Servus Pablo,
der Name Boletus luecopodium beruht nur auf der Beschreibung von Persoon (1799: 11), es gibt keine Tafel dazu, also keinen Iconotypus. Wenn man aber in der Originalbeschreibung von Persoon nachliest, dann findet man folgende Umschreibung:
14. Boletus Leucopodius: stipitatus, pulvina-
tus, pileo planiusculo dilute cinnamomeo nitido, poris
parvis albis stipite longo subflexuoso candido: squamulis
verruciformibus concoloribus.
Grob übersetzt: er ist gestielt, polsterförmig (= Röhrling), mit flachem Hut, dieser feucht (etwas schmierig? kann auch weich heißen - dilutus) und schön ziegelrötlich / zimtfarben, mit kleinen weißen Poren ; Stiel lang, etwas gebogen, weiß(!), Stielschüppchen rau, mit gleicher Farbe wie der Stiel (= weiß).
Dann kommt der Seitenumbruch im Buch... auf Seite 12 geht es weiter:
"Hab. aestatis fine in faginetis.
Descr. Stipes spithamam et ultra longus, 1 1/2 unc.
crassus , sursum subattenuatus, hinc inde sulcatus, rugo-
sus, squamulis rugosis, minutis undique obsitus, quae
hac in specie pariter albae sunt.
Tubi unc. 1. fere longi , in fungi medio longiores,
hinc pileus subtus subconvexus, ad aeris contactum pa-
rum decolorant.
Pori magnitudine subaequales , rotundi, parvi.
Pileus sex uncias fere latus, primo ovatus, tunc con-
vexus, demum planiusculus , unc. 1. crassus , ejusque
epidermis in margine ad lineam unam prominet, et non
inflexus, sed, pileo nondum expanso, stipitem circumdat.
Substantia interna sapore acido, et fricata parum caeru.
lescit."
Ich übersetze jetzt nur die von mir fett hervorgehobenen Teile:
Stiel [...] runzelig, mit runzeligen Schüppchen, auf allen Seiten von diesen besetzt, welche bei dieser Spezies ebenso weiß sind (wie der Stiel selbst).
und...
und mit einer derart beschaffenen Haut am Hutrand, dass diese um eine Linie übersteht (eine Linie müsste ich nachrecherchieren, wie groß das Längenmaß damals war).
Kurtz gesagt:
Eine Rotkappe, die nicht tiefrot ist, sondern mehr ins gelbliche geht, deren Huthaut klar übersteh und deren Stiel und deren Stielschuppen weiß sind.
Ergo: die Pappelrotkappe... Der Name wurde nur nicht angewandt, weil man früher die ältere Beschreibung von Leccinum aurantiacum als Pappelrotkappe interpretierte, was jetzt ja nicht mehr der Fall ist, da man diese als Eichenrotkappe ansieht.
Es sei denn, es ginge darum, einen Typus mit konserviertem, untersuchbarem Typusmaterial zu erhalten... Aber dann hätte man auch einen Neotypus anlegen können, das Persoonsche Taxon dadurch aber konservieren. Auch das kann schief gehen (siehe "Boletus erythtopus"), aber richtig gemacht, wäre das wohl eine elegante Lösung gewesen.
Ja, und zwar die einzig sinnvolle Lösung. Bei Boletus erythropus liegt der Fall etwas anders, da die Originalbeschreibung sehr zweideutig ist und zumindest meiner Meinung nach sowohl "Boletus erythropus ss.auct" als auch "Boletus queletii" zusammenfasst - man hätte den Epitypus so wählen sollen, dass der historisch eingebürgerte Gebrauch nicht abgewandelt wird, zumal es auch um den Gebrauch im Sinne von Fries geht, der vorher als Erstbeschreiber galt, bis der Startpunkt vorverlegt wurde. Die Epitypisierung widerspricht dem Sinn, trotz Startpunktvorverlegung die Nomenklatur möglichst konstant zu belassen (deshalb sanktioniert Fries ja auch).
Da die Beschreibung aber hier so klar ist, war ein Neotypus zwar sinnvoll, aber nicht zwingend notwendig - bis man wüsste, dass es zwei weißschuppige Rotkappen gäbe... Dann müsste man tätig werden. Aber auf gleicher Rangstufe neu beschreiben ist unnötig, überflüssig und nervig, denn das wird ja zwangsläufig wieder revidiert. Im Moment müsste nur jemand eine Pappelrotkappe sequenzieren, beschreiben und das dann als Neotypus für Leccinum leucopodium (Boletus leucopodius) definieren. Warum den Bakker das nicht wollte, obwohl er ja im Sammelgebiet Persoons unterwegs war, weiß ich nicht.
Es sei denn:
Das taxonomische Chaos wurde ja angesprochen. Das beschränkt sich ja nicht auf die drei Namen "leucopodium", "albostipitatum" und "aurantiacum". Auch in der Verwendung als Name für die weißstielige Pappelrotkappe geistern ja noch "Leccinum rufum" und wenn ich das richtig noch im Köpfchen habe auch "Leccinum populinum" umher.
Diese Taxa müsste man ja auch noch eingehender untersuchen, was nun damit gemeint ist und wie das zur ursprünglichen Diagnose von Persoon ("leucopodium") passt.
Leccinum populinum - die Originaldiagnose ist hier völlig klar (ist ja eine junge Art) sieht aus wie eine Eichenrotkappe unter Pappel. Korhonen hatte die Wahl, dies als Eichenrotkappe bei Pappel laufen zu lassen oder neu zu beschreiben. Er entschied sich für eine eigenständige Art, da er deutliche Unterschiede in den Sporenmaßen feststellte, was neben dem Wirt die beiden trennt - also L. aurantiacum und diese L. populinum.
den Bakker erkennt die Unterschiede aber nicht als stichhaltig an und synonymisiert die beiden. Er hätte dann aber seine Beschreibung der "Laubwaldrotkappe" erweitern müssen, also die Sporenmaße als so schwankend angeben müssen, dass in dem von ihm angebenen Bereich auch Korhonens Pappelrotkappe enthalten wäre. Hat er aber nicht.
Korhonen hat später einen Artikel im Field Mycologist veröffentlicht, in dem er sehr deutlich gegen die Synonymisierung argumentiert.
den Bakker macht öfter solche Fehler. Beispiel: wenn er Leccinum schistophilum Bon und Leccinum palustre Korhonen synonymisiert, (Leccinum schistophilum ist der ältere Name), dann kann er nicht als Ökologie angeben, dass die Art nur in Mooren im Sphagnum wächst. Schließlich wurde L. schistophilum von einer Schieferhalde auf flachgründigem Boden beschrieben - daher auch der Name. Auch der Fund von Peter Welt, den wir gemeinsam publiziert haben, stammt nicht aus einem Moor, sondern aus einem für L. schistophilum s.str. passenden Habitat. den Bakker hätte wenn, dann schreiben müssen "sowohl im Moor in Sphagnum als auch auf flechgründigen Böden wie auf Abraumhalden und Schieferböden..."
Leccinum rufum wiederum ist ein historischer Name, der auf Schaeffer 1774 beruht. Dörfelt & Berg (1990) interpretieren das in der Orignaldiagnose enthaltene "Stielschüppchen schwärzend" die Birkenrotkappe. Sie wählen aus der Tafel von Schaeffer auch die Teile aus, die ihrer Meinung nach die Birken- / Heiderotkappe zeigen. Damit ist Leccinum rufum der richtige Name für Leccinum versipelle - es sei denn, man erkennt in der Tafel und der Beschreibung nicht klar genug diese Art. Sobald jemand einen zu Dörfelt & Berg (1990) konformen Epiytpus hinterlegt, heißt die Birkenrotkappe folglich Leccinum rufum. Epiytpisierung ging 1990 noch nicht, sonst hätten das Dörfelt & Berg sicher gemacht.
Der Name Leccinum versipelle ist also etwas in der Schwebe. Da er aber recht klar in Gebrauch ist und vorher immer klar war, dass das die Birkenrotkappe ist, würde man hier vermutlich über L. rufum konservieren.
Sei dir sicher, dass all diese Taxa eingehend untersucht und interpretiert wurden. den Bakker selber ist/war ein reiner Genetiker, der vorher in der Botanik unterwegs war. Die Gattung Leccinum war sein Einstieg in die Mykologie - und er hat da wirklich guet Arbeit gemacht - auf genetischer Basis. Er hat die Mikrosatelliten erkannt und für das Alignment entfernt, was neue Stammbäume ergab. So hat er aber nur einen Teil der ITS verwenden können und gapdh - das ist nach heutigen Maßstäben zu wenig. Da fallen nah verwandte Arten schnell zusammen.
Die Arbeit von ihm fände ich spitzenklasse, wenn er dann nicht auch noch angefangen hätte, klassich-taxonomische Schritte folgen zu lassen und dann anhand selbst gesammelten Materials (das wohl nicht immer richtig bestimmt war) und auch immer wieder ohne Genetik im Hintergrund (wie bei L. leucopodium) zu synonymisieren und neu zu beschreiben.
In der 90er-Jahren war es aber "in", zusammenzuschmeißen. Es gibt da immer die üblichen Wellen. Mal wird gespalten auf Teufel komm raus, dann wird wieder alles zusammengeschmissen. den Bakkers Arbeit schlug ein und wurde sofort kritiklos übernommen, weil jetzt die Birkenpilze "wieder bestimmbar" wurden - noch dazu als Kontrast, kurz nachdem Lannoy & Estadès ihr Leccinum-Buch veröffentlichten, das die Artenzahl in französischer Tradition hochfuhr. den Bakker gab dann das Gefühl "keine Panik, es ist eigentlich einfach, denn es gibt ja nur wenige Leccinum-Arten".
Jetzt habe ich die Originaltafeln (die Tafeln in Engel et Al. sind nicht die Originaltafeln, oder?) nicht vor mir, aber wenn "Leccinum aurantiacum" s. orig. eventuell so eine "Pappelrotkappe" mit feinen, rotbraun überlaufenden Stielschüppchen zeigen sollte, dann ist das möglciherweise wirklich ein ganz problematisches Taxon.
Die Definition einer weißstieligen, grob wolligschuppigen Rotkappe bei Pappeln allerdings dürfte unkritisch sein, wenn man das einfach als "Leccinum leucopodium" ansieht.
Was ich ich gerade frage: Den Bakker hat das vielleicht auch erkannt - und hat er dann versucht, durch die Neubeschreibung von "albostipitatum" irgendwie diese beiden morphologischen Sippen zu trennen?
Nein, die Tafeln im Engel sind die von Pilat & Dermek. Und nein, den Bakker hat keine zwei weißschuppige Pappelrotkappen trennen wollen. Das einzige, was in die Richtung geht, ist ein Foto einer Pappelrotkappe unter Pappel mit passender Hutfarbe, passender Stielfarbe, die er als "Eichenrotkappe unter Pappel mit hellen Stielschuppen" bezeichnet. Zu diesem Foto gibt es aber keinen Hinweis, ob das auch genetisch eine Eichenrotkappe ist (was ich sehr bezweifle). Ich vermute folgenden, recht simplen Sachverhalt: den Bakker hat eine Pappelrotkappe bei Pappel gefunden, die bereits sehr blass rötlich verfärbte Schuppen hat (kommt vor) und für jeden von uns einfach ein nirmale Pappelrotkappe ist, die eben gerade an den Schüppchen umfärnt (hat auch damit zu tun, dass die Schüppchen ein Hymenium tragen und von den Sporen verfärbt werden). den Bakker hat diese dann als Eichenrotkappe bestimmt. Hätte er jetzt diese Kollektion per Sequenz mit der Eichenrotkappe gleichsetzen können, wäre das in der Tat spannend und dann gäbe es zwei hellschuppige unter Pappel. Nur wäre dann die Pappelrotkappe nur genetisch erkennbar. So sehe ich nur, dass den Bakker die Pappelrotkappe nicht in allen Ausprägungen kannte (woher auch, er fing ja erst an mit der Pilzkunde) und sich davon hat verwirren lassen, dass die Schuppen nicht bis ins hohe Alter weiß werden.
Fehler kann man immer machen und auch ein Foto einer falsch bestimmten Rotkappe publizieren. Er hätte aber m.M.n. dann diesen Sachverhalt wirklich ausführlich diskutieren müssen und erklären müssen, warum diese Pappelrotkappe keine ist, Die Diskussion ist nur die Bildunterschrift, dass die Laubwaldrotkappe auch bei Pappel wächst und dort einen aberrant hellen Stiel haben kann... Es gibt aber keine entsprechende Diskussion. Es gibt auch keine Diskussion über die Originalbeschreibung von Persoon. Es gibt nichtmal die Diskussion, warum er in der Beschreibung von Dörfelt & Berg die Eichenrotkappe wiedererkennt, was mich sehr wundert, da sich Dörfelt & Berg ja explizit auf die Stielschuppenfarbe beziehen.
Dieses Herumfuhrwerken ohne echte Diskussion nervt mich ehrlich gesagt. Denn so kann man nicht nachvollziehen, warum eine These aufgestellt wird. Wenn man nur lesen kann "Ich habe Dörfelt & Berg eingehend studiert und komme zu dem Schluss, dass deren Leccinum leucopodium die Eichenrotkappe ist", dann ist das nichtssagend. Woran macht er das fest? Was bringt ihn dazu? Diese Nachvollziehbarkeit ist die Grundlage der Wissenschaftlichkeit - und die fehlt hier exorbitant.
Die Taxref-Liste der DGfM hat es so übernommen und ich fürchte, dass keine Spezialisten dort hinzugezogen werden. Man sollte die Gattungen den Spezialisten überlassen (z.B. Ramaria dem Josef Christan - er hat drei Jahre gekämpft, bis seine Verbesserungen der TaxRef-Liste übernommen wurden - da habe ich es hautnah erlebt, wie schwierig es sein kann, als Spezialist die Taxrefliste überarbeiten zu "dürfen").
Im Moment kommt es daher wirklich immer wieder zu dem Kuriosum, dass manche den Namen Leccinum albostpitatum verwenden und dann in Klammern dahinterschreiben (= L. leucopodium).
Zum Glück ist es nur ein reines Nomenklaturproblem. Ich fürchte aber, dass man kaum gegen diesen in meinen Augen unsinnigen Gebrauch ankommt. Jedenfalls nicht im Amateurbereich. Natürlich gibt es Schlimmeres ;-).
Liebe Grüße,
Christoph