Hallo, Besucher der Thread wurde 352 aufgerufen und enthält 4 Antworten

letzter Beitrag von kruenta am

Übersetzungsfrage (agarikón / ἀγαρικόν)

  • Hallo zusammen,


    ich habe auf Wikipedia den Artikel zu dem fossilen Pilz Gondwanagaricites magnificus geschrieben.


    In der Publikation steht: „The genus name is a combination of Gondwana, the ancient supercontinent, the Greek word agarikon, “a mushroom,” and the Greek suffix -ites, denoting a fossil.“

    Ich habe also dementsprechend beim Abschnitt „Namensgebung“ geschrieben, dass der Gattungsname sich aus Gondwana, dem altgriechischen Wort agarikon, was „Pilz“ bedeutung, und dem Suffix ‑ites (das ein Fossil bezeichnet) zusammensetzt.


    Jetzt wurde dieser Abschnitt bearbeitet. Der Editor ist der Meinung, dass „agarikón“ im Original „ἀγαρικόν“ heißt und mit „Zunderschwamm“ übersetzt werden muss. Belegt wird das mit zwei griechischen Wörterbüchern. Zitat: „Na, dann eben mit Quellenangaben. "a mushroom" bedeutet "ein(e Art) Pilz", aber was denn für einer? "Pilz" heißt μύκης, ist also wohl was anderes.


    Ich kann mir allerdings nicht vorstellen, dass das Wort ursprünglich „Zunderschwamm“ bedeutet. Schließlich ist ja auch die Gattung Agaricus beispielsweise davon abgeleitet... Und ich könnte mir vorstellen, dass der Editor übersehen hat, dass es ein altgriechisches Wort ist, was dementsprechend nicht identisch mit dem neugriechischen ist und allgemein für Pilze anstatt nur für den Zunderschwamm verwendet wurde.

    Allerdings kenne ich mich nicht damit aus, inwiefern sich die altgriechische Sprache von der neugriechischen unterscheidet.


    Meine Frage ist jetzt also, ob die altgriechische Schreibweise für „agarikon“ „ἀγαρικόν“ stimmt und vor allem, ob die neugriechische Übersetzung mit „Zunderschwamm“ anstatt „Pilz“ korrekt ist.

    Ideal wären Quellenangaben, damit ich die Information für Wikipedia verwenden kann. Vielleicht liege ich ja auch falsch und es passt alles so (auch wenn der fossile Pilz als Agaricomycet nichts mit dem Zunderschwamm zu tun hat).


    Danke und viele Grüße,

    Emil

  • Hallo Emil,


    also erstmal ist das altgriechische Wort für Pilz irgendwas wie Mykes (Pilz, Schleim), denn daher kommt die Mykologie. Allerdings kann man nicht davon ausgehen, dass die man die klassischen ethnobotanische/mykologische Kategorien so einfach auf heutige übertragen kann. Man muss sich nur überlegen, wie man den allgemeinen und gängigen Begriff "Obstbaum" oder "Unkraut" in die wissenschaftliche Nomenklatur übersetzt :D Dazu kommen reichlich Dialekt, Entlehnungen hin und her, sodass man Leuten die sehr kategorisch argumentieren und behaupten zu wissen ...

    Trotzdem kann man für Agarikon von einer etwas spezialisierteren Bedeutung ausgehen. Mein klassisches Altgriechisch Wörterbuch hat das Wort nicht, aber Genaust (Etymologisches Wörterbuch der botanischen Pflanzennamen) kennt das, sehr zuverlässige Quelle im Allgemeinen mit soliden Kenntnissen in Botanik UND Sprachwissenschaft (meistens fehlt eins), demnach ist das ein "Agaricum officinale", hab ich jetzt nicht nachgeschaut, irgendein Klopper von Porling. Die Übertragung auf Agaricus erfolgte womöglich aufgrund der Größe. Kann man glauben oder auch nicht.


    Neugriechisch baut auf Altgriechisch auf, ist aber gerade lexikalisch in weiten Teilen komplett anders, einfach weil es extrem viele neue Sachverhalte zu benennen gab und die Sprache von analytisch (Deklination, Konjugation) mehr in Richtung synthetisch (Syntax, Bedeutung durch getrennte Wörter) ging. So wie man früher im Deutschen ein Futur hatte "ich werde nach B fahren" (analytisch), das durch synthetisches "ich fahre morgen nach B" ersetzt wurde. Das wäre früher falsch gewesen, weil "ich fahre" bedeutet JETZT. Aber wenn genug Leute den gleichen Fehler machen, wird das richtig :D


    Nochmal ganz was anderes sind wissenschaftliche Namen. Da obliegt es dem Autor etwas zu erfinden oder nachzunutzen, was "mit den 26 Buchstaben des Lateinischen Alphabets auskommt" und "aussprechbar ist". Was der jeweilige Autor sich dabei gedacht hat, schreibt er entweder bei der Neubeschreibung dazu, das ist heute so gewünscht, oder aber nicht und dann kann man wild spekulieren. Prinzipiell entziehen sich individuelle Wortschöpfungen der Etymologie, man kann nur vermuten, wenn der Autor es nicht explizit erwähnt hat. Deine Deutung als großartiger Gondwanapilz als Fossil finde ich gut und schlüssig. Man muss ja auch berücksichtigen, was der Wissensstand zu Agaricus war, als der Autor die Art benannt hat.


    Soweit auf die Schnelle. Wobei ich Arbeit in der Wikipedia als Verschwendung ansehe (habe ich früher auch viel gemacht). Mittlerweile eine Propagandamühle die davon zehrt in Naturwissenschaften recht gut zu sein.

    LG, Bernd

  • Jetzt habe ich mir den Original-Artikel in PLOS angeschaut. Da das eine neue Benennung ist (wann und von wem gehört unbedingt explizit in den Wikipedia-Artikel, wenn man das denn schon macht), folgt diese natürlich auch der neuen Forderung, dass die Etymologie anzugeben ist. Da die Autoren das tun, ist jedwede abweichende Interpretation der Sache in der Wikipedia sinnlos und ignorant.


    LG, Bernd

  • Hallo Bernd,


    Danke für die ausführliche Antwort.

    Könnte -agaricites nicht auch sowas wie „zu Agaricus gehörend“ bedeuten, als Hinweis darauf, dass es sich ja um einen Agaricomyceten handelt? Einfach ist es nicht.


    Die Autoren sind mit der Etymologie eben auch nicht so genau. Sie schreiben „a mushroom“, was ja einiges heißen kann. Zudem scheint auch ihre Übersetzung des Suffixes „-ites“ als „Fossil“ mindestens unüblich zu sein.


    Viele Grüße,

    Emil

  • Hallo Emil, da habe ich bis jetzt nicht nachgeschaut, aus welchen Assoziationen den Autoren die Idee gekommen ist, dass -ites für Fossilien steht oder besonders bei diesen verwendet wird. Spontan fällt mir nichts ein, was aber nicht so arg viel zu bedeuten hat, da man spontaner Vorrat an fossilen Arten sehr begrenzt ist. Vermutlich wird das enfach dieser Suffix ( -ites - Wiktionary ) sein, der eben auch bei wissenschaftlichen Namen von diversen Arten verwendet wird. Genau in dem Sinne, wie Du es vermutest, um Zugehörigkeit anzuzeigen.

    Dann muss man natürlich beachten, dass die Angabe der Etymologie jetzt so eine Art Pflicht geworden ist, worüber nicht alle Autoren in Freude ausbrechen und ein Studie in historisch-vergleichender Sprachwissenschaft abliefern.


    LG, Bernd

    • Gäste Informationen
    Hallo, gefällt Dir das Thema und willst auch Du etwas dazu schreiben, dann melde dich bitte an.
    Hast Du noch kein Benutzerkonto, dann bitte registriere dich, nach der Freischaltung kannst Du das Forum uneingeschränkt nutzen.