Servus beinand,
der Thread / das Porrtait ist zwar schon etwas älter, aber ein paar Anmerkungen zur gelaufenen Diskussion sind vielleicht doch für den einen oder anderen hilfreich...
Björn hat den Aufsatz von Gulden et al. (2001) zitiert, demzufolge die Gifthäublinge genetisch nicht unterscheidbar seien. Dazu muss gesagt werden, dass der erste Stammbaum nicht auf den Sequenzen, sondern auf RFLPs aufbaut (Restriktions-Fragment-Längen-Polymorphismen), in dem Fall der ITS. Hier wird nach Schnittstellen für Restriktionsenzyme geprüft, also nicht die ganze Sequenz untersucht. Der ITS-Stammbaum, der dann als zweites gezeigt wird (da dann auf Sequenzen basierend) wurde so gewählt, dass er dem RFLP-Baum entspricht. Das ist sehr seltsam, denn Sequenzen sind genauer. Insofern ist die Frage, ob dieser eine Stammbaum aussagekräftig ist. Schaut man dann genauer hin, so wurde nur die ITS2 sequenziert und dann die 5.8s-Region (ein Teil der LSU). Also noch dazu kurze Stücke.
Dass der Stammbaum nicht auflöst, verwundert da nicht. Die Arbeit wird gerne als Argument verwendet, alle Gifthäublinge zusammenzuschmeißen, aber der Argumentation kann ich nicht folgen.
Dann zu den Begrifflichkeiten - Variationen sind Abwandlungen eines Themas, so z.B. bei Musikstücken aus der Klassik. Die taxonomische Einheit, die gemeint ist, ist die Varietät (und damit ist keine Variation gemeint, sondern ein innerhalb einer Art sich abgrenzender, eigener Genpool, also das, was bei Tieren als Rasse bezeichnet wird). Eine Form ist dann wieder etwas anderes - das ist eine andere taxonomische Rangstufe. In dem Fall wäre es eine Rangstufe, die nur eine besondere Ausprägung mit einem eigenen Namen versieht, wo es aber nicht um Rassenbildung oder einsetzende Artentstehung geht.
Ob man nun diesen Häubling als eigene Art, als Varietät oder nur als Form ansieht, ist natürlich (wie immer) reine Interpretation. Seit dem Aufsatz von Gulden (2001) schauen m.E. nur viel weniger genau hin, weil alles zusammengeworfen wird. Ob man hier aber den Autoren folgt oder nicht, muss man selbst entscheiden. Es lohnt, dennoch genau hinszusehen. Wer weiß, vielleicht wird die Gruppe mal intensiv revidiert und dann sind es doch wieder Arten oder Varietäten? Insofern finde ich es sehr gut, dass Björn genau hinsieht und auch diesen Häubling hier vorstellt.
Wer sich für den Komplex interssiert, dem empfehle ich, sich mit der alten Monographie von Smith & Singer auseinanderzusetzen. Hier wird Galerina unicolor als größersporig als Galerina marginata angesehen (breiter, nicht länger):
Galerina marginata s.str. ss. Smith & Singer: Sporen 8-10 x 5-6 µm
Galerina unicolor ss. Smith & Singer: Sporen 7-10(-13,5) x 5-7,5 µm
Galerina unicolor wächst gern am Erdboden, zwischen Moosen (und ist nach Smith & Singer ein Synonym zu Galerina praticola ss. Orton) oder auf finalfaulem Holz, das am Zerfallen ist. Der Stiel zeigt typischerweise durchaus graue Fibrillen, ist also nicht glatt. Oberhalb des Rings hat der Stiel genau die Farbe der Lamellen, woher der Name kommt. Die Huthaut vermittle zwischen Galerina marginata s.str. und Galerina autumnalis, die sehr gelatinös ist und der Hut sei nicht bzw. nicht so stark hygrophan wie bei Galerina marginata.
Ob man die Unterschiede jetzt als Variabilität einer Art ansieht oder sie doch als Differenzialmerkmale gewichtet, muss man natürlich selbst entscheiden. Der Ring ist ja bei beiden das Velum universale, daher auch bei Galerina marginata erst aufsteigend und später hängend, aber so deutlich stulpenartig wäre zumindest untypisch. Das Substrat als stark verrottet und mit Moosen würde für Galerina unicolor passen. Nur die Sporenmaße... Björn schreibt "laut Literatur "7,5-8,5x5-5,5 µ(m)" - welche Literatur? Jedenfalls weicht das deutlich von Singers Originalkonzept von Galerina unicolor (Fr.) Singer ab... Meine Literatur sagt da was anderes.
Auf alle Fälle eine interessante Kollektion. Und vielleicht sind die Sporenmaße doch variabler und es gibt G. unicolor auch mit schmalen Sporen? Das wird man nur durch gutes Dokumentieren von diversen Aufsammlungen rausbekommen. Bei mir sind viele Gifthäublinge nur "cf."-Bestimmungen, insbesondere bei dem, was man als Galerina unicolor bezeichnen könnte. Irgendwann wird sich's klären, wenn es zu einer ausführlichen Revision kommt.
Ach ja, Smith & Singer unterscheiden 12 Arten (G. atumnalis stellten sie fälschlicherweise in einen anderen Komplex) im Galerina-marginata-Komplex weltweit, dabei auch Arten, die klar erkennbar sind (Galerina wellsiae als Beispiel, die hat keine Pleurocystiden - aus Alaska... Galerina venenata, die bei einer Geschmacksprobe ein Brenenn im Hals erzeugt - wobei ich nicht gern in tödlich giftige Pilze beiße... sie ist aus Oregon beschrieben). Das aber nur nebenbei angemerkt.
Ich würde in deinem Pilz eher Galerina autumnalis erkennen, auch wenn der Ring kräftig ist. Dafür spricht, dass die HDS gelatinös ist, dass der Stiel nur relativ wenige Fasern zeigt, also die silbrig-graue Überfaserung fehlt und dass die Sporen für G. unicolor zu schmal sind. Die Cystidenbreite ist hier nicht angegeben (im Protrait) - sie sollen etwas schmaler als bei Galerina unicolor/marginata sein. Die Sporen von Galerina autumnalis können sehr stark kalyptrat sein, deutlicher als bei Galerina marginata. Würde also auch passen...
Liebe Grüße,
Christoph