Hallo,
gefunden habe ich die Kruste an einer stark zerklüfteten Silikatwand in eine Klamm in den Hohen Tauern.
Die Felswand ist nachweislich kalkhaltig und abschnittsweise mit Wasser überrieselt.
Die Fundstelle selbst wirkt eher bestenfalls feucht.
Bild 1 Habitat: Klamm zwischen Glockner- und Granatspitzgruppe
Bild 2 Flechte in situ an geschützter Stelle direkt auf geschiefertem, kalkhaltigem Silikat
Bild 3 Schorfiger, weißlicher Thallus mit schwarzen, halbkugelig überstehenden Perithecien
Das interessante hier ist die Tatsache, dass die Perithecien in Sammelfruchkörpern auftreten.
Das - falls es stimmt - sollte die Auswahl erheblich einschränken:
Bild 4 Perithecium mit anhaftendem Thallus, zwei Ostiolen und nahtlosem (?) Involucrellum
Bild 5 Blick auf die Unterseite eines Einzelfruchtkörpers
Bild 6 Querschnitt durch Perithecien-Zwilling: Expipulum kugelrund, rundum schwärzlich.
Das Involucrellum scheint über beide Perithecien zu verlaufen; es reicht weit über die Hälfte nach unten, spreizt dort leicht auf.
Die einzelnen Perithecien haben einen Durchmesser um 500-550 µm.
Die eingesenkte Ostiole (links) hat einen Durchmesser von etwa 150µm an der engsten Stelle.
Das Gehäuse ist seitlich am dünnsten (um 30µm), unten dicker (bis 100µm).
Bild 7 Sporen in Wasser (Probe noch ungequetscht):
Die Sporen sind elliptisch, hyalin und deutlich (sub)muriform mit 1-2 schrägen Längssepten und 6-7 schrägen Quersepten.
Die Asci sind 8-sporig, Ascuswände nicht erkennbar.
Sporengröße liegt bei 37,5-45 x 20-22,5 µm.
Eine Schleimhülle kann ich nicht erkennen.
Bild 8 Periphysen unterhalb der Perithecienöffnung sind deutlich erkennbar.
Weiter unten im Hymenium lösen sich die sterilen Hyphen (Paraphysen) auf und sind nur als leicht streifige Reststruktur in der Gallertmatrix erkennbar.
Bild 9a Sporen und Hymenium in Lugol. Die diagonalen Sporensepten sind gut erkennbar.
In Aufsicht sicher deutlich mehr als 10 Zellen (15-20?).
Bild 9b Ein weiterer Ascus(rest) mit 8 Sporen
Bild 10 Interessanterweise existieren im hemiamyloiden (roten) Hymenium amyloide (tiefblaue) Einschlüsse mit harten Übergängen.
Ascushüllenreste?
Bild 11 Thallusfragment mit Grünalgen.
Aufgrund der Sammelfruchtkörper dachte ich schnell zu einer Bestimmung zu kommen.
Tatsächlich kommt man im deutschen Schlüssel (WHS-DFD) für pyrenocarpe Flechten bei Frage 11 zur der Abzweigung zu nur einer (!) Gattung mit Sammelperithecien: Mycoporum, mit lichenisierten und nicht lichenisierten Arten.
Das Blöde ist, dass Mycoporium erstens auf Rinde wächst und zweitens passen die Sporengrößen nicht.
Die gemessenen Sporen sind viel zu groß und vor allen zu breit.
Unterstelle ich, dass die Kruste nur aus einer Laune heraus Zwillingsfruchtkörper gebildet hat, schlüsselt man weiter bis zu Polyblastia (Paraphysen verquellend, Kalk- und Silikatgestein) oder Protothelenella (Paraphysen deutlich, auf Silikat).
Aufgrund der verquolllenen Paraphysen und dem kalkhaltigem Substrat schließe ich Protothenella aber aus.
Der Schlüssel zu Polyblastia s.lat. führt mich jetzt zu P. verrucosa (ev. P. cupularis).
Der Schlüssel für pyrenocarpe Flechten von Orange führt nicht direkt zu Polyblastia, aber zu "Polyblastia, Henrica, Atla and Sporodictyon". Dem Ast für Polyblastia folgend, gelange ich auch zu P. verrucosa.
Die große Frage, die sich mir stellt, ist, ob derartige FK als Sammelfruchtkörper betrachtet werden müssen.
Ich denke mittlerweile nein...
Wer weiß Rat?
LG, Martin
