Hallo zusammen,
die Diskussion hat sich ja schon sehr weit weg von dem mit der App quasi unbestimmbaren Rotfußröhrling hin zu einer allgemeinen Betrachtung über das Lernen in der Pilzkunde entwickelt - sehr erfreulich, aber eigentlich sollte das hier in einen anderen Thread verschoben werden, der zweckmäßigerweise auch einen anderen Namen bekommen sollte.
Immer deutlicher wird, dass das Thema App-Anwendung nicht isoliert betrachtet werden kann von der Frage, welche Ansprüche jemand hat, der sich für Pilze interessiert. Fest steht, dass hier im Forum wie auch in der Pilzkunde allgemein die Pilzabschnippler (= Pilzkundelevel 1 von 6) in der klaren Mehrheit sein dürften. Die laden sich die PilzApp ohne jeden von Christoph oder Lars beschriebenen intellektuellen Anspruch herunter, sondern weil sie selbstgesammelte Pilze futtern wollen (im Supermarkt gäbe es die ja auch zu kaufen, aber nein!), sie aber nicht bestimmen können und hoffen, dass das irgendeine externe Instanz für sie übernimmt (und am besten gleich noch die Verantwortung für die Essbarkeit dazu). Genau hierin sehe ich wie die Vorschreiber eine Gefahr für Leib und Leben, die mit einer falsch angewendeten App noch höher ist als mit einer falsch angewendeten Pilzbuchbeschreibung, und zwar weil nach Ende der App-Anwendung ein eindeutiger Pilzname oben steht, der Bestimmungsverlässlichkeit suggeriert. Würde unter gleichen Rahmenbedingungen dagegen ein Pilzbuch angewendet, stünde am Ende üblicherweise ein Bestimmungsnirvana, das den Pilzabschnippler aufgrund gesunden Restzweifels daran hindert, das Gefundene zu futtern. Um eine App wirklich sinnvoll zu nutzen, muss man bereits auf einem der höheren Pilzkundelevels (z. B. Pilzinteressierter, Pilzuntersucher oder Pilzauskenner) stehen, das die meisten aber nicht erreichen können bzw. auch nicht wollen, sondern ewig auf ihrem Pilzabschnippler-Level verharren wollen, da darf man sich keinen pädagogischen Illusionen hingeben.
Zum Lernen in der Pilzkunde wärme ich noch einmal den Kaffee auf, den ich hier schon öfters mit ziemlich mäßigem Erfolg ausgeschenkt habe. Am besten und schnellsten scheint man sich mir in den Pilzkunde-Levels aufwärtszubewegen, wenn man sich jedes Jahr eine Liste von einem Dutzend Arten erstellt (bei guter persönlicher intellektueller Ausstattung dürfen es auch gern ein paar Dutzend Arten sein), die man im Folgejahr kennen lernen will. Über diese Arten trägt man in der pilzlosen Zeit aus Büchern, aus dem Web oder anderen halbwegs zuverlässigen Informationsquellen sich ein theoretisches Wissen über diese Pilze zusammen (z. B. wie sie aussehen, wo genau sie wachsen (Laubwald/Nadelwald/Wiese...), wann im Jahr sie wachsen (Frühjahr/Sommer/Herbst/Winter), mit was sie verwechselbar sind usw.). Im Folgejahr hält man dann genau nach diesen gelisteten Pilzen Ausschau und nimmt sie unter die Lupe, gleicht sie mit Bestimmungsbüchern und meinetwegen auch mit Apps ab, verifiziert sie oder erkennt aufgrund der abweichenden Merkmale, dass sie nicht der erhofften Art angehören. Dabei gilt schon als Erfolg, wenn man die unrsprünglich erhoffte Art eindeutig ausschließen kann, ohne den Pilz jetzt einer anderen Art zuordnen zu können. Am Ende der Bestimmungsarbeit muss, das sehe ich genau so wie Christoph, nicht immer ein Artname stehen, damit man sie als erfolgreich bezeichnen kann.
Diszipliniert verzichtet man auf den Impuls, plötzlich ganz andere Pilze anzuschauen, auf die man sich nicht theoretisch vorbereitet hat und bei denen man sich infolgedessen nur Bestimmungsfrust, aber keine motivierenden und selbstverstärkenden Bestimmungserfolge abholt, die man braucht, um sich selber immer weiter voranzutreiben. Oder man ändert seine Liste nachträglich ab, wenn sich der Impuls im Einzelfall nicht kontrollieren lässt, schiebt dafür dann andere Pilze der bisherigen Liste aber auf das nächste Jahr, damit man im übertragenen Sinn den Kopf über dem Wasser halten kann. Am Ende des nächsten Jahres stellt man sich dann wieder eine neue Liste zusammen, darauf kommen auch diejenigen Arten, die man in diesem Jahr nicht hat finden können.
Leute, die dies so machen, haben einen phänomenalen Wissenszuwachs. Dagegen kommen Leute, die dies genau andersherum machen, nämlich jeden beliebigen Furz-Pilz, der ihnen bei ihren Spaziergängen unterkommt, benannt haben wollen, ohne vom Bestimmungshintergrund bzw. der hinter der Namensvergabe steckenden notwendigen Bestimmungsarbeit auch nur die leiseste Ahnung zu haben, nicht von der Stelle. Alles was sie gelernt zu haben glaubten ist spätestens nach Ende der Pilzsaison wieder wie weggeblasen, und im Folgejahr ist der Wissensstand nicht gewachsen. Konfrontiert mit der anderen, wesentlich ergiebigeren Lernmethode, weisen sie diese von sich mit dem Argument, sie selber wüssten am besten wie sie lernen. Aus dem sich anschließenden Misserfolg entsteht der "Dummer-Junge"-Eindruck, nämlich dass die gesamte Pilzkunde undurchdringlich und abgehoben ist und man einfach keinen Fuß in die Tür bekommt.
Was, dafür gibts jetzt auch schon Apps?
You made my day!
FG
Oehrling