Candelariella kuusamoensis, Finnische Leuchterflechte

Es gibt 16 Antworten in diesem Thema, welches 532 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag () ist von KaMaMa.

  • Hallo Flechtenfreunde!


    In Bad Dürrheim, dem höchstgelegenen Solebad, in einer sehr winterkalten Ecke (Baar) zwischen Schwarzwald und Schwäbischer Alb, steht ein malerisches altes Pumpenhaus, das vollständig mit Holzschindeln verkleidet ist.Hier wurde die Sole für die Bäder gefördert.

    Von Weitem schon kann man einen knallgelben Bewuchs auf den Holzschindeln, besondes stark aber auf den Fensterbänken erkennen.

    Das Holz ist seit Jahren ungepflegt und bröselt unter den Fingernägeln weg.


    Beschreibung:

    Der gelbe, tiefrissig areolierte und mit etwa 1,5 mm sehr dicke Thallus ist KOH negativ!

    Die gelben Thallusareolen sind um 0,3mm groß, die Apothecien bis 1 mm.

    Thallus, Apothecienrand und -scheiben - alles Ton in Ton.

    Das Hymenium reagiert amyloid, insbesondere die Asci, aber nicht die Hüllen.

    Das Epihymenium ist gelbkörnig belegt, das Hymernium weiß mir einer Dicke um 60-70µm, das Hypothecium ebenfalls weiß.

    Sporen 1-zellig, ellipsoid, leicht gebogen, um 12 x 5 µm groß.

    Vermutlich 16 Sporen pro Ascus (geschätzte Anzahl >8 und <32).

    Die Mikroskopbilder erspare ich mir hier, denn sie sind nicht besonders gelungen und in diesem Fall ohnehin wenig hilfreich.


    Ich schlüssle mich zu Candelariella, dort weiter zu C. kuusamoensis durch - wovon ich bisher nie gehört habe!

    Die Alternative wäre C. coralliza, die aber eher charakteristisch für gedüngtes Silikatgestein ist und vom Habitus her etwas anders wirkt.


    Die Bestimmung C. kuusamoensis könnte stimmen, die zugehörige Art-Beschreibung in der Literatur passt sehr gut:

    Vorkommen auf besonntem, zäh-morschem Holz (!), z.B. gedüngten Hirnschnitten vom Pfählen, Holzplanken von Scheunen (!), v.a. in der montanen und alpinen Zone.

    Die lichtliebende Flechte ist bisher selten außerhalb Nordeuropas nachgewiesen worden.


    Falle ich hier auf eine C. coralliza herein?


    LG, Martin


    Bild 1 Das Pumpenhaus: die untersten Schindeln und insbesondere die Fensterbänke sind von Flechten gelb gefärbt. (Auf dem Dach vermutlich gelbe Landkartenflechten)


    Bild 2 Fensterbank mit Leuchterflechten


    Bild 3 Bewachsene Fensterbank, beim Ablösen der Flechte teilt sich eher das Holz als der Thallus


    Bild 4 Dicker Flechtenbelag


    Bild 5 Lupenbild der durchgetrockneten Probe


    Bild 6 Lecanorine Apothecien


    Bild 7 Seitliche Ansicht auf den Thallus

  • Hallo Martin,

    bei der Bestimmung kann ich Dir leider nicht helfen, aber die Flechten sehen richtig toll aus! Ich lese mich gerade erst in das Thema ein und verfolge Deine Beiträge hier und im anderen Forum mit großem Interesse.

    Grüßle Sandra

    Liebe Grüße aus dem Vogtland

    die Schwarzhex

    :gwinken: Sandra

    (100 - 10 fürs APR 2020 = 90 - 15 APR 21 = 75-10 APR22= 65-5 Rätsel-Gedicht= 60)

  • Hallo Sandra,


    es freut mich, wenn dir die vorgestellten Flechten gefallen. Je mehr Leute sich dafür interessieren, desto mehr und interessantere Beiträge wird es geben.

    Vielleicht auch irgendwann demnächst auch von dir?

    Das würde bestimmt nicht nur mich freuen.


    LG, Martin

  • Hallo Martin,


    Du machst einem die Flechten auch richtig "schmackhaft". ;)  :daumen:


    LG

    »Es mag Leuten merkwürdig erscheinen, dass es Menschen gibt, die den Pilzen mehr Bedeutung zukommen lassen als die Frage nach der Essbarkeit. Es ist nun mal so, und ich denke, Leute wie uns muss es auch geben und es gab sie schon immer.«

    Dietmar Keil (*1954 - +2018), Pilzfreund/PSV aus Mohlsdorf-Teichwolframsdorf


    »Der Mensch kann nicht überleben, wenn er auf allem anderen herumtrampelt.«

    Anna Lowenhaupt Tsing, (*1952), US-amerik. Anthropologin (aus: Der Pilz am Ende der Welt)


    »A visit to a rainforest feels to me like going into a cathredal.«

    Guy Shrubsole (The Lost Rainforests of Britain)


    Pilzkartierung | Saatgut ist Kulturgut! | Natur- u. Artenschutz Westsachsen | Ernährungssouveränität | Regenwälder in Großbritannien

  • Hallo Martin,


    ich bin wie Sandra schon "angefixt" und dabei, mir Deine Fachliteratur-Tipps von kürzlich nach und nach zu besorgen, damit ich dann Stück für Stück, Schritt für Schritt mit in die faszinierende Flechten-Welt eintauchen kann. :)


    LG

    »Es mag Leuten merkwürdig erscheinen, dass es Menschen gibt, die den Pilzen mehr Bedeutung zukommen lassen als die Frage nach der Essbarkeit. Es ist nun mal so, und ich denke, Leute wie uns muss es auch geben und es gab sie schon immer.«

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  • Hallo Martin,

    immer wieder interessant, Deine Beiträge zu den Flechten. :thumbup:


    Da doch einige Interesse an der Thematik zeigen möchte ich auf zwei Beiträge für Einsteiger verweisen.

    Zum einen hat Jule (Julia Kruse) in diesem Forum vor ziemlich genau 10 Jahren eine "Auswahl an Rindenflechten" vorgestellt.

    Also, wer es noch nicht kennt - unbedingt mal anschauen!


    Dann hat der Flechtenspezialist Mike Guwak 2015 im Naturforum eine kurze Einführung in die Flechtenkunde gegeben.

    Vor allem sind dort einige Fachbegriffe anschaulich erklärt. Leider verläuft der Link mittlerweile ins Leere. Daher hier das seinerzeit von mir gespeicherte PDF.

    Flechten 1x1_Guwak, Mike 2015.pdf


    LG, Nobi

    Hier geht es zu meinen Themen.

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  • Hallo Nobi,


    oh, vielen Dank für die Blumen!


    Ja, der Beitrag von Julia ist sehr lesenswert. Wer jede der besprochenen Flechten erkennt, kennt schon viele der häufig vorkommenden Rindenflechten.


    Ich fürchte nur, das vermehrte Interesse an Flechten liegt womöglich in der Jahreszeit begründet. Wir werden sehen. Die Biester sind teilweise schon sehr klein und nicht immer einfach zu bestimmen, das gilt insbesondere für Krustenflechten.

    Der Quereinsteiger, der die großen Pilze kennt und liebt, muss sich da schon "a wengla" umstellen. Und essen kann man die auch nicht!


    Mein Hauptinteresse lag von Anfang an bei den Flechten - jenen Pilzchen, die in kleinen, kompakten Päckchen wachsen und artig ihr eigenes Gärtchen pflegen. Natürlich habe ich auch die großen Pilze lieb gewonnen. Das gilt insbesondere in der "dunklen" Zeit, also in Sommer und Herbst, wenn im Wald eher Zwielicht herrscht und sich große Fruchtkörper aus der Boden schieben. Die kann ich auch in dieser Dunkelheit noch recht gut erkennen.

    Diese großen, weichen Fruchtkörper, die man leicht handhaben kann, sind immer wieder eine schöne Erholung und prima zum Üben und Lernen. :gzwinkern:


    Deshalb freue ich mich natürlich auf den nächsten Herbst!


    LG, Martin

  • Hallo Thorwald,


    ja das Eintauchen kann ich wärmstens empfehlen!

    Es ist eine Miniatur-Wunderwelt, die man am Allerbesten mit einer kleinen 10x Handlupe, die man möglichst immer in der Tasche bei sich trägt, kennen lernt.

    Aber ich muss dich warnen - das Betrachten vor Ort, z.B. an einer alten Friedhofmauer, weckt das Interesse und dann gibt's kein Halten mehr.

    Und:

    Werden schon die Pilzler von den Leuten für Bekloppte gehalten, so ergeht es den Freunden der lichenisierte Pilze noch schlimmer. :girre:


    LG, Martin

  • Ohjaaa, das konnte ich heute live erleben. Aber wer Phytos guckt, kommt auch mit Flechten nicht schneller voran 🤣🤣🤣 Wir haben heute für 600m ne gute dreiviertel Stunde ( für die nicht-Ossis: ne viertel vor um Stunde) gebraucht 8o

    Ich mach glei mal nen neues Thema im Flechten UF auf.

    LG Sandra, dank Euch jetzt total angestachelt!

    Liebe Grüße aus dem Vogtland

    die Schwarzhex

    :gwinken: Sandra

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  • Hallo Martin,


    dies kann ich mir gut vorstellen. Wenn man mit der Handlupe od. dem Taschen-Mikro an so einer Friedhofsmauer verharrt, dürfte dies zu einigen bzw. zahlreichen irritierenden Blicken führen. Andererseits: Von Berufswegen bin ich so etwas ein bissl gewohnt, weil ich da oft irgendwelche Wände, Mauern u.ä. "anstarre", allerdings ist das "Publikum" in der Regel im Bilde, weshalb ich dies tue. :D


    LG

    »Es mag Leuten merkwürdig erscheinen, dass es Menschen gibt, die den Pilzen mehr Bedeutung zukommen lassen als die Frage nach der Essbarkeit. Es ist nun mal so, und ich denke, Leute wie uns muss es auch geben und es gab sie schon immer.«

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  • Hallo Martin.

    Ich fürchte nur, das vermehrte Interesse an Flechten liegt womöglich in der Jahreszeit begründet.

    Das ist mit allem "Kleinkram" so, Martin.

    So scheinen meine Lieblinge, die oft winzigen "Dungis" ebenfalls bevorzugt im Winterhalbjahr zu wachsen, wenn man den Beiträgen im Forum Glauben schenkt.

    Aber es ist natürlich völlig in Ordnung, wenn bald die Großpilzfraktion hier wieder das Zepter übernimmt.


    Es ist schon toll, dass wir hier eigene Unterforen haben und damit die Möglichkeit, uns auf hohem Niveau auszutauschen. :thumbup:

    Es ist eine Miniatur-Wunderwelt, die man am Allerbesten mit einer kleinen 10x Handlupe, die man möglichst immer in der Tasche bei sich trägt, kennen lernt.

    Exakt das gleiche Vorgehen wie bei den kleinen Mistbewohnern, den Myxomyceten oder diversen Anamorphen.

    Werden schon die Pilzler von den Leuten für Bekloppte gehalten, so ergeht es den Freunden der lichenisierte Pilze noch schlimmer. :girre:

    Auch das ist mir, als einem oft auf allen Vieren über Wiesen und Weiden Kriechenden, nicht unbekannt.

    Da gab es in der Vergangenheit oft recht merkwürdige Dialoge zwischen Spaziergängern und mir, dem etwas "verrückten Kriechtier". ^^


    LG, und ich freue mich schon auf weitere interessante Beiträge von Dir.


    Nobi, der natürlich auch hin und wieder eine Flechte anschaut und von deren grazieler Schönheit begeistert ist.

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  • Hallo Nobi!


    Die Vorstellung, jemanden auf allen Vieren, mit der Nase dicht über einen Kuhfladen auf der Wiese zu sehen, ist natürlich schon besonders schräg. Wobei man aus der Ferne den Fladen wahrscheinlich nicht erkennt. :D


    Als ich einmal an einer Klostermauer lehnte, wurde ich von einer besorgten Passantin gefragt, ob ich Hilfe bräuchte. Oh je!


    LG, Martin

  • KaMaMa

    Hat den Titel des Themas von „Candelariella kuusamoensis, Finnische Leuchterflechte ?“ zu „Candelariella kuusamoensis, Finnische Leuchterflechte“ geändert.
  • Hallo Thomas!


    Also, vielleicht zur Erklärung: Ich lehnte mit dem Kopf voran an der Klostermauer, weil ich mit der Lupe die Krustenflechten betrachtete!

    Das hatte ich vergessen zu erwähnen.


    Ähnliche Situation:

    Da steht jemand (ich) verkrümmt am Baum und bewegt sich nicht - was ist da los??

    Nicht schlimmes, meine Frau hat mich nur quer über den Weiher fotografiert, als ich einen Porling oder eine Flechte begutachte.


    Das sieht für den unbedarften Passanten so aus, also ob da jemand sich ganz verkrümmt stützen muss und kurz vor dem Zusammenklappen sei - Herzinfarkt oder so.

    Ich kann das schon verstehen! In Wirklichkeit habe ich mich über die Nachfrage gefreut, denn es ist ja nicht selbstverständlich, dass ein Fremder kommt und Hilfe anbietet.

    Wer weiß, wann man sie wirklich mal braucht!


    LG, Martin

  • Hallo Martin,

    mir war die Situation schon bewußt.

    War deshalb von mir auch nicht wirklich ernst gemeint.

    Selbstverständlich hilft man, wenn man vermutet, dass es jemanden nicht gut geht.

    Danke für deine ausführlichen Erklärungen, jetzt dürfte nichts mehr unklar bleiben.

    Mit dem Wunsch, dass du möglichst nie wirklich Hilfe in so einer Situation benötigst, wünsche ich dir ein schönes Wochenende.

    Viele Grüße

    Thomas