gespannt!


    Herzliche Grüße,

    Vitus

  • Servus Vitus,


    nur noch ein paar Zusatzinformationen. Die Stephanocysten sind Nematodenfangzellen – deshalb findet man die meist mehr am/im Substrat bzw. im Subiculum. Peniophorella war früher Teil einer Großgattung Hyphoderma, ist heute aber nicht nur eine Gattung, sondern eine eigene Familie innerhalb der Hymenochaetales, ist also näher mit Hyphodontia s.l. verwandt.


    Peniophorella praetermissa wiederum ist ein Artenkomplex. Es wurden in den letzten Jahren (und es werden immer noch) Arten aus dem Komplex abgetrennt und beschrieben. So z.B. Peniophorella subpraetermissa aus Taiwan (weit weg, ich weiß). Es gibt aber mehrere Clades, in denen auch europäische Aufsammlungen enthalten sind.


    Ich würde empfehlen, wenn nicht anders machbar, immer in Wasser zu mikroskopieren. Dann leben die Zellen noch und du kannst ölartigen Inhalt besser erkennen. Ich würde nur färben, wenn ich unbedingt Kontrast brauche oder wenn ich eine Farbreaktion bzw. einen Stoff nachweisen möchte.


    Liebe Grüße,

    Christoph

  • Hallo Christoph,


    vielen Dank für deine ausführlichen Erläuterungen! Dass Stephanozystiden Nematodenfangzellen sind, hatte ich schon gelesen, der Bogen zu ihrem Vorhandensein im Substrat/Subiculum fehlte mir aber. Ich habe nun zusammen mit einem Pilzfreund noch drei weitere Präparate erst ungefärbt und dann gefärbt durchgesehen und weder im Subiculum noch im Substrat eindeutige Stephanozystiden gefunden. Zwar fanden wir einige überraschungseiförmige Zellen, aber immer fehlte der namensgebende Kranz. Gerade im Eichenholz fiel mir die Unterscheidung schwer, was nun Holz und was Zystide sein könnte; ausschließen will ich deshalb nicht, dass Stephanozystiden vorhanden sind. Mein Fund war allerdings auch ziemlich jung. Da er auf der Morgenrunde liegt, könnte ich die Tage noch einmal ein Stück mitnehmen – vielleicht habe ich dann ja mehr Glück mit den Stephanozystiden!


    Danke dir auch für die taxonomischen Hinweise! Dass Peniophorella zu den Hymenochaetales gehört, war mir unklar. Was die in Hut und Stiel gegliederten Pilze betrifft, bin ich taxonomisch mittlerweile relativ fit, bei den corticioiden Pilzen darf ich noch viel dazulernen. Dass die Art ein Komplex ist, haben Larsson und Ryvarden ja schon vermutet; dass mittlerweile Arten abgetrennt wurden, ist interessant! Mit meinem Wissensstand diesbezüglich gebe ich ich mich aber gerne mit dem Komplex zufrieden. In pilze-deutschland ist im Übrigen ein einziger Fund von der subpraetermissa verzeichnet. Ist das ein Fehler, wenn die Art aus Taiwan kommt, oder kommt sie nun auch hier vor? Das wäre ja interessant zu wissen.


    Was die Färbung betrifft: Den Tipp in Wasser zu mikroskopieren hattest du mir ja schon einmal gegeben und ich habe ihn eine Zeit lang versucht zu beherzigen. Mit einem alten Leitz Dialux 20 mit Halogenlampe fiel es mir aber sehr schwer, die Strukturen auseinanderzuhalten, weil der Kontrast zwischen den Zellwänden (zumindest für mich) einfach zu klein war. Deshalb habe ich mir angewöhnt, die Präparate einzufärben, auszuwaschen und dann zu mikroskopieren. Dass ich bei den Gloeozystiden mit diesem Vorgehen Schiffbruch erlitten habe, zeigt mir aber, dass zumindest der erste Schnitt in Wasser sein sollte. Bald rüste ich von Halogen auf LED um und hoffe, dass mir die Kontraste dann in Wasser deutlich werden.


    Herzliche Grüße,

    Vitus

  • Hallo Vitus,

    vielleicht passend hierzu habe ich gestern auch bei einer Peniphorella praetermissa nach Stephanozysten gesucht und wurde auch fündig. > siehe Foto .



    Dazu möchte ich einmal eine Lanze brechen für das "Einfärben", das auch Vorteile bringen kann, aber oft verpönt ist.

    Für Kontrast, um Strukturen bzw. Formen diverser Elemente zu erkennen, habe ich mit Einfärben oft gute Erfahrung gemacht, vor allem bei einem "Schnelldurchgang" durchs Präparat zur ersten Orientierung bei Rindenpilzen.


    Bei meiner P. praertermissa gestern konnte ich die Gloeozystiden mit ihrem öligen Inhalt in Wasser gut beobachten, habe jedoch trotz längerer Suche keine Stephanozysten gesehen.

    Das mag jetzt Zufall sein, aber mit KOH + Kongo-Ammoniak fand ich dann mehrere Stephanozysten (>Foto).

    Was ich natürlich immer mache sind Präparate in Wasser, kein Frage, ein Muss.

    Es gibt positive wie auch negative Beispiele (Thema Asco: Koh, Färbemittel) für den Gebrauch von Färbemitteln, aber sie haben ohne Zweifel ihre Berechtigung und bringen bei richtiger Anwendung auch Vorteile.

    Ich persönlich habe mich, wegen früher eher bescheidenen mikroskop- und fototechnischen Möglichkeiten, etwas zuviel an Farbe gewöhnt, das ich jetzt langsam zurückfahren werde, nicht immer aber immer öfter.🙂

    Gruß Armin

  • Servus Armin,


    bitte nicht missverstehen. Ich färbe auch mit Kongorot/Ammoniak, wenn es nötig bzw. hilfreich ist. Ich sehe aber oft, dass Manche prinzipiell immer färben (vielleicht etwas übertrieben ausgedrückt) bzw. es als Standard-Work-Flow haben: "Zupfen, Quetschen, Färben, dann Anschauen". Ich schaue alles erstmal in Wasser an, denn dann sehe ich vital alle Merkmale, wie sie sind. Danach kann ich immer noch färben, wenn ich das brauche. Kongorot in Ammoniak kann bei der Schnallensuche helfen, insbesondere das Ammoniak darin, denn dann werden die Zellinhalte schnell mal richtig durchsichtig und die Wand wird durch das Kongorot kontrastreicher. Ich wasche dann aber das überschüssige Kongorot durch Wasser, das ich nachziehe, wieder aus.


    Färben ja, wenn nötig. Wenn ich aber z.B. Gloeozystiden suche, dann ist Kongorot in Ammoniak nicht hilfreich, sondern macht es wohl eher schwerer. Phloxin finde ich meist furchtbar, weil es einfach nur das Zellinnere färbt, ohne dass es mir was bringt (Ausnahmen gibt es natürlich). Gloeozystiden schaue ich in Wasser an, dann erhöhe ich gerne den pH-Wert, um zu schauen, ob der Inhalt gelber wird. Oder ich ziehe dann SV durch, um zu schauen, ob es "echte" Gloeozystiden sind (usw.).


    Kurz gesagt: Vitaltaxonomie ist in meinen Augen wichtig (vgl. in vivo veritas von Zotto). Wer aus Prinzip immer färbt, weil es hübsch ist, sieht halt keinerlei Vitalmerkmale. Kann man machen, muss man aber nicht. Wer aus Prinzip gar nie nicht färbt, handelt genauso ideologisch wie der, der immer färbt. An erster Stelle steht für mich das Erheben der Merkmale. Und da kann Färben helfen oder im Gegenteil es unmöglich machen. So ist es gemeint.


    Liebe Grüße,

    Christoph