Ich will mal versuchen das Thema von der mathematisch/statistischen Ebene weg, hin zur Arbeitsebene des normalen Feldmykologen zu bringen.
Servus Rada,
gute Idee. Wie ich schon schrieb, ist es ein Unterschied, ob man einen Pilz bestimmen will oder ob man eine Beschreibung (z. B. für eine Publikation) eines Pilzes anfertigen will. Für die Bestimmung sind die Sporenmaße ein Merkmal unter vielen. Muss man für die Entscheidung, welche der z. B. zwei sehr ähnlichen Arten, nur prüfen, ob die Sporen z.B. 8-10 µm oder 12-16 µm lang sind, reicht schon das reine Anschauen (mit Messokular).
Geht es aber darum, ob der mittlere Qutient bei 2,1 oder bei 1,9 liegt (wie gesagt: Mittelwert), dann muss man ausreichend viele Sporen gemessen haben und muss in der Lage sein, die richtige Lage von Sporen zu erkennen. Misst man schief liegende Sporen oder anderweitig falsch liegende Sporen, würden die Werte verfälscht, insbesondere beim Quotienten.
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Die Sporen sind in den allermeisten Fällen ein Bestimmungskriterium. Für eine erfolgreiche Bestimmungen braucht es meist noch andere Merkmale.
Klar - sollte man aber mal Messgrößen der Sporen genauer brauchen, muss man auch genau arbeiten wollen/müssen. Manchmal ist auch die Sporenform wichtiger als die Größe. Will man beispielsweise Paxillus involutus s.str. von Paxillus cupreus trennen, hilft messen gar nichts - es geht hier um die exakte Form der Sporen im Schnitt auf der dem Apiculus entgegengesetzten Seite.
Es hängt alles von der Art ab, um die es geht. Manchmal muss man einen Geruch genau erfassen, manchmal bestimmte Frabtöne. Wäre alles so einfach, wäre es ja langweilig 
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Mir scheint, dass das Thema Sporenmessung hier etwas verkompliziert, bzw. auf eine Ebene gehoben wird, die für den normalen Bestimmungsvorgang viel zu tiefgründig diskutiert wird.
Ja und nein. Was das darauf Herumgereite angeht, ob man Konfidenzintervalle oder einfach nur die Min-Max-Grenzen nimmt, gebe ich dir völlig recht. Manche machen daraus fast schon eine Religion. Für die Bestimmung ist das wurscht, sage ich mal. Geht es aber darum, zu erklären, wie man die Länge und wie die Breite einer Spore definiert ist, ist es auch nicht kompliziert. Sie muss nur in Seitenlage liegen. Finde ich nicht zu schwierig, auch nicht für Einsteiger. Und dann denkt man sich ein Rechteck, in das die Spore passt und misst dessen Länge und Breite (daher der rechte Winkel zwischen den beiden Messstrecken).
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Zunächst kann man sicher bemerken, dass alle Meßschritte unter 0,5 µm sowieso mit Skepsis zu betrachten sind.
Stimmt. 
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Unsere Optiken bergen sicher in sich schon Schwankungen und/oder Ungenauigkeiten, die eine genauere und gleichzeitig zuverlässige Messung in diesen Größenbereichen unwahrscheinlich werden lassen.
Ja, 0,2 µm sind die theoretische Grenze bei blauem Licht, Superoptik usw. Schafft keiner...
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Bei einer Bestimmung stützen wir uns auf die Größenangaben in Schlüsseln und Beschreibungen. Die Aufgabe lautet ergo festzustellen, ob die Sporen der Probe in diesen oder jenen Bereich passen oder nicht. Bei Arten, die sich hinsichtlich der Sporengrößen nur minimalst unterscheiden, muss man sowieso weitere, eindeutigere Merkmale herausarbeiten.
Ja, sofern vorhanden
(wenn nein - und die Entscheidung nur ist, zu sequenzieren oder zu versuchen, das an den Sporen irgendwie belastbar rauszuarbeiten, ist's eh nichts für Einsteiger) - wenn nicht, dann kann man halt nicht bestimmen (geht mir oft so - es gibt soooo viele Pilze, und sehr viele sind für mich unbestimmbar)
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Ich will hier nicht die theoretische Diskussion über Sporenvermessung abwürgen, denke aber dass mitlesende mikroskopierende Anfänger oder solche die mit dem Gedanken spielen sich ein Mikroskop anzuschaffen, von der vermeintlichen Komplexität abgeschreckt werden könnten.
Kann sein, weiß ich nicht. Für mich klang es nie so schwierig, die Längen und die Breiten zu messen. Und dass ich, wenn ich einen Durchschnittswert brauche, halt viele Einzelmessungen brauche, sollte auch klar sein. Meist ist es weniger das Nichtverstehen, als das Zeitmanagement. Hat man als Nichtprofi die Zeit, bei jeder Kollektion 30 oder z.B. 60 Sporen auszumessen? Das stellt sich doch eher. Deshalb hatte ich ja auch oben schonmal geschrieben, dass das Verhältnis von Aufwand zu Ergebnis immer mit bedacht werden sollte.
Nur: wenn ich mich entscheide, schnell mal eben 10 Sporen zu messen (ohne exakt aufzupassen und auch inklusive manchen, die nicht plan liegen, wo man vielleicht sogar schätzen würde), reicht das manchmal locker aus. Eben z.B. bei dem fingierten Fall oben mit den deutlich unterschiedlichen Maßen, die geprüft werden müssten. Manchmal reichen drei Sporen aus. Ich kann dann aber abschätzen, dass meine Maße als Ergebnis unsicher sind. Und sind sie nur ein Merkmal von vielen, dann macht das nichts. Sollte aber rauskommen, dass trotz noch so vieler Makromerkmale, die passen, die Sporen einfach völlig anders sind, als zu erwarten, dann wird es spannend. Nur wird man dann wohl nicht mehr bestimmen können, sondern sollte dokumentieren (also sauber beschreiben, bei Experten anfragen oder einfach warten, bis die Art mal vorgestellt wird).
Man muss auch bei Sporenmessungen nicht dogmatisch sein. Es darf ruhig praktikabel sein. Ich selber wollte nur noch nie z.B. von Beginn an systematische Fehler machen. Daher fand ich es immer interessant, zu wissen, worauf man theoretisch alles achten könnte - um dann zu entscheiden, ob das überhaupt sinnvoll oder nötig bei dem konkreten Fall ist.
Und beim Sporenmessen ist die Theorie denkbar simpel. Finde ich. Daher verstehe ich auch nicht, warum das Thema überhaupt emotional genommen werden kann.
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Denen sei gesagt, es ist nicht so kompliziert und derart haargenau, wie es in einer theoretischen Diskussion den Anschein haben mag.
Eben. Wobei Genauigkeit nicht kompliziert sein muss. Komplexität schreckt ab, Genauigkeit nicht. Finde ich jedenfalls (man sollte auch Makromerkmale genau anschauen - selbst ein so unauffälliges Merkmal wie Riefung des Rings kann sehr wichtig sein. Nur wer haargenau hinsieht, wird vermeintlich ähnliche Arten im Gelände erkennen können. "Haargenau" finde ich daher bei Pilzen wichtig. Schwierig ist aber auch das nicht. Letzten Endes kochen alle nur mit Wasser.
LG
Christoph