Das klingt ja fast schon pessimistisch! Irgendwo muss man doch auch mal einen Ansatz machen. Aber was wäre denn erfolgversprechend?
Ich bin nicht pessimistisch, sondern realistisch mit einer gehörigen Portion Lästigkeit gegenüber Behörden und Ämtern.
Ich versuche das mal ein wenig zu gliedern.
Als erstes gilt es festzustellen, dass jeder der sich für Natur und Pilze interessiert, ein Gewinn ist. Völlig gleich, wie tief er/sie in die Materie einsteigt.
Als zweites gilt festzustellen, dass es einen erheblichen Mangel an Pilzkundigen gibt, die an der Erfassung der heimischen Pilzwelt mitarbeiten. Hoffnungslos unterbesetzt, die Branche.
Dein Ansatz zu sagen, bei so vielen Pilzsammlern muss es doch genügend Potential geben, um hier mehr zu bewirken, ist rein mathematisch richtig. Die Realität sieht aber anders aus, und das hat Gründe.
Um die nachvollziehen zu können, erst mal die Ist-Situation. Die Zahlen sind völlig aus der Luft gegriffen und dienen nur der besseren Erklärung.
Auf 1000 Pilzinteressierte, also Menschen die sich auch für nicht-Speisepilze interessieren, kommt einer, der sich ernsthaft mit der Dokumentation der Pilzvorkommen beschäftigt und die ermittelten Daten weiterleitet.
Nun muss da auch jemand sein, der diese Daten sammelt, prüft und weiterverarbeitet. In jedem? (nein, wohl leider nicht) Bundesland gibt es einen, vielleicht in manchen auch zwei oder drei, die genau das tun. Also die Daten von wiederum vielleicht 50 engagierten Pilzkundlern entgegennimmt aufbereitet und archiviert/weiterleitet.
Daraus entstehen dann die roten Listen der Bundesländer.
Bis hierhin geschieht alles ehrenamtlich und in der Freizeit.
Derjenige, der die Daten der Pilzkundler sammelt und aufbereitet, hat sicher auch ein Leben neben den Pilzen und wie sollte derjenige es schaffen Daten zu verarbeiten, wenn statt vielleicht 50, plötzlich 200 Sammler ihre Daten melden ?
Jetzt könnte man ja sagen, in Zeiten des Internets könnte man eine Datenbank installieren, in die jeder seine Daten direkt online einpflegt. So etwas hat man mit der von Dir erwähnten Pilzkartierung schon versucht.
Probelm dabei ist die mangelnde Kontrolle. Man wird nicht verhindern, dass dort nicht nur korrekte Bestimmungen eingepflegt werden, sondern auch Fehlbestimmungen und vielleicht sogar von Scherzbolden bewusst falsche Angaben gemacht werden. Damit ist diese Datenbank wertlos, weil man den Umfang der falschen Meldungen nicht kontrollieren kann.
Ergo muss auch das wieder in jedem Einzelfall von irgendwem gegengelesen und kontrolliert werden. Und nun steht der kontrollierende vor dem Problem, wie er denn diese Meldungen überhaupt prüfen soll. In der Regel sieht er den Pilz nicht, und kennt den Meldenden, bzw. dessen Qualifikation nicht. Und nun ?
Aber gut, angenommen man würde die entsprechenden Strukturen schaffen, genübend manpower installieren um Meldungen zu sammeln und zu prüfen. Kommen wir zurück zu denen, die die Meldungen abgeben sollen.
Der Sammler Kruse aus Deinem beispiel meldet:
Ich habe Coprinus picaceus gefunden.
Jo, schön, aber so noch völlig ohne wissenschaftlichen Wert. Zu einer brauchbaren Dokumentation gehören eine ganze Reihe von Angaben wie z.B.
Gattung
Art
MTB
Quadrant
Fundort
GPS
Funddatum
Legat
Determiniert
Literatur
Pflanzen-Gesellschaft
Bodentyp
Bodenart
Bodenreaktion (pH)
Bodenfeuchtigkeit
Höhe
Abundanz
Soziabilität
Symbiont/Wirt/Substrat (+Substratzustand)
Beleg (Foto, Exsikkat, Beschreibung, Zeichnung)
Erst mit diesen Angaben wird ein Fund dokumentarisch relevant.
Davor steht noch die korrekte Bestimmung, die ja nicht immer per Augenschein möglich ist. Wenn ich da an Björn und meine Arbeit denke kann man sagen dass für jede Stunde Exkursion mindestens zwei oder drei Stunden Bestimmungsarbeit und Dokumentation fällig sind. Manchmal sitzt man auch über mehrere Tage stundenweise an einer einzigen Art.
Das ist ein Aufwand den sehr viele neben dem Broterwerb gar nicht leisten können, viele auch gar nicht leisten mögen (was ja durchaus verständlich ist).
Ich könnte noch weitere Probleme und Schwierigkeiten nennen, Beispielsweise die uneinheitliche Nomenklatur und die Streitigkeiten drumherum, aber ich glaube es reicht auch so.
Also hat alles keinen Sinn, keine Chance. Da kann man es auch gleich sein lassen ?
Nein !
Natürlich kann jeder der Willens ist, einen wertvollen Beitrag leisten. Und zwar und auch in abhängigkeit der ihm zur Verfügung stehenden Zeit und/oder Lust. Aber eben nicht übers Internet, in Foren oder öffentlichen Datenbanken.
Ich nehme mich und Björn mal als Beispiel. Ohne Björn könnte ich die Kartierungsarbeit nicht machen, bzw. nicht mal Ansatzweise im heutigen Umfang. Da fehlt es ganz einfach (noch) an den Kenntnissen bei der Bestimmung. Ohne mich könnte Björn zwar im Bergischen Land rumtapern, hätte aber unendliche Zeit gebraucht, um die interessanten Kleinbiotope zu finden, wenn das denn überhaupt gelungen wäre.
Der Schlüssel, sich in die Kartierungsarbeit einzubringen liegt ganz klar in der Zusammenarbeit. Nicht nur bei Björn und mir, sondern generell.
Das was wir hauptsächlich im Duett machen, geschieht an vielen Orten im Rahmen diverser Pilzvereine.
Wenn Du/man also mehr machen will, als zum eigenen Interesse den Pilzen hinterher zu schnüffeln, ist der beste (nein einzige) Weg, sich einem solchen Verein anzuschließen.
Alleine bist Du, bin ich, ist man auf verlorenem Posten wenn man nicht über so tiefgreifende Kenntnisse verfügt, wie Björn und andere wirkliche Fachleute.
[hr]
Ist doch völlig unnötig aus diesem Grund Pilze zu bewirtschaften, denn man bewirtschaftet bereits den Wald (Holz) und der funktioniert mit Pilzen besser, das weiß jeder Förster. Deutsche Wälder werden bereits seit langem nachhaltig bewirtschaftet, Kahlschlag großer Gebiete ist die extreme Ausnahme. Zudem werden die Wälder in den letzten Jahren ökologisch stabilisiert, indem man von Fichtenmonokulturen weg und hin zu Mischwäldern geht.
Nein, das Biotop Wald ist in Deutschland nicht mal ansatzweise gefährdet, die Übertragung der Problematik von anderen Geschützten Arten zieht hier nicht.
Das Kleinholz im Wald zu lassen ist ökologisch überaus sinnvoll, da so der Boden geschützt wird und Nährstoffe im Wald verbleiben, die durch Pilze zersetzt werden. Alles restlos auszuräumen würde dem Wald schaden.
Ääähhmm, auch wenn das jetzt nicht ganz zum Thema passt, möchte ich doch widersprechen.:)
Wenn man Wald als Ansammlung irgendwelcher Bäume sieht, dann sind Deine Ausführungen korrekt.
Was die Biodiversität angeht, ist der Deutsche Wald heute überwiegend mit intensiv Landwirtschaftlich genutzten Wiesen zu vergleichen. Der allergrößte Teil ist artenarm, sprich Monokultur. Artenreich sind lediglich diverse Naturparks und viele kleine Inselbiotope, die meist ob ihrer Unwegsamkeit nicht "anständig" bewirtschaftet werden können. Symbionten der Monokulturen (Steinpilz, Pfifferling, Marone und einige andere) profitieren davon.
Saprobionten ist es relativ wurscht. Auf der Strecke bleiben parasitische Arten und Spezialisten, sowie Arten, die ein spezielles Klima oder andere ökologische Faktoren brauchen.
Den Biotop Wald gibt es nicht. Wäldern gliedern sich in eine Vielzahl unterschiedlichter Biotope, die die Waldwirtschaft überwiegend in "nützlich"=wirtschaftlich und "unnütz" = nicht wirtschaftlich unterteilt. Und so sind viele Waldbiotope heute stark gefährdet und mit ihnen die darin lebenden Arten.
Das Abfallholz im Wald verbleibt, ist zwar nicht schlimm, aber auch nicht besonders wertvoll. Es handelt sich ja lediglich um kleinere Äste und Stämmchen. Wirklich wertvolles, abgestorbenes Altholz findet man kaum noch. Kranke Bäume werden gefällt, solange sie noch als Brennholz nutzbar sind.
Eine der grölßten Sünden ist jedoch der inzwischen weit verbreitete Einsatz von Großmaschinen zur Holzernte. Harvester und Fällerbündler hausen ohne Rücksicht auf Verluste. Verdichten den Waldboden derart, dass er auf Jahrzehnte hinaus tot ist. Tonnenschwere LKW fahren bis an den Holzeinschlag heran und zerstören die zum Teil wertvolle Vegetation am Wegesrand.
Die Problematik geschützter Arten trifft heute auch und insbesondere auf den "Wald" durchaus zu.
