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letzter Beitrag von Mycelio am

Violetter Rötelritterling - Mycel aus Sporen

  • Hallo zusammen,


    ich möchte mal wieder von einem meiner Zuchtexperimente mit Wildpilzen berichten. Diesmal ist der Violette Rötelritterling (Lepista nuda) an der Reihe. Bei der Gelegenheit nochmal ein großes Dankeschön an Detlef (Datanem), der mir freundlicherweise letzten Oktober einen Sporenabdruck anfertigte und zuschickte.


    Laut Literatur sind Rötelritterlinge wie Champignons auf Kompost- oder Mistsubstraten züchtbar. Manchmal werden sie wohl auch auf Holzresten und Laub gezogen. Erfolge sind dabei eher selten und die Erträge dann auch sehr mager. Man kann zwar bei einigen wenigen Herstellern Pilzbrut vom violetten Rötelritterling beziehen, jedoch ist mir nur ein einziger Betrieb in Frankreich bekannt, der den 'Pied Bleu' erfolgreich züchtet. Aber was soll's, man kann es ja trotzdem mal versuchen und sich anschauen, wie sich das Mycel so verhält. Etwas größere Erfolgsaussichten bestehen wohl, wenn man die kleinen bei sich im Garten ansiedeln möchte. Geeignete Orte wären in und um dem Komposthaufen, sowie in Laubschichten an schattiger Stelle. Als Impfmaterial eignen sich die unteren Stielenden, sowie eine wäßrige Brühe aus ganzen, pürierten Pilzen.


    Anfang Dezember war es dann soweit. Mittels einer Spritze gab ich ein paar Tropfen Wasser auf den Sporenabdruck, kratzte und rührte mit der Kanüle herum und sog die Flüssigkeit wieder zurück. Einen Tag später gab ich dann jeweils ein paar Tropfen der Sporenlösung in acht kleine (vorher sterilisierte) Gläschen mit Kompost und feinen Strohschnipseln. Die Gläser kamen dann in eine kleine Plastikbox und diese wurde dann bei knapp unter 20 °C gelagert. Anfangs inspizierte ich die Gläser täglich, aber natürlich sollte es nicht so schnell gehen. Pünktlich zu Weihnachten kam dann die Überraschung. Innerhalb von zwei Tagen erschienen in allen Gläsern süße, kleine Mycelpuschel an der Impfstelle, bloß in einem waren es zwei. Nunja, der zweite wurde dann nach einigen Tagen grün...
    In den anderen Gläsern wuchs das Mycel munter weiter, bloß sehr viel langsamer als gedacht, etwa einen Millimeter pro Tag. Zum Vergleich: Champignons sind etwa dreimal so schnell, Seitlinge schaffen täglich 1 - 2cm, Morcheln 2 - 4cm. Das Mycel vom VRR wächst wattig wie das der Champignons, aber nicht ganz so dicht und ein wenig wuscheliger, also nicht so streng geradeaus und parallel. Es sind auch mehr Verzweigungen zu sehen. Oft liest man daß es einen violetten Schimmer zeigen sollte, um diesen wahrzunehmen braucht man aber ein wenig Phantasie. Nach einer Weile befürchtete ich, daß das langsame Wachstum durch Sauerstoffmangel verursacht würde und lockerte die Deckel einiger Gläser, was aber keinerlei Veränderung brachte, bloß eine weitere Schimmelkolonie. Ende Januar war dann das erste Glas komplett besiedelt, Mitte Februar das letzte. Habe sie dann noch stehen lassen. Seitdem verdichtet sich das Mycel, von den Impfstellen ausgehend. Ich werde die verbleibenden sechs Ansätze jetzt nach und nach in größere Behälter umbetten und mit verschiedenen Substraten weiterfüttern. Mal sehen, ob sie in irgendeinem schneller wachsen.


    Beide Schimmelgläser wurden sofort ausgesondert, aber nicht entsorgt, um mal zu sehen, wer sich da am Ende durchsetzt und ob sie vielleicht in Gegenwart eines Wiedersachers einfacher fruchten. Eines ließ ich einfach weiterwachsen, beim anderen versuchte ich, das VRR-Mycel in ein sauberes Glas umzusiedeln und mit weiterem Substrat zu füttern. Natürlich wurde das aber nichts, da der Schimmel längst seine Sporen verteilt hatte. Nach einer Woche waren dann wieder grüne Stellen im Substrat zu sehen, die aber überwachsen wurden. Im anderen Glas gab es so eine Art Wettrennen. Am Ende hatte der Schimmel vielleicht 20% des Substrates besiedelt, der VRR den Rest und die gesamte Oberfläche. Inzwischen entfärben sich die grünen Bereiche. Da Rötelritterlinge zum Fruchten wie Champgnons eine Deckschicht benötigen, wurde dieses Glas mit feuchten, porösen Steinchen bedeckt, das andere mit alter, ausgelutschter Blumenerde. Beide male wuchs das Mycel wattig in die obere Schicht ein. In der Blumenerde zeigten sich sogar feine rhizomorphe (wurzelartige) Strukturen, welche wie bei Champignons der Primordienbildung vorausgehen, seitdem tut sich aber nichts mehr, außer daß ein paar Milben in der Blumenerde herumkrabbeln und am Mycel herumfressen.


    So weit, so gut. Werde mal weiter Substrate testen und berichten. Ich rechne zwar nicht wirklich mit einer Ernte, vielleicht gelingt es mir aber, das Mycel in Blumenkästen oder im Hinterhof anzusiedeln. Auch über einen einzelnen Pilz im Spätherbst würde ich mich ja schon freuen.


    Grüße, Carsten


    PS: Will natürlich noch ein paar Bilder zeigen:


    Gekeimte Sporen, Mycel nach einer Woche und heute.



    Das kleine Schimmelglas.



    Rhizomorphes Mycel in der Blumenerde.

  • Hallo Carsten,


    Freut mich das die Westfalen sich in Berlin zumindest schonmal zur Mycelbildung
    entscheiden konnten.Vielleicht gefällt es ihnen ja doch so gut das sie fruchten werden.
    Wünsche dir auf jeden Fall viel Erfolg.


    Gruß Detlef

  • Hallo Carsten,
    vielen Dank für den interessanten Bericht. Bei meiner Schwiegermutter haben sich übrigens im letzten Jahr wild lilastielige Rötelritterlinge im Garten ausgesät - in Kompostnähe. Ihr Mann war leidenschaftlicher Pilzsammler und sie haben die Pilzreste natürlich immer auf den Kompost geworfen. Wer weiß - vielleicht gibt es da ja eine Verbindung...


    Weiterhin viel Zuchterfolg und viele Grüße..........Jens

  • Hallo,


    schön, daß es euch gefällt! Bei den Rötelritterlingen am Kompost bin ich mir sicher, daß dort Mycel aus den Ernteresten wuchs und sich etablieren konnte. Mit etwas Glück klappt das auch mit Schopftintlingen, Champignons, Parasolen, Safranschirmlingen, Riesenträuschlingen, Morcheln und anderen Pilzen, die in Wiesen und Wäldern in der Humusschicht wachsen, keine Symbiosen mit Bäumen benötigen und viele Nährstoffe vertragen. Zur Nachahmung würde ich aber empfehlen, die Reste nicht gerade in der Mitte unterzubringen, wo sehr viel los ist. Wenn ich in meiner Regenwurmkiste nämlich irgendwelches Mycel vergrabe, stürzt sich das ganze Getier immer zuerst auf selbiges. Eine feuchte Stelle am Rand würde bestimmt die Überlebenschancen erhöhen.


    Noch ein paar Links, die ich gestern vergessen hatte:
    Erstmal zu dem erwähnten französischen Zuchtbetrieb, in der Bidergalerie finden sich einige Fotos von den Pieds Bleus, neben Shiitake und Champignons:
    Default.aspx


    Dann noch zwei kurze, englischsprachige Videos, eines zeigt die unsterile Vermehrung mit Stielstücken auf feuchter Wellpappe, das andere die Herstellung von einem gefrorenen Brei aus pürierten Rötelritterlingen, der auf dem Kompost tauen soll, um dann Mycel und Sporen überall zu verteilen.



    Mit dem besiedelten Kompost kann man dann später den gesamten Garten beimpfen. :)


    Grüße, Carsten

  • Hier nochmal ein Foto, vom Mycel, wie es langsam durch Getreide wächst:


    Leider ist das die einzige saubere Stelle inmitten vieler Kontaminationen und auch die anderen Ansätze sind eher Biotope als Reinkulturen, was aber zu erwarten war, bei Sporenkulturen eines Wildpilzes, der am Boden wächst.


    Bei den Substraten sieht es so aus, daß sie nicht zu feucht sein dürfen, sonst stirbt das Mycel ab. Kompost, Mist und Holzspäne (selbst von Nadelholz) scheinen einigermaßen zu passen. Stroh kann auch untergemischt werden, scheint pur aber nicht gern genommen zu werden. Heu wäre vielleicht besser geeignet.


    Grüße, Carsten

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