Beiträge von Vitus Schäfftlein

    Hallo zusammen,


    letzten Freitag habe ich bei einer Tour einen Fund gemacht, dessen Bestimmung mir bis heute den Kopf zerbricht. Am Rande eines Schotterweges fand ich neben Betula pendula auf saurem, lehmigem Boden zwei Fruchtkörper aus der Gattung Leccinum. Vom Habitus meinte ich, sie direkt als Leccinum scabrum identifizieren zu können, und wollte für mein unfertiges Pilzportrait zu dieser Art Bilder machen; aus Platzgründen hinterlasse ich hier lediglich einen Cloud-Link dazu.


    Als ich mit dem Fund nach circa einer Stunde Zuhause ankam, konnte ich an der Stielbasis ganz schwach gelb-bläuliche Verfärbungen feststellen und kam ins Zweifeln. Der Querschnitt gab dann Aufschluss: Eine kleine Stelle an der Stielbasis, direkt am Rand, bläute. Weil ich aus Kibby, 2016, p. 68 im Kopf hatte, dass Leccinum scabrum nie bläut, verglich ich den Fund mit anderen Arten, aber:

    • Leccinum cyaneobasileucum hätte einen rauen Stiel ohne stark kontrastierende Stielflocken und wäre mit Spaghnum vergesellschaftet
    • Leccinum variicolor hätte eine gescheckte Hutoberseite, eine leuchtende rosa Verfärbung in der oberen und eine stärkere blaugrünliche Verfärbung in der unteren Stielhälfte
    • Leccinum melaneum hätte eine sehr dunkle Hutoberseite sowie eine grau-schwarze Stieloberfläche unter den schwarzen Flocken, außerdem ist die Art sehr selten
    • Leccinum schistophilum käme auf sandigen Böden vor und hätte einen schlankeren, stark gebogenen Stiel, zudem ist auch diese Art selten
    • andere Arten der Gattungen Leccinum oder Leccinellum sind mit anderen Baumpartnern als Betula vergesellschaftet.

    Aus Mangel an Mikroskop und Alternativen verglich ich die Beschreibungen zur Verfärbung der Trama von Leccinum scabrum in der Literatur:


    Kibby, 2016, p. 68 Krieglsteiner, 2000, p. 262 Laessøe & Petersen, 2019, p. 764 Gminder & Karasch, 2023, p. 68
    not changing colour when bruised or sometimes discolouring pinkish or reddish beim Durchschneiden nahezu unverändert, höchstens mit leichtem rosalichem Ton im oberen Stielbereich, normalerweise ohne blaugrüne Flecken in der Basis it never discolours bluish or greenish im Schnitt unveränderlich oder schwach rosalich verfärbend


    Offensichtlich ist Krieglsteiner, 2000, p. 262 der einzige, der ein leichtes bläuliches Verfärben in der Stielbasis nicht ausschließt. Deshalb meine Fragen an euch:

    1. Handelt es sich bei meinem Fund um Leccinum scabrum?
    2. Damit einhergehend: Habt auch ihr schon Funde von Leccinum scabrum gehabt, die leicht in der Stielbasis bläuen?

    Ich bin sehr gespannt auf eure Antworten. Herzliche Grüße aus dem Siegerland!


    Literatur:

    Gminder, A., & Karasch, P. (2023). Das Kosmos-Handbuch Pilze: Mit über 2500 Zeichnungen, über 1500 Arten (1st ed.). Kosmos.

    Kibby, G. (2016). British boletes with keys to species (3rd ed.).

    Krieglsteiner, G. J. (2000). Die Großpilze Baden-Württembergs. Band 2: Ständerpilze: Leisten-, Keulen-, Korallen- und Stoppelpilze, Bauchpilze, Röhrlings- und Täublingsartige. Eugen Ulmer.

    Laessøe, T., & Petersen, J. H. (2019). Fungi of Temperate Europe 1 (Vol. 1). Princeton Univers. Press.

    Hallo, zusammen!


    Ich kenne confagosa vorwiegend von Weide und tricolor meist auf Vogelkirsche.

    Von daher gesehen schließt allein die Substratbevorzugung eine Konspezifität m.E. aus.


    Beste Grüße

    Harald

    mir scheint, als wäre dieser Schluss nicht zulässig. Was du in deinem ersten Satz beschreibst, ist zunächst nur, dass es grundsätzlich makroskopisch wahrnehmbare Unterschiede zwischen deinen Funden auf Weide und deinen Funden auf Vogelkirsche gibt. Diesen Teil kaufe ich dir sofort ab. Der zweite Satz folgt meiner Ansicht aber nicht direkt aus dem ersten. Für die in Satz 1 genannten Unterschiede führst du nämlich in Satz 2 die Erklärung ein, dass die Funde auf Weide D. confragosa und die auf Vogelkirsche D. tricolor sind, und die makroskopisch wahrnehmbaren Unterschiede daher rühren, dass es sich um verschiedene Arten (oder Varietäten, die Debatte will ich jetzt nicht aufmachen) handelt, die jeweils andere Substrate bevorzugen.


    Ich glaube, man kann deine Beobachtung aber auch anders deuten, und zwar so: Es handelt sich bei deinen Funden auf Weide und deinen Funden auf Vogelkirsche um dieselbe Art und die makroskopisch wahrnehmbaren Unterschiede lassen sich durch die unterschiedlichen Substrate erklären. Das ist meiner Ansicht nach keineswegs abwegig, in der Pilzzucht kann man das nämlich häufig beobachten. Ein Beispiel: Züchtet man dieselbe Kultur von Pleurotus ostreatus einmal auf Buchen- und einmal auf Fichtenholz, ergeben sich deutliche Unterschiede in Fruchtkörpergröße, -form, -wuchsweise und sogar im Geruch. Beide Myzelien sind aber konspezifisch – allein aufgrund der Tatsache, dass sie genetisch identisch sind.


    Daher kann man aus der Tatsache, dass makroskopisch wahrnehmbare Merkmalsunterschiede zwischen Funden auf Weide und Funden auf Vogelkirsche vorhanden sind, die Konspezifizität meiner Ansicht nach nicht ausschließen; es gibt noch eine alternative Erklärung für deine Beobachtung.


    Die Tatsache, dass zwei unabhängige Untersuchungen der ITS-Sequenzen von Funden, die nach den morphologischen Merkmalen eindeutig trennbar waren, eine Konspezifizität nahelegen, scheint mir hier höchstes Gewicht zu haben. Daher tendiere ich auch zur alternativen Erklärung.


    Beste Grüße,

    Vitus