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Sidera vulgaris = Gemeiner Kristallknorpelporling
#1
Gemeiner Kristallknorpelporling
Synonyme:
- Polyporus vulgaris Fr.
- Skeletocutis vulgaris (Fr.) Niemelä & Y.C. Dai

Familie: ?? Rickenellaceae ?? (s. Anmerkungen)
Ordnung: ?? Hymenochaetales ?? (s. Anmerkungen)
Klasse: Agaricomycetes



makroskopische Eigenschaften: Fruchtkörper einjährig (aber eglegentlich abgestorbene, eigene Fruchtkörper des Vorjahres überwachsend), streng resupinat, dünn (Röhren ca. 2-3 mm), mit sehr dünnem Subikulum (meist <1mm), anfangs als kleine Flecken, bald zusammenfließend und weit ausgebreitet, mit bis zu 1m langen Belägen; Poren sehr fein, oft mit blosem Auge kaum zu erkennen, 4-8/mm, fast rundlich bis eckig, auf irregulär-stufigem Substrat gelegentlich auch sinuos verlängert; Konsistenz frisch weich, nachgiebig aber mit einem gewissen Wiederstand und in der Haptik wie ein zäher Filz, getrocknet hart und brüchig; weiß, später cremegelblich bis ockerlich verfärbend

mikroskopische Eigenschaften: Hyphenstruktur dimitisch; Skeletthyphen mit glatten Wänden (ohne feine Inkrustierungen), um 2-3µm breit, dominierend in Röhrentrama und Subikulum, in KOH kaum messbar anschwellend; generative Hyphen mit Schnallen, dünnwandig, verzweigt, gelegentlich mit rosettenförmigen Kristallclustern an Hyphenenden (häufiger im Subikulum als in Röhrentrama und Hymenium); vereinzelt finden sich kopfige Hyphenenden mit vergänglicher Harzkappe („Halozystiden“), bevorzugt an den Röhrenmündungen, aber auch in Hymenium und eingebettet in Trama und Subikulum; Hymenium dünn, Basidien winzig, bläschenförmig, zwischen den Basidien finden sich vereinzelt spindelige Zystiden teilweise mit lang ausgezogenem Hals (und dann die Basidien deutlich überragend); Sporen winzig, mondsichelförmig, 3-4 x 1-1,5 µm

Vorkommen: an stark vermorschtem, liegendem Laub- und Nadelholz (ende optimal bis Finalphase); anscheinend ohne besondere Bevorzugung von Boden- und Waldtypen; in ganz Europa verbreitet und vermutlich nicht selten; zumindest in der Oberrheinebene recht häufig.
Die Datenlage zu der Art ist problematisch, weil Sidera vulgaris lange Zeit mit Sidera lenis (= Skeletocutis lenis) vermengt wurde. Sidera lenis soll allerdings eine vorwiegend boreal-temperat verbreitete Art sein, vermutlich wären bei einer Nachuntersuchung etliche >als Sidera lenis kartierte Funde< in Deutschland als Sidera vulgaris zu revidieren.


Bilder (Draufklicken, dann groß)
bei Schwetzingen, liegendes Kiefernholz ende Optimalphase, vergesellschaftet mit Hyphodontia alutaria:
   
   
   
   

Bei Altrip (2016), an liegendem stark durchmorschtem Laubholzstamm:
   
   
   
   

Bei Wyhl (a.K.) an morschem Nadelholz (vermutlich Fichte):
   
   
   
   
   
   

Bei Altrip (2017) an total vermorschtem, zerfallendem Laubholzstamm:
   
   
   
   


Verwechslungen: Es ist jetzt nicht gerade so, als gäbe es nur eine handvoll weißliche, resupinate, feinporige Porlinge. Wink
Tatsächlich gibt es in ganz verschiedenen Gattungen einen ganzen Haufen makroskopisch extrem ähnliche oder gar identische Pilze, so daß Bestimmungen ohne Mikroskopie unmöglich sind.
Der Gattung Sidera sind in Europa drei Arten zugeordnet, wobei eine davon – Sidera lunata – kein poroides, sondern ein zähnchenförmiges Hymenophor ausbildet.
Sidera lenis ist allerdings sehr ähnlich (und wurde lange Zeit nicht unterschieden, s.o.: „Vorkommen“), das solideste Trennmerkmal dürfte die Sporengröße sein; die Sporen von Sidera lenis sind größer (lt. Lit. 4-5 x 1,5-2 µm). Auch sollen die Fruchtkörper von Sidera lenis mehrjährig sein, was aber diffus wird, sobald Sidera vulgaris die eigenen, abgestorbenen Vorjahresfruchtkörper überwächst und dann auch „mehrjährig“ aussieht. Die rosettenförmigen Kristallkappen an Hyphenenden sollen bei Sidera lenis häufiger sein, was allerdings kaum als Trennmerkmal funktionieren kann: In eigenen Aufsammlungen von Sidera vulgaris variiert die Zahl der Kristallrosetten nicht nur von Fruchtkörper zu Fruchtkörper, sondern teils auch innerhalb eines Fruchtkörpers beträchtlich.
Die Gattung an sich ist mikroskopisch gut definiert durch die kleinen, mondsichelförmigen Sporen, das dimitische Hyphensystem (ohne Bindehyphen) in dem die Skeletthyphen stets recht schmal sind und nie inkrustierte Hyphenwände haben (eingelagerte Kristalle können vorkommen), die kleinen, breitkeuligen bis bläschenförmigen Basidien und die rosettenförmigen Kristallcluster, die normalerweise auf dünn auslaufenden Hyphenenden gebildet werden; diese kristalltragenden Hyphen sind so dünn und schmal, daß man sie kaum beobachten kann und oft nur die Kristalle deutlich erkennt (diese sind allerdings recht charakteristisch).
Skeletocutis ist eine recht ähnliche Gattung (auch teilweise mit ähnlichen Sporenformen), aber dort sind die Hyphenwände in den Röhren inkrustiert.
Antrodia und Antrodiella: Keine Arten mit solcher Sporenform + Skeletthyphen meist breiter
Oxyporus: andere Sporenform + Septen ohne Schnallen
Trechispora: völlig andere Hyphenstruktur + andere Sporen
Oligoporus: völlig andere Hyphenstruktur (monomitisch) + andere Sporenformen
Junghuhnia: alle Arten der Gattung mit großen, skeletoiden & grob inkrustierten Pseudozystiden
Ceriporia: monomitisch, keine Schnallen, andere Sporenformen
Cinereomyces: Sporen nur entfernt ähnlich, Skeletthyphen lösen sich in KOH sofort auf
Aporpium: Erstaunlich ähnlich, weil die Längssepten der (ebenfalls kleinen und rundlichen) Basidien oft schwer zu sehen sind, aber die Sporen sind doch deutlich größer und etwas anders geformt

Beispiele zu verwandten und ähnlichen Arten:
>Sidera lenis = Schmalporiger Kristallknorpelporling<
>Skeletocutis alutacea = Rhizomorphen – Knorpelporling<
>Antrodiella romellii = Resupinate Weißfäuletramete<
>Antrodia xantha = Gelbe Braunfäuletramete<
>Oxyporus populinus = Treppenförmiger Schichtporling<
>Trechispora hymenocystis = Blasenzellen - Stachelsporling<
>Oligoporus romellii = Dünnzystiden – Saftporling<
>Junghuhnia luteoalba = Weißgelber Resupinatporling<
>Ceriporia viridans = Grünender Wachsporling<
>Cinereomyces lindbladii = Grauender Resupinatporling<
>Aporpium canescens = Bräunender Phragmobasidienporling<


Anmerkungen: Wenn man den momentan gültigen Gattungsnamen „Sidera“ auf diese Art anwendet, muss man die systematische Basis aus >Miettinen und Larsson< übernehmen. Dort wird die Art in der Gattung Sidera definiert, die Gattung systematisch den Rickenellaceae zugeordnet.
Diese systematische Einordnung beruht vorwiegend auf ITS – LSU Sequenzen. Morphologisch sind diese Verwandschaftsverhältnisse nicht nachvollziehbar. Die typischen Hymenochaetaceae (Hymenochaete, Phellinus s.l., Inonotus s.l., Onnia) sind von den klassichen Heftnabelingen ebenso verschieden wie die im oben zitierten Artikel als Sidera definierten Arten. Das betrifft nicht nur das makroskopische Erscheinungsbild, sondern auch so gut wie alle mikroskopische Eigenschaften sowie die Lebensweise. Daß es eine Sackgasse sein könnte, Verwandschaftsverhältnisse jenseits der Artunterschiede allein durch einzelne Sequenzen (und nicht durch Erforschen des vollständigen Genoms) zu definieren, stellt vorerst nur eine persönliche Meinung da. Wenn sich so eklatante Unterschiede zwischen morphologischen und biologischen Eigenschaften auf der einen, und Abweichungen innerhalb einzelner Sequenzen  auf der anderen Seite zeigen, ist es vermutlich notwendig, die ITS – basierte Systematik viel stärker und kritischer zu hinterfragen.
Dennoch wird hier die vorgeschlagene Systematik übernommen. Alternativ müsste man Sidera vulgaris wie eine Skeletocutis – Art (Polyporales, Polyporaceae) einordnen. Dann könnte aber die Definition der Gattung Sidera mit den von Miettinen und Larsson dort eingeordneten Arten nicht beibehalten werden.
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#2
hier ein fund von ende märz an stark durchmorschtem, liegenden fichtenstamm
   
   
   
   

bestimmung und mikrobilder pablo
   
   

lg joe
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#3
Moin!

Da wäre mal noch einer von letzter Woche, ziemlich junge Fruchtkörper bei frostiger Witterung unterseits an liegendem, morschem (Mischfäule) Kiefernholz:
   
   
   
   
   


LG, Pablo.
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