Hallo,
wenn man schon einmal etwas seltenes findet, dann hat man ja mindestens moralisch gesehen die mykologische Pflicht zur genauen Dokumentation.
Ich habe also die Gelegenheit zum Anlass genommen, meine Funde etwas präziser zu dokumentieren und dazu Literatur zu wälzen. Ich bin daher noch einmal zum Fundort marschiert und habe neue Exemplare mitgenommen bzw. die Fundstelle genauer angeschaut. Außerdem habe ich (mehr oder weniger zum ersten mal nach einem Einführungskurs in die Pilzmikroskopie im Frühjahr diesen Jahres) das Mikroskop bemüht. Hier noch einmal zusammenfassende Ergebnisse:
Fundort:
Mischwald auf Kalk auf ca 300m, direkt neben einem geschotterten Forstweg. Bäume in der Umgebung von 10m waren Fichte, Pappel und Ahorn. Kiefer und Eiche waren in näherer Umgebung sicher auch vorhanden. Die Pilze wuchsen einzeln aber sehr gesellig direkt auf/im Moos unter einer einzeln stehenden mächtigen Fichte. Holz war unterm Moos nicht vorhanden, mit Sicherheit aber Nadelstreu von der unmittelbar daneben befindlichen Fichte. (Die kahle Stelle bei Bild 3. habe ich selbst geschaffen um freies Sichtfeld auf die Fruchtkörper zu haben)

Hut:
ca 1..2cm im Durchmesser, Hutrand wellig verbogen, im feuchten Zustand am Hutrand durchscheinend (und daher gerieft wirkend), hygrophan, dünnfleischig. Hutmitte vertieft (leicht genabelt). Hutoberfläche feucht glasig (aber nicht schmierig). Farbe lebhaft gelb-ockerlich, Hutmitte dunkler und ins bräunliche gehend.
Lamellen:
Gelblich orange, fast etwas wachsartig wirkend, bogig am Stiel herablaufend. Am Grund auffällig stark adrig verbunden.
Stiel:
Ca 2..4mm im Durchmesser, Länge um die 4..7cm. Sehr zäh, hohl aber zusamnmengdrückt so dass die Schnittfläche wie eine 8 aussieht. Stielfarbe an der Stielspitze (unterhalb Lamellenansatz gelblich, dann nach unten schnell ins tief braune wechselnd. Stielbasis keulig verdickt. Der gesamte Stiel ist mit ocker-orange-farbenen Härchen besetzt die nach unten immer mehr zunehmen; an der Stielbasis regelrecht filzig (auf den Bildern gut zu erkennen).
Hier erst mal ein paar Bilder:

Geruch:
Der Geruch war wie oben beschrieben bemerkenswert. Vor allem weil er verhältnismäßig intensiv ist und eine Note hat die ich von den Pilzen eher nicht so kenne. Der Geruch ist komplex und schwer zu beschreiben (vielleicht Grund dafür dass er in der Literatur oft als indifferent beschrieben wird). Meine Nase riecht eine stark fruchtig-saure Note welche ich mit "Grüner Apfel" (dieses künstliche Zeugs wie in parfümierter Handseife oder einem Duftbaum fürs Auto) oder saure Drops assoziiere. Eine Note nach Blattwanze scheint mir auch dabei zu sein. Der Geruch ist bei getrockneten Fruchtkörpern nicht mehr vorhanden.
Geschmack:
Geschmack ist stark bitter und etwas zusammenziehend. Die Bitterkeit braucht ein zwei Sekunden, dann aber kräftig und man muss mit Getränk der Wahl nachspülen um den Geschmack aus dem Mund zu bekommen.
Chemie:
Die Lamellen verfärben mit KOH sofort nach lachsrosa (siehe Bild). (siehe Bild). Das Stieltrama und vor allem die feinen Härchen) verfärbt mit KOH ins dunkel-bräunliche.

Mikromerkmale:
Sporen ca 5,0..5,5 x 3 Mikrometer (das mit dem Sporen messen muss ich noch üben), zylindrisch bis elypsoid, amyolid. Die Lamellen weisen hier und da (man muss etwas suchen) fingerförmige Cheilozystiden auf, um die 40 Mikrometer lang. Am gesamten Stiel kann man koralloide Caulozystiden finden. Huthaut habe ich nicht untersucht.
Sporen:

Caulozystiden:

Literatur:
Beim Wälzen der mir vorliegenden Literatur (FN, GPBW, Gröger, Ludwig, PdS, 123Pilze) kommt man mit den obigen Merkmalen recht zuverlässig zu Xerompahlina cauticinalis (wobei mir im Schlüssel der FN die Abtrennung zu X. cornui nicht so richtig klar ist). Zumindest im weiteren Sinne - denn beim Wälzen der Bücher fällt auf dass sowohl die Beschreibung von als auch die Erfassung der Art an sich sehr indifferent ist (was vermutlich miteinander einher geht). Geschmack mild oder bitter, Geruch fehlend, indifferent oder parfümiert blumig, Standort auf feuchten moosige Stellen oder auf Nadelstreu, Verfärbung von Stieltrama und Lamellen hier fehlend, da so und dort wieder anders. Varietäten werden von einem Autor postuliert (teils mit Fragezeichen), von anderen Autoren in Zweifel gezogen.
FN trennt X.cauticinalis var. cauticinalis und var. subfellea, wobei bei letzterem die Stieltrama mit KOH bräunlich verfärben soll. Gröger schreibt nur von X. cauticinalis. Ludwig wähnt zunächst in X. cauticinalis einen Schreibfehler und schlägt X. caulicinalis vor. Er beschreibt zudem Varietät var. cauticinalis als geruch- und geschmacklos, erwähnt aber bitte Varietäten var. acida und var. subfellea deren exakte Abtrennung er aber selbst in Zweifel zieht. GPBW hält X. caulicinalis für einen Schreibfehler und schlägt X. cauticinalis vor.
Außerdem synonymisiert er X. cauticinalis und X. fellea. PdS führt X. cauticinalis gar nicht sondern nur X. fellea. Unser User Tricholomopsis hat mir dankenswerter Weise einen Auszug der Monografie zur Gattung Xeromphalina geschickt. Die Autoren (Nooderloos, 2004) betonen zunächst in der Diskussion die sehr indifferente Artendefinition. Sie selbst kommen trennen X. cauticinalis var. cauticinalis (Stieltrama ocker bis braun in KOH) und var. subfellea (Stieltrama rötlich in KOH). Wo ocker-bräunlich aufhört und rötlich anfängt ist dabei allerdings wieder ein weites Feld.
Dieses Durcheinander überfordert mich doch "etwas". Ich habe zugegebenermaßen noch nicht wissenschaftlich mit den Pilzen gearbeitet und daher fehlt mir das Gefühl dafür wie die Literatur zu lesen und zu interpretieren ist. Als (ambitionierter Laie) fühle ich mich zwischen den Fachmeinungen reichlich zerrieben, Eine saubere Abtrennung der Arten und Variabilitäten kann ich nicht erkennen, da jeder Autor etwas anderes schreibt. Woran soll man sich nun halten, wer hat recht und wer nicht?! Mein persönliches Fazit lautet: Mein Fund ist Xeromphalina cauticinalis. Punkt. Ohne .var und Schnerzchen. Alles weitere scheint mir eher Fischen im Trüben. Aber was weiß ich schon 
Nichts desto trotz habe ich durch diesen Fund einiges gelernt. Und wenn es nur dies ist, dass ich über kurz oder lang mal eine gescheite Kamera zum Mikroskop benötige 