Galerina in Sphagnum II - 1987

Es gibt 7 Antworten in diesem Thema, welches 454 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag () ist von Helmut.

  • Servus,

    nach der Galerina mairei ("tibiicystis ss. auct.") vom letzten Mal habe ich eine weitere Kollektion überprüft, die mit dem Namen G. tibiicystis in meinem Herbar lag. Sie stammt vom August 1987 und wuchs am Ammersee im Sphagnum. Die hat zwar auch tibiiforme Zystiden, aber den Stielen fehlt die feine Bereifung, dafür haben sie lockere weißliche Velumfasern und die Sporen waren rauer warzig, aber ähnlich groß (9-10,5 x 5,5-6,2 µm, im Schnitt 9,8 x 5,8 µm, Q 1,68). Schnallen waren vorhanden (aber nicht überall). Kann das trotzdem auch G. mairei sein?

    Gruß Helmut


    Dia-Scan


    Cheilozystiden


    Sporen

  • Hallo Helmut


    Hast du evtl. noch ein paar mehr Infos?

    - Basidien mehrheitlich 4-sporig?

    - Kopfige Kaulozystiden vorhanden? Wenn ja, spärlich oder reichlich?


    Anhand dessen, was ich bisher sehe, tendiere ich eher zu G. hybrida.

    Die soll im Gegensatz zu G. mairei genau solche Velumfasern am Stiel haben, und eben weniger bereift sein.

    Auch die sehr hellen Lamellen sprechen für G. hybrida.


    LG Raphael

  • Servus Raphael,

    ja, Basidien 4-sporig (2-sporige habe ich nicht gesehen), und auch kopfige Kaulozystiden hat der Pilz, aber nur wenige (bei der mairei-Kollektion waren die sehr zahlreich).

    In der Funga Nordica steht, G. hybrida habe einen fein bereiften ("minutely pruinose") Stiel ohne Velumreste ("veil absent"), identisch zu G. mairei (bzw. "tibiicystis").

    Gruß Helmut


    4-sporiges Musterbeispiel


    Eine der wenigen Stellen am Stiel mit kopfigen Kaulozystiden (in Kongorot-Ammoniak)

  • hm, spannend... das passt gar nicht zu dem, was die Franzosen schreiben (ich habs kurz übersetzt):


    mairei:

    Kaulozystiden ganz überwiegend kopfig (oberer Teil). Mittlere Sporenbreite über 6 µm. Oberer Stielteil bei jungen Fruchtkörpern typischerweise graubisterfarben und stärker gefärbt als die Lamellen; Bereifung über die ganze Länge reichlich. Lamellen beim ausgewachsenen Fruchtkörper horizontal bis bogenförmig.


    hybrida:

    Kaulozystiden selten, zerstreut, zwischen zahlreichen zylindrischen oder gewundenen, nicht kopfigen Haaren. Mittlere Sporenbreite höchstens 6 µm. Stiel bei jungen Fruchtkörpern hyalin, blasser als die Lamellen, die ihrerseits sehr hell sind, mit „Entoloma“-artigem Erscheinungsbild; Bekleidung über eine grosse Länge von der Basis her faserig-silbrig. Lamellen aufsteigend oder bauchig, oft fast frei.


    WIe so oft bei Galerina gibt es da wohl kein einheitliches Artverständnis...


    Hier zwei Kollektionen zum Vergleich, man kann sie schon makroskopisch anhand der Farben und der Stielbekleidung unterscheiden:


    hybrida:


    mairei:



    LG Raphael

  • Danke Raphael und Hias!

    In der Funga Nordica steht das aber nicht so und die hat als Schlüsselmerkmal schlankere Sporen bei hybrida ("narrowly amygdaloid", für mairei / tibiicystis nur "amygdaloid"). Das kann ich bei meinen Kollektionen nicht nachvollziehen.

    In Watling & Gregory 1993 (British Fungus Flora), mit der ich früher meine Galerinen bestimmt habe, steht hybrida gar nicht drin. Ludwig führt beide als Synonym. Seine Sporen sind im Schnitt auch schmaler, die Stiele haben keine Velumspuren und scheinen eher zu mairei zu gehören.

    Welche Literatur verwendet Ihr zum Bestimmen?

    Gruß Helmut

  • Welche Literatur verwendet Ihr zum Bestimmen?

    Das kann ich nicht allgemein für die Gattung beantworten...

    Die meisten Bücher sind mit den Ansichten der Autoren "verseucht", was in einer so schwierigen Gattung nicht hilfreich ist.

    Schauen wir mal:


    Funga Nordica (G. Gulden):

    In der Funga Nordica wurde die neue Art der Franzosen einfach nicht akzeptiert, deshalb ist mairei dort ein Synonym von tibiicystis.

    Ich habe bisher keine sachliche Begründung der Autorin gefunden, wieso sie diese Art als Synonym betrachtet.


    Sie schreibt 2010 das hier (Gulden, G. 2010. Galerinas in cold climates. North American Fungi 5(5). 127-157):

    According to Bouteville and Moreau (2005) G. tibiicystis seems to be more continental than G. hybrida. These authors also gave G. tibiicystis the new name G. mairei since they doubted a true identitiy with the original North American G. tibiicystis.


    Auch hier: Sie begründet nicht, warum sie deren Meinung nicht akzeptiert.

    In der Wissenschaft darf man verschiedene Ansichten haben, aber die implizite Aussage "ich sehe das anders" reicht mir nicht als Begründung.


    Ludwig:

    Ludwig geht ausführlich darauf ein, warum er die Unterscheidung zwischen hybrida und tibiicystis nicht akzeptiert.

    Obwohl bereits 2005 genetisch nachgewiesen wurde, dass es zwei Arten sind (Gulden G. et al. 2005. Galerina Earle. A polyphyletic genus in the consortium of dark-spored agarics. Mycologia 97 (4). 823-837)

    Aber zu G. mairei schreibt er gar nichts, die führt er kommentarlos als Synonym auf.

    Dabei sind die Unterscheidungsmerkmale der Franzosen deutlich klarer als das, was in der Funga Nordica steht.

    Für mich sieht es danach aus, dass Ludwig die Synonymisierung von G. mairei einfach übernommen und gar nicht hinterfragt hat.


    Bouteville and Moreau 2005:

    Die beiden Autoren sind die einzigen, die ihre Sichtweise seriös begründen, auch warum tibiicystis in Europa gar nicht vorkommt:


    L’étude du type de G. tibiicystis montre que ce taxon ne correspond ni à G. hybrida, à spo-

    res plus étroites et cheilocystides versiformes, ni à G. tibiicystis au sens de KÜHNER

    (1969), à caulocystides toutes capitées. Des deux espèces européennes, il est certain que

    l’espèce d’ATKINSON (1918) se rapproche davantage de la seconde mais les différences

    nous semblent significatives sur exsiccata.


    De Haan & Walleyn haben 2006 in ihrer Monographie ebenfalls hybrida und mairei akzeptiert.


    Fazit: In dem Fall halte ich mich an das Konzept der Franzosen, bis es neue Erkenntnisse gibt.

    Um dieses Konzept definitiv zu widerlegen oder zu bestätigen, wären wohl Typus-Sequenzen aus Amerika und Europa notwendig.


    LG Raphael