Diplotomma venustum - die "Edle Scheibenflechte"

Es gibt 5 Antworten in diesem Thema, welches 351 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag () ist von Felli.

  • Hallo zusammen,


    vergangenes Wochende war ich von Bernd ( Felli ) an eine interessante Stelle auf der Schwäbischen Alb geführt worden, um gemeinsam die dortige Flechtenflora in Augenschein zu nehmen.

    Auf dem flachen Hang einer Magerwiese grob in Südausrichtung konnten wir auf einem der flachen, kaum über die Vegetationsdecke herausragenden Kalksteinbrocken einiges Interessantes finden.

    Bild 1 Sonnige Magerwiese mit zerstreuten, niedrigen Kalksteinfelsen


    Bild 2 Kalksteinfelsen mit Flechtenbewuchs


    Auf einem Teppich kleinerer Flechtenarten (div. Verrucarien und Caloplaca cf. oasis) finden sich großen Krustenflechten. Es dominieren Lobothallia radiosa und Protoparmeliopsis muralis; Placocarpus schaereri, ein Jugendparasit auf P. muralis, ist zu finden. Dermatocarpon miniatum in Form kleinerer Thalli ist zu finde, ebenso Plcynthium nigrum, etc.

    Bild 3 Flechtenmosaik auf Kalkstein, u.a. mit Placocarpus schaereri auf Protoparmeliopsis muralis.


    An einer südlich ausgerichteten Vertikalfläche, knapp über Bodenniveau fiel eine schöne, kreideweiße Kruste mit dunklen Apothecien auf.

    Bild 4 Diplotomma an Vertikalfläche


    Bild 5 Etwas größere, zusammengesetzte Aufnahmen: Kreidig weiße, warzige Areolen mit eingesenkten dunklen, gewölbten Apothecien mit schwacher Bereifung.

    Weißer Thallusrand zusammenhängend, Prothallus schmal und dunkel.


    In die Flechte lässt sich schnell eine Diplotomma-Art vermuten.

    Wenn man wie ich bislang nur die beiden Arten D. alboatrum und D. hedinii kennt, stimmt hier etwas nicht.

    Der Thallus ist sehr dick, sehr uneben und inselartig gefeldert. Normalerweise ist der Thallus wesentlich gleichmäßiger in der Dicke.

    Die Apothecien sitzen eingesenkt in stark konischen Areolen. Man zweifelt deshalb kurz, ob Apothecien oder kugelige Perithecien vorliegen.

    Es sind keine Ostiolen erkennbar, was natürlich für Apothecien spricht.


    Ein Pröbchen wird zur Analyse mitgenommen:

    Bild 6 Probe auf Millimeterpapier


    Bild 7 Thallus mit Apothecium als Querschnitt in Wasser: links Durchlicht, Mitte und rechts Auflicht

    Epihymenium dunkelbraun, weiß bereift, Hymenium bräunlich, Sporen braun, Hypothecium dunkelbraun.

    Excipulum unauffällig dünn. Kristallauflage auf Thallus

    (Die braune Struktur unter den Luftblasen wurde nicht weiter untersucht)


    Bild 8 Typisch für die Gattung Diplotomma: Die vierzelligen Sporen sind braun, gekrümmt und ohne Schleimhülle.

    Die Lumina der Sporenzellen sind etwas verrundet und deutlich durch Sporenwände gegeneinander getrennt.


    Die Sporengrößen unter den kalkbewohnenden Arte überlappen sehr stark (um +/- 15-20 x 6-10 µm) und damit kaum für Bestimmungszwecke nützlich.

    Hilfreicher sind Färbetests mit Jod und KOH:

    Die Medulla der Probe reagiert nicht auf Jod-Gabe.

    Laugenzusatz (30% KOH) verfärbt das Mark gelb, dann orange, fleckweise nach rot übergehend.

    Bild 9 Medulla reagiert K+ gelb => rot


    Die Kombination J- und K+ gelb-rot passt zu zwei Kalkbewohnern, wobei der Habitus und Habitat auf Diplotomma venustum eingrenzen:

    "Mark fleckweise K+ gelb, dann rot, Thallus kreidig, dick, jung meist parasitisch auf Lecanora muralis. Ap. oft bald gewölbt, in +/- gewölbte Areolen eingesenkt." (Wirth et al., DFD)

    Und: "Auf Karbonatgestein, meist an .. eutrophierten .. Schrägflächen von niedrigen Felsen an besonnten Standorten .. kollin bis montan ..

    im Bereich von .. Trockenrasen .. jung meist parasitisch auf L. muralis, .. im Placocarpetum schaereri .." (ebenda)


    Das passt alles auf den Punkt.


    Zum Vergleich Beispiele für die beiden anderen, häufigeren Arten, die makroskopisch anders wirken:

    Bild 10 Diplotomma alboatrum hier an nordexponierter Burgmauer im Wald gefunden.

    Oft auf anthropogen Substraten (Burgruinen, Friedhafsmauern); Apothecien meist deutlich bereift, jung mit Thalluskragen; Sporen submuriform (eine Längssepte); J-, K-.


    Bild 11 Diplotomma hedinii an einer halbschattigen Mauer mit dünnem, oft zusammenhängendem Thallus;

    an niedrigen Kalkblöcken auf Trockenrasen, an Mauern; Apothecien sitzend; Sporen 4-zellig ohne Längssepte. J-, K-.

    (Der gelbliche Thallus ist nicht typisch)


    Die Art wird oft mit D. hedinii in einen Topf geworfen, sei aufgrund der unterschiedlichen Chemie jedoch als eigene Art abzutrennen.

    Fundangaben gelten z.T. als zweifelhaft (verm. weil ohne Cheminachweis).

    Ich finde auch die Morphologie beider Arten frappant unterschiedlich.


    LG, Martin

  • KaMaMa

    Hat den Titel des Themas von „Diplotomma venustum - die "Edle Scheibenflchte"“ zu „Diplotomma venustum - die "Edle Scheibenflechte"“ geändert.
  • Servus Martin,

    tolle Darstellung :daumen: bin gespannt ob ich es bei meiner Probe nachvollziehen kann.

    Meine Bilder der Stecknadeln kann man leider in die Tonne treten.


    Grüße

    Felli

  • Servus Martin,

    habe nun meine Probe von der Diplotomma untersucht,


    Die orange-rote Färbung mit KOH 20% kann man gut erkennen.

    Die Sporen passen auch.

    bin aber etwas unsicher was die Jod-Reaktion angeht. bei mir fällt die untere vorheriger Zugabe von 3% Kalilauge deutlich positiv aus.

    Ist da normal ?

    Beim den italienischen Flechten konntich darüber nichts finden


    Grüße

    Felli

  • Hallo Bernd,


    ich bin etwas irritiert, so eine intensive Reaktion kann ich doch kaum übersehen haben. Diese tiefblaue Lugolreaktion, die du zeigst, ist sie am Mark oder womöglich am Hymenium erfolgt? Hymenium J+ blau wäre ja normal für alle Diplotommarten.

    Relevant ist die Reaktion in der Medulla!


    LG, Martin

  • So, nochmal in Ruhe:

    Für die Gattung Diplotomma gilt, wie bei vielen anderen Gattungen, Hymenium J+ blau und natürlich auch K/J+ blau.

    Das wird für die einzelnen Arten im Schlüssel bei Diplotomma nicht weiter erwähnt, ist für alle gleich.

    Gemeint ist die Lugol-Reaktion der Medulla, die von Art zu Art unterschiedlich ausfallen kann.

    Mark J+ blau gilt z.B. für D. lutosum; sie gilt als extrem selten, kenne ich deshalb ich auch (noch) nicht.

    Ansonsten kann D. porphyricum (an Meeresküsten) im Mark J+ blau reagieren, muss aber nicht.

    Für alle anderen Arten von Diplotomma gilt J- für die Medulla!


    Die Information geben auch die Italiener bei Italic 8 weiter mit entweder "Medulla white, I+ blue." ansonsten "medulla white, I-".


    Da die Medulla normalerweise weiß ist und der von dir gezeigte Bereich transparent und zudem auch Sporen enthalten sind, vermute ich, dass du die kräftige blaue Reaktion im Hymenium zeigst. Sie ist völlig typisch für alle Diplotommaarten. Da ein Hymenium-Querschnitt meist auch Medulla im unteren Bereich anhaften hat, kannst du dort mal schauen, ob eine Blaufärbung zu erkennen ist.


    Normalerweise prüfe ich makroskopisch mit einem kleinen Würfelchen Medulla in einer Lugol-Pfütze, ob eine deutliche Reaktion eintritt oder nicht, das ist recht zuverlässig:

    Bild A1: Medulla J+ lila bei Lecidea confluens an Probenwürfelchen in Lugolpfütze auf Objektträger über Papier für den Weißabgleich


    Ich glaube nicht, dass die Medulla J-, aber bei K/J+ blau reagieren würde.


    Bei manchen Arten kann man unter dem Mikroskop dann mehrere Jod-Reaktionen gleichzeitig verfolgen:

    Bild A2 Quetschprobe von Bellemerea alpina: Hymenium J+, Sporen(halo) J+ lila und Medulla J+ lila

  • Servus Martin,

    Hab das nun nochmals getestet.

    Ich hab da wohl etwas aus dem Hymenium mit drauf gehabt und die Bezeichnung Medulla falsch interpretiert ( Bei den Discomyceten ist die Medulla der Bereich zwischen Hymenium und Excipulum - Also im Fruchtkörper - )

    und hier ist es ja das Innenleben des Thallus.

    Somit stimmt und passt es sehr gut :)

    Danke für die ausführliche Erklärung.


    Bei den Stecknadeln hab ich auch meine Schwierigkeiten, ich denke dass ich 3 Arten hab - bin mir aber ganz und gar nicht sicher. - Später mehr


    Grüße

    Felli