Lichenicoler Pilz auf Physcia?

Es gibt 4 Antworten in diesem Thema, welches 1.650 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag () ist von KaMaMa.

  • Hallo zusammen,


    im Harz-Urlaub war es schön und die Flechten wirklich interessant!

    Es gab viel Neues, was ich hier zuhause bisher nicht beobachten kann.


    So zum Beispiel folgende steinbewohnende, graue Blattflechten,...

    Bild 1 - Fundsituation: moos- und flechtenbewachsene Rest des Fundaments der Burg auf dem Burgberg über Bad Harzburg


    ... die neben schwarzen Apothecien sehr auffällige, gallenartige Strukturen auf ihrem Thallus aufweisen (Bild 2&3).

    Bild 2

    Bild 3


    Ausschnitte aus Bild 2 mit gallenartigen Strukturen :gschock:


    Hier (Bild 4) sind die gallenartigen Strukturen unscharf, aber in großer Zahl vorhanden, dafür ist der schwärzliche Hof um die Flechten gut sichtbar!

    Bild 4


    Bild 4 - Ausschnitt: Thallusrand mit Hof aus dunklen Rhizinien


    Diese Flechten weisen also neben den typischen schwarzen Apothecien zusätzlich so etwas wie perithecien-tragende, gallenartige Verdickungen auf - das passt ja eigentlich nicht zusammen. :girre:

    Haben wir es hier also mit parasitierten Flechten zu tun? Ich denke ja...

    Der Pilz Lichenochora obscuroides bildet sehr ähnliche Strukturen auf Phaeophyscia aus.

    Siehe: Lichen - Lichenochora obscuroides

    und Lichenochora_obscuroides

    Welche Flechten wurden hier befallen ?

    Zumindest in Bild 1 und 4 ist um die aufgenommenen Flechten deutlich ein schwarzer Hof aus hervorlugenden Rhizinien erkennbar.

    Auf Bild 2, der Aufnahme mit den am besten erkennbaren Gallen, leider aufgrund des schwarzen Untergrundes weniger gut...


    Falls es sich also um Flechten der Gattung Phaeophysica (cf. ciliata) handeln sollte, so wäre L. obscuroides als möglicher Befall für mich denkbar und plausibel.


    Was meint ihr?

    Handelt es sich um befallene Phaeophysciae (cf. ciliata)?

    Ich bin gespannt auf eure sehr geschätzte Meinung!


    LG, Martin

  • Hallo Martin,


    Ja das sieht sehr nach nem lichenicolen Pilz aus, da kenne ich mich aber so gar nicht aus... Ich glaube allerdings nicht, dass es sich bei der Flechte um Phaeophyscia ciliata handelt, Färbung und auch der Habitus der Apothecien sprechen für mich eher in Richtung Physcia.


    P. ciliata wäre auch ganz schön besonders, die Art gilt Deutschlandweit als vom Aussterben bedroht. Was einen Fund der Art natürlich nicht ausschließt sondern nur sehr unwahrscheinlich macht 🙃.


    Der Fund sieht aber schon mal sehr spannend aus, wenn ich irgendwann mal in die Gegend komme...


    Mal sehen was die Flechten Profis dazu sagen.


    LG Peter

  • KaMaMa

    Hat den Titel des Themas von „Lichenicoler Pilz auf Phaeophyscia?“ zu „Lichenicoler Pilz auf Physcia?“ geändert.
  • Hallo Peter,


    da hast du natürlich Recht! Ich habe mir P.ciliata nochmal zu Gemüte geführt:

    Diese Flechte kommt überhaupt nicht in Frage.

    Phaeophyscien sind normalerweise feingliedriger und P.ciliata hat offenbar sogar Cilien um die Apothecien herum, wie eine Halskrause!

    Keine Ahnung, welche Flechte hier befallen ist, sie wirkt ein wenig entstellt...


    Aber so viel Auswahl sollte es doch gar nicht geben - ohne Sorale auf Stein mit Hof aus schwarzen Rhizinien?


    LG Martin

  • Hallo zusammen,


    ich würde hier auch eher eine Physcia sehen. Da gibt es natürlich auch lichenicole Pilze drauf, die solche Gallen machen (Jule hatte glaube ich mal einen vor ewigen Zeiten vorgestellt). Ich selber hatte dann mal auf dem Dach meiner Eltern eine Physcia mit ähnlichen Gallen gefunden und mikroskopiert: Das hat sich dann allerdings nicht als der gesuchte Pilz, sondern als Pyknidien entpuppt. Von daher gilt hier, wie so oft im Leben: Ohne Mikroskop bleibt es alles Raterei.


    Björn

  • Hallo,


    noch ein Nachtrag zum Thema, weil ich letzte Woche wieder auf Physcien mit diesen Strukturen gestoßen bin.


    Dieser Tage bin ich auf größere Mengen von rosa-stichigen (!) Blattflechten gestoßen, die jeweils fast flächig diese pyknidientragende Knubbel-Strukturen aufweisen.

    Im halbschattigen Randbereich des nördlichen Geländers über dem Fluss sitzen größere Mengen von Blattflechten, die ebensolche Strukturen tragen.

    Dazwischen immer wieder auch kugelförmige, flächenständige Sorale.

    Die Rinde reagiert C+ gelb, K-, P-, was wohl auf Physcia hinweist.

    Die kopfigen Sorale deuten auf P. cf. caesia hin, wobei aber die Farbe nicht ganz passt.

    Die rosa Färbung könnte aber auf Eisen(III)oxid-Einlagerungen im Thallus durch das rostige Geländer zurückgehen.

    Die großen alten Flechten auf dem Norgeländer wirken übersät mit diesen Gallen, wärend die kleineren, im Verhältnis zum Durchmesser, wenige besitzen.


    Auf der Südseite der Bücke, Luftlinie 4 Meter entfernt, finden sich sehr ähnliche Flechten, aber ohne diese Strukturen, dafür mit vielen Soralen, teilweise zusätzlich mit kleinen Apothecien, wie bei einer gesunden P.caesia.


    Bild 5 Alte, große Flechte vom Norgeländer mit sehr wenigen Soralen


    Bild 6 jüngere Flechte vom Nordgeländer (nach Einweichen)


    Die folgenden Aufnahmen wurden an der Flechte aus Bild 6 gemacht. Die Flechte wurde abgewaschen, um einen Teil der Fremdpartikel zu entfernen.

    Bild 7


    Bild 8 halbkugelförmige Sorale


    Bild 9 einfache, dicke Rhizinien


    Bild 10 Unterseite hell mit hellbraunen Rhizinien


    Bild 10 Bruch durch "Galle": Hier scheint nur der Thallus nur stark hochgewölbt zu sein, die schwarzen Pyknidien sind zu erkennen.


    Bild 11 mit Flechten vom Südgeländer


    Entweder liegen nun zweierlei Flechten vor, oder oder die gleiche Flechtenart in einer Modifikation.

    Da es fließende Übergänge zwischen beiden Typen auf dem Nordgeländer gibt, denke ich, es handelt sich um die gleiche Flechtenart wie auf dem Südgeländer (P. cf. caesia).

    Warum nun sollte die Modifikation auf der Nordseite, wenige Meter entfernt, anders sein als auf der Südseite des Geländers? Substrat, Kleinklima usw. sind sehr ähnlich.


    Es könnte einerseits sein, dass z.B. ein lichenicoler Pilz auf dem Nordgeländer Fuß gefasst hat und sich dort über den geschlossenen Wasserfilm nach Regen oder durch Spritzer der aufschlagenden Regentropfen leicht ausbreiten kann, während er das weiter entfernte Südgeländer durch die räumliche Trennung (noch) nicht erreicht hat und die dortige Population verschont blieb. Natürlich ist das nur eine ungeprüfte Hypothese.


    Es könnte andererseits auch sein, dass die Flechten auf den beiden Seiten des Geländers mit unterschiedlicher Neigung diese Pyknidien selbst ausbilden - wobei ich bislang keine Abbildungen von derartigen P.caesia gesehen habe.


    Deshalb meine Frage: Weiß man, was Ascomyceten jeweils neben Isidien-, Soral- und Apothecienbildung auch zur Pyknidienbildung veranlasst? Wo könnte ich dazu etwas finden (Literatur / Lehrbuch)?


    LG, Martin