Mooskrusten Bilimbia sabuletorum und ihre Doppelgänger (B. bagliettoana und L. hypnorum)

Es gibt 6 Antworten in diesem Thema, welches 799 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag () ist von Felli.

  • Hallo!


    Letztes Wochenende war reichlich verregnet. Trotzem war ich zu Besuch bei Felli auf der Ostalb, einer landschaftlich wundervollen Gegend mit interessanter Flechtenflora und sehr netten Einwohnern.

    Die reichlich vorhandenen Kalkstein- und Dolomitaufschlüsse der Gegend beherbergen kleine Überraschungen.

    Bild 1 Kalksteinaufschluss auf der Ostalb nahe Heidenheim


    Einen der Funde möchte ich hier kurz vorstellen, weil es so ein hübscher Doppelgänger zu einer weitaus bekannteren Mooskruste ist:

    Bilimbia sabuletorum ist eine der lichenisierten Krusten auf Moss, über die früher oder später jeder stolpern muss, der sich Moose über Kalk genauer anschaut.

    Besagte Flechte besitzt einen graugrünen, körnig-warzigen Thallus mit halbkugelig gewölbten, rasch randlosen, schwarzen Apothecien.

    Junge Apothecien sind deutlich berandet und heller, braun, ja bis weißlich gefärbt und dunkeln schnell ab.

    Bild 2 Bilimbia sabuletorum einen Moosthallus überwachsend und reichlich fruchtend.

    Kalksteinhorizontalfläche an sonniger Stelle.


    Bild 3 Bilimbia sabuletorum: Kugelig gewölbte, stumpf schwarze Apothecien ohne Rand, meist in großer Zahl, teils geknäuelt in dichten Gruppen.

    Thallus vom Regen durchfeuchtet.


    Makroskopisch hätte ich die Flechte als B. sabuletorum angesprochen, aber es gibt etliche sehr ähnliche Flechten.

    Letzte Sicherheit bringt nur das Mikroskop:

    Bild 4 Das Hymenium ist farblos mit einem farblosem bis grünlichem Epihymenium. Das Hypothecium ist braun.

    Die Sporen sind farblos und breit elliptisch bis spindelig mit mindestens 3 bis 7 etwas eingeschnürten Quersepten.

    Die Sporenabmessungen liegen bei 20-40 x 5-8 µm.

    Diese Flechte ist im Moos recht häufig anzutreffen.


    Etwas seltener trifft man auf Flechtenarten, die sehr ähnlich leben und auf den ersten Blick auch sehr ähnlich aussehen.

    An einer sehr ähnlichen, ebenfalls sonnigen Kalkfelsoberseite im Moos der folgende Fund - Bacidia bagliettoana.

    Nur bei genauer Beobachtung ist eine wichtiger Unterschied erkennbar, die Apothecien sind deutlich abgeflacht und glänzen deutlich:

    Bild 5 Bacidia bagliettoana im Moos über Kalkfelsen an sonniger Stelle


    Auch ist oft ein dünner Rand deutlich erkennbar:

    Bild 6 Bacidia (Toniniopsis) bagliettoana mit körnig-warzigem, grauweißem Thallus auf Moos.

    Schwarze, lange Zeit lecidein berandete, flache, etwas glänzende Apothecien.

    Thallus trocken und ohne Grünton.


    Bild 7 Grünliches Hymenium mit grünem Epihymenium über rotbraunem Hypothecium.

    Der deutlichste Unterschied sind die länglichen, nadelförmigen Sporen: Sie messen 25-40 x 2-3 µm, haben 5-9 Quersepten.

    In Wasser sind die dünnen Sporen schwer erkennbar.


    Bild 8 Gefärbte Sporen in den Schläuchen


    Ein schöner Doppelfund, wie ich finde.

    Dochdamit nicht genug: Was ist das hier wohl? Ein gelber "Gast" auf der Bacidia?

    Bild 9 Zitronengelbes Apothecium auf oder neben der B. bagliettoana: eine Caloplaca-Art, eventuell parasitisch.

    Mal schauen, ob ich dazu noch etwas herausbekomme, wobei ein Apothecium allein etwas wenig ist, um eine Bestimmung durchzuführen...


    LG, Martin

  • Hallo!


    Aktuell ein weiterer Doppelgänger im Moos auf Kalkfels aus der Schwäbischen Alb: Bryobilimbia (Lecidea) hypnorum.

    Schöner Fund und mikroskopisch recht leicht bestimmbar.


    Bild 10 Habitat: Kalkfels auf Magerwiese


    Bild 11 Lecidea hypnorum in situ mit häutigem, stellenweise warzigem Lager und dicht stehenden, sich gegenseitig überlappenden, bleibed berandeten Apothecien.

    Das Lager hat gut 5 cm Durchmesser.


    Bild 12 Das Lager ist unscheinbar und überzieht das Moos dünn.

    Die Apothecien können tuberculat fusionieren, und bilden dann unförmige, große Gebilde mit gemeinsamen Rand.


    Bild 13 Berandete, stark glänzende, schwarze Apothecien.


    Bild 14 Die Aufnahme in Auflicht glänzt unglücklich, zeigt jedoch schön den farblichen Übergang des Hypotheciums von Rotbraun nach Schwarzbraun.

    Ferner ein schwarzbraunes Excipulum und ein (gelb)braunes Epihymenium.

    Wichtig: Im farblosen Hymenium sind kleine, dunkle Stellen erkennbar!


    Die Sporen sind 2-zellig, gelegentlich auf 4-zellig, elliptisch, farblos, zu 8 in den Asci; um 15 x 5 µm groß.

    Junge Sporen zeigen ein feinwarziges Perispor.

    Damit gelangt man zum Schlüssel für Catillaria und dort in wenigen Schritten eindeutig zu Lecidea hypnorum.

    Für Lecidea hypnorum werden (oft, aber nicht immer vorhandene) körnige, violett-blau bis grün-braune Einschlüsse u.a. im Hymenium beschrieben, welche in KOH nach grün umfärben.

    Bild 15 Junge Sporen mit feinwarzigem Perispor in Ascus. Rechter Ascus mit 4-zelliger Spore.


    Bild 16 In Wasser: Violette Körner im Hymenium auf Ascuswand, Paraphysenwand (in Wasser) und im braunen Hypothecium.


    Bild 16 Umfärben der Körner durch KOH-Zusatz nach blaugrün (Farbwert pH-abhängig).


    Die Flechte lebt montan bis alpin u.a. auf Moos an Kalkfelsen, auf basenreichen Böden, selten an der Stammbasis von Bäumen.


    LG, Martin

  • KaMaMa

    Hat den Titel des Themas von „Mooskrusten Bilimbia sabuletorum und ihre Doppelgänger Bacidia bagliettoana“ zu „Mooskrusten Bilimbia sabuletorum und ihre Doppelgänger (B. bagliettoana und L. hypnorum)“ geändert.
  • Hallo Martin,


    danke für die schöne Zusammenstellung. B. sabuletorum kommt bei mir in der Nähe an einer Bahnbrücke auf Moosen über der Mauer mit Mörtelfugen vor. Hier hat die Flechte aber ganz überwiegend helle Apothecien die nur einen leichten Einschlag ins schwarze und ganz vereinzelt schwarze Apothecien hat. Ist das vielleicht eine Effekt der (bei mir fehlenden) Sonneneinstrahlung?


    Gruß

    Peter

  • Hallo Peter,


    einer meiner ersten Funde von Bilimbia sabuletorum zeigte unterschiedliche Apothecien: Die jungen, kleinen Apothecein sehr hell, mit deutlichem Rand, später dann größerr, schon fast randlos und braun, noch später noch größer, kugelig, schwarz und ohne jeden erkennbaren Rand.


    Die folgenden Fotos sind alle vom (vermutlich) gleichen Thallus gemacht.

    Wegen dem Kontinum in Farbe und Rand gehe ich vom gleichen Thallus und unterschiedlichen Entwicklungsstadien aus.


    Bild BS1 Thallus auf Moos mit vielen, deutlich erkennbaren schwarzen Apothecien

    (an wenig befahrener Straße am Ortsrand, Kalksteinmauer, schattig, etwa Nordausrichtung).


    Bei genauer Betrachtung unter dem Stereomikroskop lassen sich unterschiedliche Stellen finden:

    BBild BS2 Weißliche, kleine Apothecien an etwas versteckten Stellen. Der Thallus ist auch etas blass.


    Bild BS3 Deutlich mit Rand...


    Bild BS4 Hier ein Abschnitt mit beigen Apothecien


    Bild BS5 Oder hier dunkler braune Apothecien mit etwas hellerem Rand, und ...


    Bild BS6 Schwarzbraun, leicht gewölbt, und letztlich


    Bild BS7 Schwarze, fast kugelförmige Apothecien.


    Wohl gemerkt: alles am gleichen Thallus.

    Es würde mich nicht wundern, wenn das Abdunkeln während der Reifung zum Schutz der Sporen geschehe und zudem abhängig von der lokalen Sonneneinstrahlung wäre.

    Ähnliches gilt ja auch für die sekundären Flechtenstoffe, welche zu Schutz der Photobionten im Cortex sonnenexponierter Flechten eingelagert werden.


    Ich habe nicht alle Variante der Apothecien auf Sporen untersucht.

    Gaben die blassen, flachen Apothecien deines Fundes schöne Sporen her?

    Dann handelt es sich vielleicht tatsächlich um eine Schattenvariante.

    Oder wir reden auch auch bei B. sabuletorum von einem Artenkomplex - wer weiß das schon so genau...


    ... natürlich gibt es noch weitere Flechtenarten, die auf Moos leben und sehr ähnlich aussehen.


    LG, Martin

  • Servus,

    Nun hab ich mir die Lecidea hypnorum angeschaut und die Merkmale verglichen - hat Spass gemacht ;) und ich konnte alles nachvollziehen.

    Hymenium, Ascus und Sporen in H²O

    Die warzigen Sporen waren zu erkennen aber fotografieren war schwer


    Hymenium mit 5%KOH, die dunkelblaue Granulation färbt sich türkis, die ockerfarbenen Paraphysenauflagerungen werden hell-goldgelb.


    Grüße

    Felli