Hallo zusammen,
hier noch mein Senf zu diesem Thema.
Wie viele Jahre der Weg zum PSV dauert, ist sicher individuell verschieden und abhängig davon, wie man die Pilzerei in der Vergangenheit betrieben hat. In einem Pilzverein wie dem unseren kann man durch den Austausch mit anderen, auch mit Auskennern, recht schnell auf das Fortgeschrittenen1-Niveau kommen, wenn man sich mit der Materie aktiv auseinandersetzt und sich nicht immer nur passiv berieseln lässt. Sehr nützlich ist auch, wenn man sich mit der Bestimmungsmethodik auseinandersetzt, statt zu versuchen, jede relevante Art auswendig zu lernen und immer alles durch Fotoblätterei zu bestimmen, oder sich gar angewöhnt, die Pilze, die man findet, von anderen Auskennern bestimmen zu lassen.
Immer muss man sich auch klar darüber sein, was der PSV können und leisten soll. Er muss in einem vorliegenden Fundkorb zielsicher alles Giftige und Pathogene erkennen und grundsätzlich auch benennen können und dabei Fachkompetenz ausstrahlen, so dass der Anfragende die kontrollierten Pilze mit einem Gefühl der Sicherheit nach Hause tragen kann. Die anderen Beschäftigungen des PSV, wie z. B. Lehrexkursionen durchführen, Fachvorträge halten, Pilzausstellungen betreuen usw. sind mMn schmückendes Beiwerk für diejenigen, die sich dies zutrauen. Pilz-/Vergiftungsdiagnostik im Krankenhaus ist optional, da man als PSV angeben kann, ob man für solche Dienste zur Verfügung steht oder nicht. Jedenfalls ist der Arzt immer Herr des Behandlungsverfahrens, da sollte man als PSV nicht ungefragt reinreden, auch wenn man noch so viel theoretisches Wissen über Vergiftungssyndrome hat.
Daraus ergibt sich, dass man als PSV idealerweise jede Giftpilzart, die in einem Sammlerkorb vorkommen könnte, kennen muss, egal ob die im heimischen Wald wächst oder nicht, damit einem nichts durchrutscht. Wünschenswert ist es, dass man auch jede Speisepilzart, die in einem Sammlerkorb üblicherweise auftaucht, kennt, damit man nicht allzu oft sagen muss: kenne ich nicht, gebe ich nicht frei (was man ja darf und soll). Insgesamt dürften das etwa 200 bis 300 Arten sein, die man sicher kennen sollte. Für das schnelle und sichere (Er-)kennen von Speise- und Giftpilzarten ist extrem nützlich, wenn man einem Pilz die Gattung ansieht, in der er taxonomisch steht. Langes Blättern im Pilzbuch zu Bestimmungszwecken ist zu vermeiden. Es muss in gewisser Weise schnell gehen. Dafür ist ein überblicksmäßiges Gattungswissen erforderlich. Es wird z. B. erwartet, dass man Gattungen, in denen Giftpilze vorkommen, ansprechen kann, z. B. dass man einen Risspilz als Risspilz, einen Schleierling als Schleierling, einen Rötling als Rötling oder einen Schirmling als Schirmling (diese Aufzählung ist willkürlich und unvollständig) erkennt.
Auch wird ein gewisses zweckgemäßes begriffliches Fachwissen erwartet. Wer nicht weiß, was etwa Mykorrhizapartner, Saprobiontik, Universalvelum oder Amyloidität bedeutet, kann bestimmte für die Tätigkeit als PSV relevante Informationen nicht aufnehmen, da er den entsprechenden Texten inhaltlich nicht folgen kann.
Die Pilze, die im Prüfungskorb auftauchen, sind nicht zufällig drin. Im Gegenteil hat der Prüfer sich bei jedem einzelnen Pilz, den er in den Prüfungskorb gelegt hat, etwas dabei gedacht. Manchmal ist es die angeschimmelte Marone (die man erst nach dem Umdrehen als angeschimmelt erkennt), manchmal ist es der junge Fliegenpilz (der dem Flaschenbovist so verdammt ähnlich sieht, zumeist liegen noch ein paar richtige Flaschenboviste oben im Korb!), manchmal ist es der mitten am Stiel abgeschnittene oder sogar nur als Hut vorhandene Knollenblätterpilz (der also sein Hauptbestimmungsmerkmal nicht mehr bei sich trägt) oder andere "Gemeinheiten", bei denen man aber erkennen kann, ob der Prüfungskandidat nur ein guter Theoretiker, nicht aber auch ein guter Praktiker ist.
FG
Oehrling