Hallo, Besucher der Thread wurde 1,2k aufgerufen und enthält 8 Antworten

letzter Beitrag von Beorn am

Verbogener Milchling (Lactarius flexuosus) ?

  • Hallo,
    nach langer Zeit habe ich endlich einen Pilz gefunden, bei dem ich mir Chancen ausgerechnet habe, ihn zu bestimmen.


    Gestern habe ich in einem Park einen Milchling gefunden, den ich für einen Verbogenen Milchling (Lactarius flexuosus) halte. Es gab nur 1 Exemplar.



    Hier die Details:
    Fundort: Nordwestlicher Vogelsberg, Gemeinde Mücke, TK25: 5320/3 ca 300 m hoch gelegen.


    Geologie, Boden: Basalt; lehmiger, leicht basischer Boden; Boden nicht besonders feucht.


    In dem kleinen Park wachsen Laub- und Nadelbäume, zwischen den Bäumen wächst Gras, das ab und zu gemäht wird.
    Eventuelle Mykorrhizapartner: am nächsten benachbart (ca 2 m): Birke, in 3 m noch eine Birke; in ca 5-10 m eine Roteiche (Quercus rubra)


    Hut: ca 9 cm Durchmesser, Oberfläche unregelmäßig gewellt, Mitte vertieft, violettlich grau, glänzend, glatt, mit Wasser benetzt schmierig.
    Die Huthaut ist am Rand nach innen umgebogen.


    Fleisch: weiß, weißlich
    Lamellen: +- ocker.
    Milch: bei Verletzung weiß, auch so bleibend (keine Verfärbung)


    Stiel:ca 4 cm hoch, oben ca 2,8 cm breit, nach unten schmaler werdend;
    etwas heller als der Hut, an der Basis gelbliche Flecken, bereift.



    Geschmack: nach einigem Kauen scharf (Zungenspitze), aber nicht sehr scharf
    Geruch: schwach obstig



    Sporenabwurf: hat leider nicht geklappt. Eventuell mache ich heute Abend ein Quetschpräparat.



    Hier nun die Bilder:


    (1) Standort.


    (2) Der Hut.


    (3) Lamellen und Stiel. Die Lamellen wurden mit dem Taschenmesser geritzt (rechts). Es zeigen sich weiße Tropfen, die sich nicht verfärben.
    Der Effekt war nicht sehr stark, vermutlich, weil es einige Tage trocken und warm war.
    An der Stielbasis sind gelbliche Flecken.


    (4) 9 cm Hut-Durchmesser.
    Die Tropfen sind jetzt ewas größer.


    (5) Der Stiel ist beeindruckend kurz und stämmig.


    (6) Im Querschnitt: dickes Hutfleisch, der Stiel ist nicht hohl.


    Auf Grund der Größe, dem grauen Hut und Stiel, der Farbe der Lamellen und der nicht verfärbenden Milch komme ich zu


    Verbogener Milchling (Lactarius flexuosus)

    Im Habitus erinnert er an den Rosascheckigen Milchling (Lactarius controversus), den ich im vergangenen Jahr in ca 20 m Entfernung bei einer Salweide gefunden hatte und in 1 km Entfernung bei Zitterpappel. Der Fruchtkörper hat bei ihm aber deutliche rötliche Farben. Auch der Mykorrhizapartner fehlt.


    Was ist Eure Meinung dazu?


    Viele Grüße
    Lothar

  • Hallo, Lothar!


    Schade, das scheint eine Art zu sein, die ich nicht kenne.
    Jedenfalls weder L. pyrogalus noch L. circellatus, ebenso wenig L. fluens oder L. blennius. L. trivialis sieht ebenfalls ein wenig anders aus, L. pallidus erst recht.
    Soll heißen: Ich kann dir auch nicht mehr bieten, als du schon selbst herausgefunden hast. :(



    LG; Pablo.

  • Servus,


    aufgrund der relativ entfernten Lamellen war mein erster Gedanke L. pyrogalus. Ist eine Hasel in der Umgebung auszuschließen? Auch der Geschmack dürfte etwas schärfer sein (was natürlich der individuellen Wahrnehmung unterliegt). Was spricht denn sonst dagegen?


    Gruß


    Helmut

  • Hallo, helmut!


    Bei Lactarius pyrogalus muss ich sagen, aß ich die art nicht besonders gut kenne. Bisher konnte ich nur zwei Kollektionen untersuchen. Eine davon sah so aus:

    Die andere fast genau so.


    Also mit recht schlankem Habitus und einer wenn auch feinen, aber durchaus erkennbaren Zonierung der Hüte. Auch farblich spielt das in eine andere Richtung und der Pilz ist - wie du schon geschrieben hast - brennend scharf.


    Insofern hätte ich hier eher eine andere Art vermutet.



    LG; pablo.


  • Hallo Helmut,
    ich habe den Fund zur Diskussion gestellt, da ich mir selbst nicht sicher bin.


    Zur Bestimmung benutzt habe ich vor allem:
    - Handbuch für Pilzfreunde Bd 5. - 2. Aufl. - Jena: 1983 (Lactarius-Schlüssel 6 auf S. 79ff und Artporträt Nr. 36)
    - Frieder Gröger Bestimmungsschlüssel für Blätterpilze und Röhrlinge in Europa Bd 2 . Regensburg 2014.
    - Großpilze Baden-Württembergs Bd 2. Stuttgart: 2000.
    - Wikipedia

    Beim Geschmack schwanken die Angaben zwischen scharf und sehr scharf


    In manchen Bundesländern wird in der Roten Liste Gefährdungsstufe 3 (gefährdet) angegeben, bei anderen r = selten. In der hessischen Roten Liste ist kein Status angegeben. In dem Buch Ulla Täglich: Pilzflora von Sachsen-Anhalt. Halle 2009 wird auf S. 248 angegeben "zerstreut", d.h. 11-20 Fundstellen, und "durch Eutrophierung rückläufig".



    ich war heute noch mal am Standort: dort wächst kein Haselstrauch in der Umgebung, daher kann es kein Lactarius pyrogalus (L. hortensis) sein.


    Zu Deiner Frage, welche Kriterien (außer Mykorrhizapartner) ich verwendet habe?
    - Hut glänzend (ähnliche Arten haben einen matten Hut)
    - sehr breiter, kurzer Stiel, ockerliche Flecken an der Basis
    - Milch auf den Lamellen nicht verfärbend
    Eine KOH-Probe mit der Milch hatte ich nicht gemacht.


    Zur Sporengröße:
    Ich habe nur 10 Sporen ausgewertet, daher statistisch nicht signifikant, aber ein Anhaltspunkt: 7,6 µm x 6,6 µm, Q=1,15.


    Erfreulich: ich habe heute, in 90 cm Entfernung von der Birke, zwei junge Exemplare gefunden. Ich hoffe, sie halten bis Donnerstag am Standort durch und ich kann sie zum Pilzstammtisch mitnehmen.


    (7) Einer der beiden jungen Fruchtkörper


    (8) Die Lamellen sind auch jung ockerlich. Mit Taschenspiegel aufgenommen.



    Mal schauen, was die neuen Exemplare bringen.


    Viele Grüße
    Lothar

  • Hi.


    Mir fallen eben aus der Gruppe mit klebrig - schmieriger (trocken glänziger) Huthaut noch >Lactarius hysginus< und >Lactarius pallidus< ein, die ich aber beide auch eher ander kenne. Eben auch mit gedrängteren Lamellen und zumindest L. hysginus ist auch kräftig scharf. Vielleicht könnte man aber in den beiden Gruppen noch mal gucken.


    Die meisten richtig guten Milchlingsschlüssel fragen recht früh auch schon nach Mikrodaten wie Aufbau der Huthaut oder Zystidenverteilung. Das könnte man neben den Sporen noch berücksichtigen. Wenn du Melzer hast, Lothar: Betrachte die Sporen mal damit. Die Ornamente sind amyloid und die ornamentstruktur gibt auch oft noch wichtige Hinweise.



    LG; Pablo.

  • Hallo Pablo und Helmut und andere Interessierte,
    am Donnerstag-Nachmittag bin ich wieder zu den beiden neuen Exemplaren gefahren, um sie zum Pilzstammtisch mitzunehmen.


    Aber: die waren nicht mehr gewachsen, sondern sind geschrumpft. Einer von beiden hat schon nach Aas gerochen.


    Die Oberflächenstruktur der Sporen passt nach dem ersten Eindruck nicht zu L. flexuosus.

  • Liebe Interessierte,
    meine Hoffung in Beitrag #5, dass der neue Fund weiterwächst und untersucht werden kann, hat sich nicht erfüllt.
    Am Donnerstag waren sie kleiner geworden, einer roch schon nach Verwesung, der andere war ziemlich trocken und führte nicht weiter.
    Seitdem ist kein neuer Fruchtkörper aufgetaucht.


    Zum Hasel-Milchling: Haseln gibt es, aber in 25 m Entfernung, hangaufwärts, 2,50 - 5 m höher gelegen. Das halte ich für zu weit weg, auch wenn ich immer wieder erlebe, dass der nächstgelegene Baum nicht der Mykorrhiza-Partner sein muss.


    Zur Unterscheidung von anderen Arten ist die KOH-Reaktion der Milch zu überprüfen. Außerdem muss noch mal genau die Verfärbung der Milch beim Eintrocknen geprüft werden.


    Es heißt also: immer wieder mal nachschauen, ob es neue Fruchtkörper gibt.



    Zu den Sporen:
    Melzer habe ich nicht, ich hatte mir die Sporen zunächst in Wasser angeschaut. Da war wenig zu erkennen, aber die ersten sahen zebriert aus. Ich kam dann längere Zeit nicht mehr zum Mikroskopieren. Beim nächsten Versuch war das Wasser verschwunden und ich konnte Strukturen, ziemlich grob zwar, erkennen. Ich habe freihändig durchs Okular mit meiner Lumix LX7 fotografiert, wozu sie eigentlich nicht gedacht ist. Daher ist die Qualität der Bilder bescheiden. Ich zeige sie trotzdem.


    Die Sporen sind anscheinend nicht zebriert ornamentiert. Die Beschreibung in der Wikipedia "Das Sporenornament ist 0,5–“1 µm hoch und besteht aus Warzen und Graten. Diese sind oft verzweigt oder über dünne Linien verbunden und bilden vereinzelt geschlossene Maschen. Isolierte, oft verlängerte Warzen sind ziemlich zahlreich" könnte passen, trifft aber sicher auch für andere Arten zu.


    Ich habe bisher keine Erfahrung mit Sporenornamenten, daher schweige ich besser.



    (9)


    (10)


    (11)


    (12)


    (13)


    Mal schauen, ob dieses Jahr noch ein Fruchtkörper aus dem Boden auftaucht und ich ihr erwische.


    Viele Grüße
    Lothar

  • Hallo, Lothar!


    Ja, das ist schon so ein "Zebra - Muster". Also kein vollständiges Netz, sondern eben einzelne Grate in +/- meridionaler Anordnung.
    Wie genau das nun einzuordnen ist: Ich weiß es nicht, das müsste ich auch erst recherchieren. Es muss für Milchlinge nicht unbedingt Melzer sein (auch wenn das am besten funktioniert), auch Lugol oder Baral sollten helfen. Das Sporenornament ist halt amyloid, so daß es mit Jodhaltigen Lösungen angefärbt werden kann.



    LG; pablo.

    • Gäste Informationen
    Hallo, gefällt Dir das Thema und willst auch Du etwas dazu schreiben, dann melde dich bitte an.
    Hast Du noch kein Benutzerkonto, dann bitte registriere dich, nach der Freischaltung kannst Du das Forum uneingeschränkt nutzen.